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Warum Billie Eilish nicht das gleiche Schicksal wie Britney Spears ereilen wird

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2021 ist, neben vielem anderen, ein Jahr der neuen und alten weiblichen Popstars. Im Frühjahr sorgte mit Britney Spears eine der berühmtesten und erfolgreichsten Sängerinnen der späten 90er- und frühen bis mittleren 00er-Jahre für Schlagzeilen, wenngleich nur indirekt: Die Dokumentation „Framing Britney Spears“ zeigte eindrucksvoll auf, wie Spears ihr kometenhafter Aufstieg gelang – und warum der Fall folgte. Maßgebliche Schuld an ihrem anhaltenden fremdbestimmten Zustand der Vormundschaft tragen demnach ihr Vater und die Medien, die Spears über Jahre hinweg bloßstellten und lächerlich machten.

Im Juli wiederum wird der größte gegenwärtige weibliche Popstar sein zweites Album HAPPIER THAN EVER veröffentlichen: Die 19-jährige Billie Eilish sorgt seit ihrem Debüt WHEN WE ALL FALL ASLEEP, WHERE DO WE GO? für Aufruhr in der Popwelt – sie produziert Musik mit ihrem Bruder Finneas aus dem Kinderzimmer heraus, gewann diverse Grammys, trat als Headlinerin beim Coachella Festival auf und steuerte gar den Titelsong zum neuen Bond-Film „No Time To Die“ bei. Im Frühjahr erschien die Dokumentation „The World’s A Little Blurry“. Darin wird Eilishs Aufstieg dokumentiert und beleuchtet, welchen Anteil ihre Eltern daran haben.

Wir finden, man kann diese beiden Ausnahmekarrieren durchaus einmal vergleichen und Überlegungen anstellen, inwiefern Eilish ein ähnliches Schicksal wie Spears ereilen könnte beziehungsweise warum genau das allem bisherigen Anschein nach zu ihrem Glück nicht passieren wird. Über all das und viel mehr und weniger haben wir vor ein paar Tagen im ME-Talk gesprochen. Wir, das waren ME-Autorin, -Kolumnistin und Eilish-Edelfan Paula Irmschler, ME-Autor, -Redakteur und -Kolumnist Linus Volkmann sowie ME-Redakteur Fabian Soethof. Es ging unter anderem um Selbstbestimmung, Yellow Press, toxische Männlichkeit – und damit um die folgenden Punkte.

5 Gründe, warum Billie Eilish nicht die nächste Britney Spears wird

1. Selbst- vs. Fremdbestimmung

Kinderstars waren sie beide, wenn man so will: Britney Spears wurde schon als Kleinkind zu Talentwettbewerben geschickt. Sie nahm Tanz- und Gesangsunterricht, trat in Musicals auf, drehte Werbespots, sprach beim „Mickey Mouse Club“ vor – und wurde dort 1992 als Elfjährige Mitglied neben unter anderem Christina Aguilera und Justin Timberlake, mit dem sie Jahre später ein Paar werden würde. Nach Gesprächen mit dem später in, nun ja, Ungnade gefallenen Boyband-Manager, Produzent und Unternehmer Lou Pearlman nahm sie Demotapes auf und, im Frühjahr 1998, die Songs, die ein Jahr später auf ihrem Debüt …BABY ONE MORE TIME landen würden und sie schlagartig zur „Princess of Pop“ machen würden und in dessen Folge zur kommerziell erfolgreichsten Künstlerin der 2000er. Auch wenn Spears in Interviews stets betonte, die volle Kontrolle über ihr Image und ihre Musik zu haben, musste dies leider bezweifelt werden: Ihr Doppelmoral-Image als einerseits lasziv tanzende, blonde, schlanke und sexuell selbstbestimmte Schülerin (siehe Video zu „…Baby One More Time“, das sie selbst so gewollt und durchgesetzt haben soll und es ja schon wieder an Mansplaining/toxische Männlichkeit grenzt, anderes zu unterstellen) und andererseits Jungfrau, die sich das erste Mal für einen zukünftigen Ehemann aufspart (als ob das irgendwen etwas anginge) schien gleichermaßen aufgeklärte Küstenmetropolen-Teenager sowie eine konservativere Zielgruppe aus dem us-amerikanischen „Bible Belt“, aus dem auch Spears selbst stammt, abholen zu wollen. „Sex Sells“ war in den 90ern schließlich ein Marketing-Credo – in welcher Form auch immer.

