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Popkolumne, Folge 71

Mit dem E-Roller nach Mallorca und ins Autokino – alles wieder „normal“: Volkmanns Popwoche im Überblick

von

LOGBUCH: KALENDERWOCHE 25/2020

Es waren geruhsame Tage im Home Office (lies: Schlaflabor), nach dem Filmen einer Instagram-Story am Tag musste ich mich immer noch mal hinlegen, dazu habe ich viel frittiert. Doch das Corona-Schutzschild ist mittlerweile down und der wieder anlaufende Alltag schreit hysterisch nach Aufmerksamkeit. Großveranstaltungen bleiben zwar untersagt, aber für meinen Kram reichen die Lockerungen natürlich und so verbringe ich diese Woche damit, eine Online- und eine Autokino-Lesung vorzubereiten. Richtig gehört: Lesung im Autokino. Also dafür ist Hermann Hesse sicher nicht am Kreuz gestorben. Aber was will man machen? (Also außer in der nächsten Folge von dem Wahnsinn zu berichten.)

2020 spinnt weiter: mit leerem Zug ins Autokino. Foto: Matthias Korte
Diese Woche kehren die ersten Urlauber zurück auf Mallorca

GEDICHT DER WOCHE: KAMPFSTERN MALLORCA DOCKT AN

Reisen zum Mars, zu sich selbst und zum Mond
Finde jetzt nicht, dass sich das übertrieben lohnt

Einziger Ort, von dem deutsche Sehnsucht nicht lassen kann
Er ist mehr als mythisch – und dort steht der Ballermann

Partys verboten, Vati liegt mit Mundschutz im Sand
Wir kehren zurück zum gelobten Strand

Ach, ganz blass bist du, Palma, ich kann es doch seh’n
Doch nichts kann uns trennen, auch nicht Covid-Neunzehn.

DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WOCHE: Ingrid Adjoa Yeboah

Ich habe Ingrid im Januar 2020 auf einem Panel kennengelernt, der Titel lautete (extra noch mal nachgeschaut): „Diversity, Dynamic, Queerness: Pop kennt keine Parallelgesellschaft“. Zu dieser Zeit hatten nicht nur wir beide safe keine Ahnung, was das unfassbare Jahr noch bringen würde. Ingrid arbeitet als Juristin, war früher auch in der Musikindustrie tätig. Wie (wenig) verstrickt ist diese eigentlich in das Thema Rassismus gegen BPoCs? Das habe ich sie anlässlich der aktuellen Situation in Amerika und anderswo gefragt.

 

Ingrid, schwierige Zeiten, einfache Frage: Wie geht es dir dieser Tage?

INGRID ADJOA YEBOAH: Puh, Corona ist ein ziemliches Arschloch, muss ich sagen. Ich bin ziemlich genervt – und auch nicht jede erlassene Maßnahme hat sich mir vermittelt. Für den Fortgang der Diskussion wünsche ich mir auf jeden Fall mehr Aufklärung. Ansonsten geht es mir heute ganz gut, habe gerade ein paar sehr schöne Weintrauben gegessen.

#theshowmustbepaused – hinter diesem hashtag finden wir das Engagement der Musikindustrie in den Black-Lives-Matter-Geschehnissen. Du kennst die Branche: An welcher Stelle sollte auch der Popbetrieb selbst kritisch auf sich blicken?

INGRID ADJOA YEBOAH: Engagement bedeutet nicht nur, für einen Tag ein schwarzes Bild hochzuladen. Auch die Musikbranche in Deutschland ist nicht frei von Rassismus. Angefangen damit, dass talentierten Schwarzen Künstlern aus Angst, diese generieren nicht den gewünschten Absatz, weniger Support von Entscheidern der Branche zukommt. Stattdessen werden diese durch weiße Künstler ersetzt, die dann als Repräsentanten der Schwarzen Musik fungieren sollen. Der Widerspruch dabei ist, dass sich Schwarze Künstler trotzdem einem bestimmten Stereotyp ausgesetzt sehen, indem ihnen die Rolle des/der Backgroundsängers/in zugeteilt wird oder sie in die „Black Music“-Ecke gedrängt werden und andere Genres (Rock, Metal) nicht „ins Bild“ passen.

