Jahresrückblick

Warum sich Die Ärzte 2020 in einer anderen (Pop-)Welt zurechtfinden mussten

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Bitte?! Bitte, Bitte? Was war das denn? Mit der zweiten Single aus ihrem Comeback-Album stiegen Die Ärzte auf Platz eins der deutschen Charts ein. So weit, so gewohnt von der „besten Band der Welt“. Geholfen haben ja auch zwei Videos: ein reguläres, sowie ein auf Viralität angelegter Singalong-Clip, gespickt mit Stars von Roland Kaiser über Die Toten Hosen bis H.P. Baxxter. Die Ärzte wissen, welches Jahr wir schreiben. Doch in der Folge drauf befand sich „True Romance“ noch nicht mal mehr unter den Top 100. Ähnlich war es auch der Vorgängersingle, das wie in guter Bandtradition willkürlich betitelte „Morgens pauken“, ergangen. Ganz komisch machte sich der Song auf Platz drei der Hitliste, eingequetscht zwischen Bausa x Juju und Kitsch-Krieg feat. Jamule. Fast konsequent, dass der Fremdkörper in der nächsten Folge komplett aus den Charts verschwunden war.

Die Ärzte können somit zwei weitere Rekorde ihr Eigen nennen: die tiefsten Charts-Abstürze der deutschen Singles-Geschichte. Was war da geschehen? Die alten Fans liefen bei Erscheinen gezielt los, um die physischen (Vinyl!-)Singles zu kaufen – nur dort gab’s die seit 2019 verstreut veröffentlichten Songs „Abschied“, „Rückkehr“ und „Ein Lied für jetzt“ als B-Seiten. Eine einmalige Aktion. In den Charts hält sich aber nur, was permanent gestreamt wird. Von jungen Menschen, denn nur die streamen permanent, und offensichtlich nicht Die Ärzte.

Die Ärzte sind Die Ärzte

Dabei hatte es doch gerade diese Band, ähnlich wie die musikalisch verwandten Pop-Punks von Green Day, über Jahrzehnte geschafft, immer wieder die jeweilige Generation an Zwölfjährigen in den Bann zu ziehen. Aber nach achteinhalb Jahre Pause zwischen zwei Alben hat man eben auch fast eine Generation verloren und vielleicht dann doch den Anschluss verpasst. Dazu zählt das überraschend träge AUCH von 2012 unter Fans auch nicht zu ihren Lieblingsalben. HELL wollte da alles anders – und vor allem: richtig – machen.

Der Titel war schon mal perfekt, vereint er in seiner Zweideutigkeit doch sowohl die sonnenbeschienene Welt des Farin Urlaub mit der darunterliegenden, der höllischen Heimat des Vampirs Bela B. Das Album ist ein Manifest: „Dies ist mein Leben, es gibt keinen Plan B“, heißt es da. Die Ärzte sind Die Ärzte. Selbstreferenzen halten HELL als roter Faden zusammen. Es ist ein Album für die Fans – und die hatten sich, nachdem sie 2015 schon das damals 22 Jahre alte „Schrei nach Liebe“ an die Spitze der Charts gebracht hatten, nichts sehnlicher gewünscht als ein strammes AfD-Bashing. Das kam in Form des die Partei vergewaltigenden Schlussgags „Woodbürger“ und dessen „schwulem“ Refrain – ein Trick, der nicht ganz aufging.

Dass sich die Band in ihrer Kritik „selbst ins Gewirr reaktionärer Narrative begibt“, urteilte etwa „Der Spiegel“. In der „Zeit“ hieß es: „die anklingende Idee, dass Menschen schwul ‚werden‘ oder einander schwul ‚machen‘ könnten, bleibt auch dann homophob, wenn man sie auf Nazis anwendet“. Die Ärzte im Zeitalter politischer Korrektheit. Ob man live noch mal von der fetten Elke, der stark behaarten Monika – oder gar der zoophilen Claudia hören wird? Die Ärzte von gestern, etwa mit dem 22 Jahre alten „Meine Freunde“ oder Die Ärzte von vorgestern, mit dem 32 Jahre alten „Schwanz ab“, wären wohl gegenwartsverträglicher gewesen. Und dass die Band am Veröffentlichungstag von HELL die „Tagesthemen“ eröffnete, zwar um auf die Notlage der Kulturbranche hinzuweisen, aber: Ist das noch Punkrock? Zumindest auf diese Frage hatten sie eine eindeutige Antwort in diesem Jahr: Alles ist Punk! Nur Aluhüte nicht.

„HELL“ im Stream hören:

Dieser Artikel erschien erstmals im Musikexpress 01/21. Hier findet Ihr weitere Texte aus unserem Jahresrückblick 2020.


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