Auch Billie Eilish wurde aus ihrem Kinderzimmer heraus berühmt: Mit acht Jahren sang sie in Los Angeles in einem Kinderchor. Als Elfjährige schrieb sie ihre ersten eigenen Songs, der erste soll von einer Zombie-Apokalypse gehandelt haben. Mit 14 produzierte sie weitere Lieder mit ihrem Bruder Finneas. Sie luden sie auf Soundcloud hoch, „Ocean Eyes“ wurde zum Viralhit. Es folgten weitere Singles, eine EP und, mit 15, ihr erster Plattenvertrag. Schon bevor im März 2019 ihr Debütalbum WHEN WE ALL FALL ASLEEP, WHERE DO WE GO? erschien, wurden mehrere ihrer Songs in diversen Serien und Spots platziert. Die Platte machte Eilish schlagartig nicht nur zu einer hoffnungsvollen Newcomerin, sondern zu einem prompten Superstar. Sie brach etliche Verkaufs- und Streamingrekorde und brachte ihr ein Jahr später fünf Grammys ein. Da war sie 18 Jahre alt und damit in den USA immer noch nicht volljährig.

Was ihr öffentliches Auftreten betrifft, erschien Eilish immer höchst selbstbestimmt: Gerade um sich nicht auf ihren Körper reduzieren zu lassen, trat sie lange Zeit in grungigen Neon-Schlabberlooks auf, die jede Körperbetonung und damit auch Angriffsmöglichkeiten verneinten. Sie entsprach keinem gängigen Ideal und erfüllte damit allem Anschein nach ausschließlich ihre eigenen Erwartungen. Dass auch dahinter kein Zufall oder der Kopf eines Teenagers allein steckt, möchte man kaum glauben – ME-Autorin Paula Irmschler, selbst großer Eilish-Fan, ist sich dennoch sicher, dass auch Eilishs Auftreten das Ergebnis intensiver Imageberatung sei. Einfach deshalb, weil keine große Plattenfirma sich keine Gedanken und Pläne über das Image ihrer Artists machen würde. Steckt eben trotzdem viel, viel Geld drin.

2. Megahits vs. Albumkünstlerin

Wer an Britney Spears denkt, denkt wahrscheinlich zuerst an das Video zu ihrem Hit „…Baby One More Time“ (und danach an ihren so genannten Meltdown im Jahr 2007). Ihre Debütsingle war nicht nur für jeden Fan ein Ohrwurm, sondern auch für dessen Eltern, Freund*innen, Verwandte und für an Popmusik nur sehr oberflächlich interessierte Radiohörer*innen. Spears‘ erste drei Alben wurden zu Megasellern, einfach weil das Album Ende der 90er und Anfang der Nuller das dominierende Musikformat war, mit dessen Verkauf – Streaming gab es ja noch nicht – die Plattenfirmen das große Geld scheffelten. Und das, obwohl Spears als Musikerin, deren nicht nicht als Singles veröffentlichte Albumtracks ebenso hörens- und goutierenswert seien, außerhalb ihrer weltweiten Fanbubble nie wirklich ernst genommen wurde. Auch weil ihre Alben stets ein optimierter Output eines Konglomerats aus Produzenten, Songschreibern und Beratern waren.

Billie Eilishs Karriere hingegen begann rund 20 Jahre später und damit zu einer Zeit, in der Album EIGENTLICH niemanden mehr so recht interessieren. Die Generation Z, zu deren Idol und Vorsprecherin Eilish auserkoren wurde, entdeckt neue Songs zuerst über Spotify-Playlists und TikTok-Memes. Das Songwriting verändert sich deshalb genau so wie die Vermarktung: Tracks dauern oft nicht länger als zweieinhalb Minuten, der erste Refrain kommt innerhalb der ersten 30 Sekunden, Intros, Outros oder ähnliche Geduld erfordernde Momente erlaubt sich kaum noch wer. Es ist, wie uns Tokio Hotel neulich im Interview erzählten: „Früher lief es anders: Dein Album kam heraus und du startetest die Marketing-Rakete. Heute läuft die Rakete andauernd – bis das Album kommt. Dies ist das Ende der Kampagne.“ Umso interessanter, dass bei Eilish beides funktioniert: Ihre Singles wurden Hits, ihr Album aber auch – und das obwohl oder weil Eilish nie den einen großen Überhit hatte wie Spears, den wirklich jede*r kennt. Okay, „bad guy“ kommt dem schon recht nahe – da die Dienste und Wege, heutzutage Musik zu konsumieren, aber fragmentierter sind, ist die Chance, dass Eure Eltern Billie Eilish und ihre Songs kennen, durchaus geringer, als dies damals bei Spears der Fall war. Von den Inhalten ihrer Texte – Eilish kritisiert in „Your Power“ etwa Machtstrukturen und Abhängigkeiten wie die, die Spears so geschadet haben – haben wir an dieser Stelle noch gar nicht gesprochen.