Die Anzahl der Teilnehmer*innen bei Demonstrationen auch in Deutschland für „Black Lives Matter“ waren zuletzt eindrucksvoll. Was denkt du, sollte der nächste Schritt engagierter Leute sein, damit dieser Elan nicht wieder verpufft?

INGRID ADJOA YEBOAH: Gut ist, dass die Rassismus-Debatte aktuell auch in der Mitte der Gesellschaft stattfindet. Um Nachhaltigkeit zu schaffen und die Thematik nicht nur als Trendthema zu qualifizieren, muss ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass Rassismus ein institutionelles und strukturelles Problem ist und nicht mit der AfD oder rechtsradikaler Gewalt beginnt. Dieses Bewusstsein kann durch die Auseinandersetzung mit dem Ursprung des Rassismus und der Kommunikation mit Betroffenen geschaffen werden. Wichtig ist auch, dass diversere Narrative in den Medien stattfinden. 

Ingrid Adjoa Yeboah ist Anwältin für Urheber- und Medienrecht. Wer legal advice dahingehend sucht, erreicht sie hier

DOKU DER WOCHE: „Wie ein Fremder“


Aljoscha Pause ist bekannt für intime Dokus aus der Fußballwelt, gern habe ich „Tom Meets Zizou“ gesehen oder auch „Trainer“. Als Aljoscha Pause vor Jahren bei mir um ein Interview für ein neues Projekt anfragte, wunderte ich mich dementsprechend. Was hatte ich mit Fußball zu tun? Doch Pause drehte eine Langzeit-Doku über Roland Meyer de Voltaire, es ginge um Musik und warum so ein talentierter Typ nie die große Würdigung erfahren hatte. Na, okay. Ich lud ihn und sein Filmteam zu mir ein.

Meine Position war eindeutig: Wieso sollte denn jemand, nur weil er Talent hat, auch den kommerziellen Durchbruch schaffen? Ist das Musikbiz etwa die Wohlfahrt oder der Geschmack der Masse ein Gradmesser für gute Kunst?

Auf mich wirkte der Aufhänger der Doku fast etwas naiv – und der größte Fan von Rolands nie durchgestarteter Band Voltaire war ich auch nicht gewesen. Nach der fünfteiligen Serie, die nun das Ergebnis der sechsjährigen Arbeit von Pause darstellt, bewerte ich das allerdings anders: Gerade die gewisse Naivität ist es, die hier den Blick unbefangener wirken lässt. Und nach all den Stunden, die man mit Roland Meyer de Voltaire verbringt, kann man gar nicht anders und denken: Was für ein interessanter Typ das ist! Man mag das Stockholm-Syndrom nennen, ich würde aber lieber sagen: eine genauso liebevolle wie tiefe Musik-Doku, die man gesehen haben sollte ( – und keine Sorge: Ich selbst komme nur sehr kurz mal vor, versprochen).

„Wie ein Fremder“ (Mindjazz Pictures) – der Trailer:


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VIDEO DER WOCHE: Wonk Unit

Die coolste UK-Punkband macht es einem wirklich einfach: Sie touren (wenn nicht gerade virus-induziertes Weltenende ist) regelmäßig in Deutschland und haben mittlerweile mit Kidnap Music (dem Label der Band Pascow) eine hiesige Vertretung. Okay, dann los, lasst diese Band endlich auch bei uns zu Stars werden. „Summertime“, der neue Clip, ist ein glitschiger Hybrid aus NoFX und Pet Shop Boys. Sowas hat doch wirklich noch gefehlt. Hallo Wonk Unit!


