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Streaming-Tipp

Warum sich „Wie ein Fremder“ auf Netflix auch/erst recht lohnt, wenn Ihr von Voltaire noch nie gehört habt

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Was passiert mit all den talentierten Künstler*innen, denen die große Karriere vorhergesagt wird und sie dennoch scheitern? Sechs Jahre lang begleitete der Regisseur Aljoscha Pause den hochtalentierten Musiker Roland Meyer de Voltaire, der im Jahr 2005 vom „Rolling Stone“ neben den Arctic Monkeys noch als „schönste Aussicht auf das Jahr 2006“ betitelt wurde. Sein großer Durchbruch blieb jedoch aus. Pause hat seine Langzeitstudie in eine fünfteilige Dokuserie umgewandelt und sie „Wie ein Fremder – eine deutsche Popmusik-Geschichte“ genannt. Die Doku ist am 5. Juni 2020 als Blu-ray und Video on Demand erschienen – und jetzt auch auf Netflix im Stream zu sehen.

Der Filmemacher selbst bezeichnet das Projekt als „Herzensthema“. Er erklärt: „Nach meinen jüngsten Doku-Serien für Amazon und DAZN geht es mit dieser Serie einerseits wieder back to the roots: diese Doku ist Independent von Kopf bis Fuß, wie einst mein Film ‚Tom meets Zizou’“. Und er sagt weiter: „Andererseits geht es auch zu neuen Ufern: Popmusik.“ In „Wie ein Fremder“ wird Roland Meyer de Voltaire über mehrere Jahre hinweg auf seinem Weg begleitet, den Traum von einer Musikkarriere doch noch zu verwirklichen.

Nachdem der Höhenflug im Jahr 2006 trotz großer Ankündigung auf sich warten ließ, ging es bergab für den Kopf der Band Voltaire. Roland Meyer de Voltaire steht immer mehr vor finanziellen und mentalen Schwierigkeiten. Erst als er sich entscheidet, seine Wohnung aufzugeben und wohnungslos zu leben, kehrt Hoffnung und Kreativität wieder in sein Leben zurück. Mit neuen Songs und neuem Künstlernamen startet Meyer de Voltaire als Schwarz einen neuen Versuch.

Die Serie „Wie ein Fremder“ entstand unter Mitwirkung und Unterstützung von bekannten Künstler*innen wie Schiller, MadsenAlinaMegaloh und Enno Bunger sowie einigen Musikjournalisten, darunter Joachim Hentschel und ME-Redakteur Linus Volkmann. Der kürte „Wie ein Fremder“ in Folge 71 seiner Popkolumne auf musikexpress.de zur Doku der Woche und führte aus:

„Aljoscha Pause ist bekannt für intime Dokus aus der Fußballwelt, gern habe ich „Tom Meets Zizou“ gesehen oder auch „Trainer“. Als Aljoscha Pause vor Jahren bei mir um ein Interview für ein neues Projekt anfragte, wunderte ich mich dementsprechend. Was hatte ich mit Fußball zu tun? Doch Pause drehte eine Langzeit-Doku über Roland Meyer de Voltaire, es ginge um Musik und warum so ein talentierter Typ nie die große Würdigung erfahren hatte. Na, okay. Ich lud ihn und sein Filmteam zu mir ein.

Meine Position war eindeutig: Wieso sollte denn jemand, nur weil er Talent hat, auch den kommerziellen Durchbruch schaffen? Ist das Musikbiz etwa die Wohlfahrt oder der Geschmack der Masse ein Gradmesser für gute Kunst?

Auf mich wirkte der Aufhänger der Doku fast etwas naiv – und der größte Fan von Rolands nie durchgestarteter Band Voltaire war ich auch nicht gewesen. Nach der fünfteiligen Serie, die nun das Ergebnis der sechsjährigen Arbeit von Pause darstellt, bewerte ich das allerdings anders: Gerade die gewisse Naivität ist es, die hier den Blick unbefangener wirken lässt. Und nach all den Stunden, die man mit Roland Meyer de Voltaire verbringt, kann man gar nicht anders und denken: Was für ein interessanter Typ das ist! Man mag das Stockholm-Syndrom nennen, ich würde aber lieber sagen: eine genauso liebevolle wie tiefe Musik-Doku, die man gesehen haben sollte ( – und keine Sorge: Ich selbst komme nur sehr kurz mal vor, versprochen).“


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