3. Generationenfrage

Die Generation Z gilt gemeinhin als woke, aufgeklärt, mündig, medienaffin und mit einem gesunden Drang zur Verbesserung der Dinge ausgestattet. Body Positivity statt Body Shaming, vegane Ernährung statt Mc Donald’s, Fridays for Future statt Fridays for Hubraum. Instagram statt Yellow Press. Sollte Eilish also doch mal Kritik wegen Äußerlichkeiten, unglücklicher Aussagen oder dem Wunsch nach Privatsphäre ernten, stehen ihre Millionen Follower*innen als Korrektiv hinter ihr. Die BTS-Army zum Beispiel, also die Hardcore-Fans der koreanischen Boygroup BTS, zeigt eindrucksvoll bis beängstigend, wie viel Macht sie hat. Auch hinter Britney Spears stehen seit ihrer Vormundschaft durch ihren Vater und dem damit einhergehenden unklaren psychischem Zustand zahlreiche Fans, sie formierten die #FreeBritney-Bewegung. Als Spears in den Nullern aber zunehmend von Klatschmagazinen öffentlich vorgeführt wurde, hätte sie schon ein sehr stabiles privates Umfeld haben müssen, um all die Vorwürfe und Kritik über ihr angebliches Fehlverhalten an sich abprallen zu lassen. Nicht zuletzt durch die Doku „Framing Britney Spears“ und darin kritisierte Männer wie Timberlake („Ja, ich habe mit ihr geschlafen“), ihr alle Geschäfte an sich reißende Vater, den Vater ihrer Kinder Kevin Federline und schmierig-dubiose neue Möchtegern-Manager wissen wir: So ein Umfeld fehlte ihr. Ferner werden die Älteren unter uns sich erinnern: Es galt damals als sehr salonfähig, auf den Witzezug über Britney Spears aufzuspringen. Das taten nicht nur diverse Medien, sondern wir alle auch im Privaten. Wer kennt nicht Sprüche auf Tassen oder T-Shirts wie: „If you have a bad day, remember: Britney survived 2007.“ Klar, soll lustig und motivierend gemeint sein. Macht sich indirekt aber auch über Betroffene von Mental-Health-Problemen lustig und spielt sie herunter. Gut, dass solche Sprüche im Social-Media-Zeitalter nicht unwidersprochen bleiben.

4. Die Medienlandschaft

Wenn Britney Spears in den Medien stattfinden wollte, musste sie mit ihnen reden. Und wenn sie mit ihnen redete, war die Gefahr groß, dass ihr das Wort im Mund herumgedreht oder sie in eine bestimmte Ecke gedrängt wurde. Von diesem Framing und der Unmöglichkeit, das „Richtige“ zu tun, erzählt auch „Framing Britney Spears“ und zeigt als Beleg Interviewausschnitte, die beschämend sind, und das nicht für Spears. Hätte Spears sich entschieden (oder entscheiden können), mit bestimmten Magazinen und TV-Sendern nicht zu sprechen, hätte man es ihr ebenso negativ ausgelegt. Die Klatschpresse brauchte Schlagzeilen. In Britney Spears‘ Privatleben fand sie sie. Und wenn sie mal keine fand, provozierte sie welche, zum Beispiel durch übergriffige Paparazzi, die sich bis heute nicht zu blöd sind, vor laufender Kamera zu sagen, sie hätten doch nur ihren Job erledigt.

 