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WHAM DER WOCHE: „SO SEHEN STARS AUS“

Draußen brennen die Straßen und die Seuche patrouilliert. Wer will einem da ein wenig Eskapismus missgönnen? Mein persönlicher lautet aktuell: „WHAM! George und ich“ (HarperCollins). Es ist die Biographie von Andrew Ridgeley, dieser Typ an der Seite von George Michael. Von dem wusste ich mit Verlaub bis dato ziemlich wenig bis gar nichts. Doch das hat sich nun geändert. Ein exzentrischer Counterpart mit viel Elan wird hier sichtbar und es gibt einiges von seiner Warte aus zu erzählen. Wer Musikbücher zu schätzen weiß, dem sei dieses hier nahegelegt. Doch vermutlich habt ihr es bereits vor mir schon gelesen. Dann beschränke ich mich hier nur auf zwei Bilder aus dem Buch, die belegen: Wham sind weit mehr als bloß „Last Christmas“ – zum Beispiel sind sie auch unterhaltsam verunglückte Fashion-Victims… 


PODCAST DER WOCHE: „Never Forget“

Der Name dieses Pod-, oder sagen wir ruhig, Popcasts bezieht sich auf ein Stück von Take That – und wenn man jenes im Kopf weiterlaufen lässt, kann man schon ahnen, worum es geht: „Never forget… where you coming from“*. Die Antwort lautet hier: die Neunziger. Fabian Soethof und Stephan Rehm-Rozanes sind zwei der pointiertesten Actionfiguren der Berliner Musikexpress-Redaktion. Sie stehen für schöne Texte, bunte Texte, viel Leidenschaft – und was soll man von Musikjournos noch erwarten, außer vielleicht, dass sie nach Feierabend Verbrechen aufklären in ihrer Stadt?

Ich finde es jedenfalls äußerst erfrischend, die ja ohnehin vorhandene ME-Listenwesenkompetenz in die zeitgemäße Form des Podcast gegossen zu bekommen. Für mich bräuchte es nicht mal die Interviewpartner, denn das faktenreiche Retro-Geklingel der beiden Protagonisten unterhält einfach wie von selbst. Dennoch bereichern die Auftritte von Joachim Hentschel (Autor von „Zu geil für diese Welt: Die 90er – Euphorie und Drama eines Jahrzehnts“) und Wolfgang Schrödl (Ex-Liquido) die beiden ersten Episoden. Ich lege es wirklich allen nahe, die ihren nächsten Go-to-Podcast suchen.

*Anm. der Red.: In Wahrheit singen Take That „Never forget where you’ve come here from“. Aber das hat ja niemand jemals so verstanden.

 MEME DES MONATS

GUILTY OR PLEASURE (90S-EDITION, PT.8): LIQUIDO

Die Sache ist ganz einfach: Ein verhaltensauffälliger Act aus dem Trash-Kanon der 90er wird noch mal abgecheckt. Geil or fail? Urteilt selbst! Der Teilnehmer diesmal liegt für mich auf der Hand, der Bandname fiel in dieser Kolumne schließlich bereits an anderer Stelle.

Folge 8: Liquido

HERKUNFT: Sinsheim (Baden-Württemberg)
DISKOGRAPHIE: 5 Studio-Alben
ERFOLGE: Die erste Single „Narcotic“ ist ihr Hit. Er verkauft mindestens 625.000 Einheiten und schafft selbst in Belgien und Italien Gold-Auszeichnungen, in Deutschland sogar Platin.
TRIVIA: „Narcotic“ ist Ende der Neunziger nicht als Instant-Winner ins Geschäft eingestiegen. Bei der Major-Plattenfirma galt das Stück als „zu rockig“, was mit dem quietschigen Video konterkariert werden sollte. Erst sah es dennoch so aus, dass der Newcomer Liquido mit seiner Debüt-Single untergehen würde, dann setzten sich doch noch MTV und VIVA auf das Video – und die Erfolgsgeschichte begann.

PRO
„Narcotic“, das ist einer jener wenigen Ausnahme-Songs, die die Neunziger auf den Punkt bringen. Sein poppiges Indierock-Feeling gepaart mit musikfernseh-tauglichem Eye-Candy-Video lässt uns eine kommerziell aufgeschwemmte Dekade sehen. Sie versteht es allerdings, die Antipoden Indie und Mainstream zu einer griffigen ästhetischen Form zu verschmelzen. Liquido waren nicht weniger als Propheten.

CONTRA
Liquido durchleben die eher bittere als süße Karriere einer Gruppe, die ewig im Schatten ihres allerersten Megahits steht. Schon der Nachfolge-Song „Doubledecker“ mit dem superdämlich sexistischen Video bewies, wie wenig Substanz das Kurzzeit-Phänomen haben sollte. Liquido waren nicht weniger als verflucht.


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