Meinung

Warum „Wir sind mehr“ auf dem Lollapalooza in Berlin weitergehen könnte – und sollte

Das Lollapalooza-Festival findet am Samstag und Sonntag bereits zum vierten Mal in Berlin statt. Nach diversen Geländewechseln ist es 2018 im Olympiapark mitsamt dem gewaltigen Stadion angekommen. Dem Stadion, in dem der schwarze Athlet Jesse Owens 1936 durch seine vier Goldmedaillen zum erfolgreichsten Sportler der Olympischen Spiele wurde und dadurch vor den Augen Hitlers und der Welt die Lehren von der arischen Überrasse ins Reich der faschistischen Fantasie verbannte.

Der Berliner Olympiapark ist also nicht der schlechteste Ort, um ein Zeichen gegen Fremdenhass und Faschismus zu setzen. Das Timing könnte nicht besser sein, findet das Lollapalooza-Festival doch nur wenige Tage nach dem „Wir sind mehr“-Konzert in Chemnitz statt. Nachdem AfD, Pegida, die rechtspopulistische Bürgerinitiative Pro Chemnitz, „besorgte Bürger“ und schlichtweg gewaltbereite Neonazis den Tod eines mutmaßlich von Flüchtlingen ermordeten Chemnitzers für Demonstrationen gegen Zuwanderung und Angela Merkels Flüchtlingspolitik instrumentalisiert haben, riefen Kraftklub und weitere Acts am Montag zur Gegenveranstaltung.

Chemnitz war nicht die Lösung, aber vielleicht ein Anfang

65.000 Menschen kamen zu „Wir sind mehr“, erfüllten das Motto mit Leichtigkeit und tanzten und skandierten gegen Hetze und Fremdenhass an. Kraftklub-Sänger Felix Brummer ordnete das Event auf der Bühne ein: „Wisst ihr, es ist uns vollkommen klar, dass man mit ’nem Popkonzert an einem Montag nicht die Welt rettet. Wir sind nicht so naiv, dass wir glauben, dass alle Probleme gelöst sind, nur weil sich ein paar Leute zusammenfinden und Musik spielen. Aber wir haben auch schon vor zwei Wochen in Chemnitz gewohnt und wir wohnen auch noch in Chemnitz, wenn die Kameras wieder weg sind. Und manchmal ist es einfach wichtig, dass man sich nicht so allein fühlt, dass man nicht allein gelassen wird und dass Freundinnen und Freunde kommen, um einem zu helfen.“

65.000 Zuschauer besuchten in Chemnitz das Soli-Konzert.

Der Tenor am Montag war eindeutig: „Wir sind mehr“ in Chemnitz ist definitiv keine Lösung, sondern hoffentlich ein Anfang. Engagement gegen Rechts soll wieder mehr in den Alltag einziehen und nicht zeitgleich mit der Berichterstattung über das Soli-Konzert und Chemnitz enden. Auf dem Lollapalooza bietet sich nun die Chance dazu, den Hashtag #Wirsindmehr, der nun auch von meist unpolitisch auftretenden Künstlern wie Helene Fischer und Max Giesinger benutzt wird, wieder aus den sozialen Netzwerken in die gelebte Realität zu holen. Und dazu in die Bundeshauptstadt, in der viele Politiker – auch das wurde Montag in Chemnitz angekreidet – entweder schweigen, relativieren oder unter AfD- und Deutschlandflagge hetzen.

Die Strahlkraft, die am Montag von Chemnitz ausging, war so gewaltig, dass Beatrix von Storch (AfD) auf Twitter in blinde Wut verfiel: „Ihr seid Merkels Untertanen, ihr seid abscheulich- und ihr tanzt auf Gräbern“, schrieb sie an die 65.000 Besucher vor Ort sowie deren Gleichgesinnten gerichtet. Viele dieser angeblichen Untertanen dürften nun am Wochenende im Olympiapark tanzen, die Schnittmenge vom Chemnitzer und Berliner Publikum dürfte schon wegen des Line-ups groß sein. Trettmann und Casper traten in Chemnitz auf, stehen jetzt beim Lollapalooza auf der Bühne. Schwer vorstellbar, dass die Rapper (und auch andere Künstler) ihre Auftritte ohne Ansagen zu Chemnitz absolvieren werden.

Bands als Angriffsfläche

Nichts anderes als Hass wird es am Samstagabend auf der Main Stage geben, zumindest wenn man einem am Mittwoch von der BILD-Zeitung veröffentlichten Artikel glaubt. Die Rapper von K.I.Z. sind Headliner des Lollapalooza Berlin, nach Chemnitz wurden sie genauso wie die Band Feine Sahne Fischfilet von all jenen als Angriffsfläche ausgemacht, die unbedingt eine finden wollten. „27 Minuten Hass auf einer Veranstaltung gegen Hass“ hieß der Artikel, auf dem Textzeilen aus dem oftmals offensichtlich ironischen Kontext gerissen wurden. Und in dem der Ansatz der Band, sich immer wieder in andere Persönlichkeiten hineinzudenken, nicht erklärt wurde – obwohl man fairerweise sagen muss, dass „Ich ramm die Messerklinge in die Journalistenfresse“ wirklich schwer zu erklären ist. Am Samstag werden aus den vermeintlichen 27 Minuten Hass gleich 75, denn solange gehört die Main Stage des Festivals den Rappern – undenkbar, dass K.I.Z. diese Bühne ungenutzt lassen und zu Chemnitz und dem Versuch einer Kampagne gegen sie schweigen werden.

K.I.Z.

Das Lollapalooza ist in der Vergangenheit zwar ein unpolitisches Festival gewesen, wurde eher mit Blumenmädchen, Drogenkonsumenten und Party-Touristen assoziiert. Am Samstag könnte dies sich aber ändern, und die „Wir sind mehr“-Bewegung (sie fühlt sich nach wenigen Tagen zumindest wie eine an) gegen Hass und Hetze könnte noch mehr Fahrt aufnehmen. Durch Künstler, die ihr Rampenlicht auch nach Chemnitz für politische Statements nutzen und Zehntausende, die signalisieren, dass sie auch genau dies auf dem Lollapalooza nicht nur akzeptieren, sondern sogar wollen.

Auf dem „Wir sind mehr“-Konzert hatten Zuschauer befürchtet, dass die auf die Straße und vor Bühnen getragene Solidarität gegen Ausländerhass eine Eintagsfliege sein würde, Rechtspopulisten hoffen wahrscheinlich darauf. Vielleicht zeigt sich am Wochenende im Olympiapark, diesem guten Ort für Symbolik, ja bereits, dass die Aufritte und Proteste in Chemnitz wirklich nur ein Anfang waren. Schön wäre es.

Jan Welchering
Christian Hedel

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