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Heute brauchen die ganz großen Popstars keine klassischen Medien mehr, aber die Medien brauchen sie. Eilish hat wie im Grunde jeder Popstar dieser Tage eigene Social-Media-Accounts, auf denen sie selbstbestimmter darüber entscheiden kann, was sie wann und wie der Welt, darunter ihre 87 Millionen Follower*innen, mitteilt. Diese Fanbase war es auch, die Eilish so groß machte, wie sie ist. Wenn die Redaktion einer Zeitschrift also mal beleidigt ist, weil sie kein Interview mit Eilish bekommt, muss sie um das Ende ihrer Karriere nicht fürchten – wer dich nicht groß gemacht hat, kann dich auch nicht kleinmachen (zumindest in einer idealen Welt). Eine derartige eigene Gefolgschaft bringt aber auch Nachteile mit sich. Eilish steht mutmaßlich unter dem permanenten Druck, ständig „on“ sein zu müssen: Wenn Gen-Z-Stars mal zwei Tage am Stück nichts auf Instagram posten, fragen sich ihre Fans sogleich, ob denn alles in Ordnung sei. Bei Britney ist das leider ein bisschen anders: Auch sie hat heute einen eigenen Instagram-Account mit über 30 Millionen Follower*innen. Dort fragen sich aber nicht wenige, ob bei ihr alles in Ordnung sei, WENN sie was gepostet hat. Es gibt sogar einen Podcast namens „Britney’s Gram“, der sich ausschließlich diesem Account widmet und mutmaßliche Verschwörungstheorien darüber aufstellt, welchen Hilferuf uns Britney durch das Tragen bestimmter Ketten, Kleider, mit Blicken oder durch Handzeichen mitteilen will.

 

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5. Ihre Eltern

Ja, auch Britney Spears‘ Mutter verfolgte früh den Wunsch, ihrer Tochter zu einer Bühnenkarriere zu verhelfen, sie zog dafür mit ihr zum Beispiel aus Kentwood, Louisiana, nach New York. Als das ausgemachte Böse in „Framing Britney Spears“ steht ihr Vater Jamie da, der für ihn selbst folgerichtig – er kennt ja seinen Ruf – mit den Filmemacher*innen gar nicht erst sprechen wollte. Er gilt als derjenige, der Britney nicht zuerst als seine beschützenswerte Tochter, sondern als Geschäftsmodell sah. Er war derjenige, der nach Britneys Zusammenbruch im Jahr 2007 vor Gericht die Vormundschaft erstritt und seitdem über ihre Finanzen, ihre öffentlichen Auftritte und über das Sorgerecht ihrer Kinder entscheiden kann. Da er und sein direktes Umfeld keine Interviews geben und der Grad alleiniger Entscheidungen und ihres gegenwärtigen Gesundheitszustandes bei Britney Spears auch nichts als ein Spekulationsobjekt ist, kann auch niemand eindeutig sagen, wie böse Jamie Spears wirklich ist. Dass sein Einfluss auf seine Tochter aber nicht der beste war und ist, gilt als gesichert.

Dass auch Billie Eilishs Eltern einen Einfluss auf sie hatten, ist erstens kein Wunder, einfach weil sie ihre Eltern sind und wird zweitens in der Doku „The World’s A Little Blurry“ thematisiert. Ihre Mutter ist Schauspielerin, Lehrerin, ihr Vater Bauarbeiter und Teilzeit-Schauspieler, beide sind sie Hobbymusiker. Kunst und Musisches gehörten dadurch auch zum Alltag ihrer Kinder. Billie und Finneas bekamen dadurch Möglichkeiten, aber spürten mutmaßlich keinen Drang oder gar Zwang. Dass ihre Eltern über die Karrieremoves ihrer Teenietochter mitentscheiden wollen (und müssen), steht dabei außer Frage: Auf ihren ersten Welttourneen von LA bis nach Europa und zurück zum Headlinerauftritt beim Coachella Festival reist die Familie mit und fungiert unter anderem als Management, das es manchmal auch zu gut meint: In Eilishs Apple-Doku sehen wir eine beeindruckende Szene, in der ein Tros von Journalist*innen in irgendeinem Backstagebereich oder davor auf Billie Eilish wartet, um dem Superstar ein paar Fragen zu stellen. Eilish aber ist ko, bedrückt, müde, sie will gerade einfach nicht. Ihre Mutter überredet sie, trotzdem dort rauszugehen und ein paar Selfies schießen zu lassen. Eilish lässt sich, sichtlich unwohl, überreden, geht da raus, ist so nett und professionell und cool, wie eine Teenagerin in so einem für sie schlechten Moment sein kann und bittet danach ihre Mutter: „Mama, sowas machen wir bitte nie wieder, wenn ich nicht will.“ Und was sagt ihrer Mom? Sie stimmt ihrer Tochter bedingungslos zu. Bleibt zu hoffen, dass Eilish auch während der Promotion zu HAPPIER THAN EVER, für die sie eine neue Haarfarbe und ein neues Outfit wählte, und all die Jahre danach so viel Selbstbestimmung erhalten bleibt.

Mehr über Billie Eilish und ihr neues Album HAPPIER THAN EVER erfahrt Ihr im kommenden Musikexpress 08/2021.

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