Kommentar

Warum es natürlich okay ist, dass Die Ärzte „Elke“ nicht mehr spielen

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Am letzten August-Wochenende des Jahres 2022 beendeten Die Ärzte ihre Berlin-Tour mit einem Beinahe-Hattrick: Drei Konzerte auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof waren geplant (und ausverkauft), zwei fanden statt. Wegen einer Unwetterwarnung musste das erste Konzert am Freitag kurzfristig abgesagt werden. Der Stimmung am Samstag und Sonntag tat dies keinen Abbruch. Am Sonntag etwa eröffneten Die Ärzte zu Spätsommersonnenschein mit ihrem Song „Der Himmel ist blau“ und spielten sich in den folgenden zwei Stunden und 45 Minuten kreuz und quer durch ihr ausladendes Repertoire. Hits wie „Deine Schuld“, „Hurra“, „Schunder-Song“, „Schrei nach Liebe“ und „Junge“ fehlten nicht. Einen bestimmten einstigen Klassiker aus ihrem Katalog aber ließen sie, wie übrigens schon seit Jahren, aus: Nachdem ein Fan sich lautstark „Elke“ wünschte, erklärte Farin Urlaub: „Nee, Leute. ‚Elke‘ ist fatshaming und misogyn. So was spielen wir nicht mehr, das ist letztes Jahrtausend.“

Zur Erinnerung: „Elke“ erschien 1988 auf dem Die-Ärzte-Album DAS IST NICHT DIE GANZE WAHRHEIT…. Der Song handelt von einer fiktiven Liebesgeschichte zwischen Farin Urlaub und einem übergewichtigen Fan. Darin heißt es unter anderem:

„Wir haben uns getroffen, allein bei ihr zuhaus
Sie sah noch viel, viel dicker als auf dem Foto aus
Ich schloss sie in die Arme, das heißt ich hab’s versucht
Ich stürzte in ihr Fettgewebe wie in eine Schlucht
Sie ist ein echter Brocken, drei Meter in Kubik, wah!
Sie sieht so aus wie Putenbrust mit Gurke in Aspik“

Wenn Farin Urlaub also heute, 34 Jahre später, sagt, dass „Elke“ fatshaming und misogyn sei, man damit also Mobbing von Menschen mit so genanntem Übergewicht sowie Frauenfeindlichkeit hochhalte, hat er natürlich recht. Nur weil es früher okay war, sich über Dicke lustig zu machen (looking at you, Westernhagen), muss und sollte es das heute nicht mehr sein. Und selbst wenn Fans des Songs behaupten, dass sie ja nicht wirklich was gegen übergewichtige Menschen hätten oder gar selbst welche kennen, die „Elke“ lustig finden, sollten sie erkennen, dass andere Betroffene sich durch jene Zeilen diskriminiert fühlen könnten. Man nennt das Fortschritt. Um Cancel Culture geht es hier freilich keineswegs: Erstens ist der Song nicht verboten und weiterhin erhältlich, es ist wie mit „Layla“, das kann auch zu Hause oder auf eigenen Partys weiter abfeiern, wer will, zweitens handelt es sich bei dieser Entscheidung ja um die des Urhebers persönlich. Und der hat zum Glück noch genug weitere, durchaus auch lustigere Asse im Ärmel, die besser gealtert sind als „Elke“. Mal abgesehen von solch anderen, nun ja, schwierigen Liedern wie „Geschwisterliebe“ und „Claudia“.

„Elke“ ist übrigens nicht der einzige Song aus ihrem Backkatalog, der in keiner Setlist mehr auftaucht. Bereits 2003 erklärte Drummer und Sänger Bela B, dass Die Ärzte ihren kommerziell größten Hit „Männer sind Schweine“ „nie wieder“ live spielen werden. Als Grund nannte die Band bereits mehrfach dessen Vereinnahmung von Ballermann-, Dorffest- und Aprés-Ski-Publikum, die die eigentliche Aussage des Songs nicht verstanden hätten.

P.S.: Was Die Ärzte selbst über Jugendsünden oder den Vorwurf der Frauenverachtung in einigen ihrer Texte zu sagen haben, könnt Ihr in einer Folge des Radio-Eins-Podcasts „Diese eine Liebe“ nachhören:

So ganz beendet ist die Berlin-Tour von Die Ärzte übrigens noch nicht: Am 6. September wird das Konzert im „Metropol“ nachgeholt, das wegen Krankheit eines Bandmitglieds am 20. Mai nicht wie geplant stattfinden konnte. Parallel dazu befinden sich Die Ärzte außerdem auf „Buffalo Bill in Rom“-Tour.


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