Wut vs. Lebenslust


Gleich zwei Filme bringen in diesem Herbst Rap aus Kuba in deutsche Kinos - mit sehr unterschied- lichen Sichtweisen. Doch wie sieht die Situation des Rap Cubano wirklich aus?

havanna, Samstag Abend: Am Malecon, der sieben Kilometer langen Uferpromenade, feiern Jugendliche mit Rum und aufgedrehten Radios die schwüle Tropennacht. Die Freizeit-Prostituierten warten wie Straßenpfosten gestaffelt auf den üblichen Einfall sexhungriger Touristen. Halbwüchsige Jungen wispern uns im Vorübergehen „Cohiba“ zu. Zigarren zum Schwarzmarktpreis. Daran haben auch die seit vier Jahren an allen Gassenecken der Altstadt postierten Revolutionspolizisten kaum etwas geändert. Havanna, der sozialistisch tapezierte Sündenpfuhl, morbide, käuflich, aber von unzerstörbarer Lebenslust. Nachts, wenn nur die Karawanen brummender Taxi- Oldtimer die Schlaglöcher zwischen den Ruinenfassaden erleuchten, sich nach Reis und schwarzen Bohnen duftende Küchenabdünste in den allgegenwärtigen Modergeruch mischen und die Menschen zum Hintergrundplätschern von Salsa-Musik auf den Türstufen sitzen, lässt sich leicht von einer Tropen-Idylle phantasieren. Bis ein paar aggressive Wortfetzen die Beschaulichkeit zerschneiden. Vielleicht wird man ihre Bedeutung nicht auf Anhieb verstehen. Aber die wütenden Raps über „jinateras“, „dinero“ und „discriminacion“, die Huren, das Geld und die Rassenvorurteile, werden wiederkehren, aus vorbeifahrenden Autos, Radios, Diskotheken, Hauseingängen: Und je öfter man sie hört, umso eher wird einem klar, dass das Kuba der Son-Musik und der Rum-Werbung mit seinen schönen Landschaften und gastfreundlichen Menschen nicht das Kuba der Jugend Havannas ist.

„Wenn du Rap Cubano hörst, dann bist du näher dran an unserer Realität“, sagt Ariel Fernandez Diaz, Chefredakteur der einzigen kubanischen HipHop-Zeitschrift Movimiento und DJ einer wöchentlichen Rap-Sendung auf Radio Progreso. Der 28-Jährige steht an der Rampe des bis auf die letzten Reihen mit jungen Leuten gefüllten Cine Rio an der 23. Straße in Vedado. Die Örtlichen Mikrofptl-Helden von Explosion Suprema haben das alte Kino für eine Show zweckentfremdet. Ariel hat sie nicht mal in seiner Sendung ankündigen müssen, um den Saal zu füllen. Mundpropaganda ist hier alles. „Früher haben wir uns jedes Wochenende im Amphitheater von Alamar, einem Vorort von Hauanna, zur HipHop-Jam versammelt“, erzählt Ariel, dessen nimmermüde Rhetorik und stets kritisch-besorgten Gesichtszüge eher an einen Politiker auf Wahl kampftour denn an einen HipHop-Aktivisten erinnern. Jetzt versuchen wir, auch leerstehende Gebäude, Innenhöfe, Kulturhäuserund Kinos in der Innenstadt zu nutzen. „Immerhin tummeln sich nach Schätzung des Radiomoderators allein in Havanna zwischen 200 und 300 Hip-Hop-Combos, von denen so gut wie keine über einen Plattenvertrag, eigenes Equipment oder auch nur einen Plattenspieler verfügt. Sampler kennen viele der Rapper nur vom Hörensagen. Plattenläden mit Hip-Hop-Sortiment sind unbekannt. Bis auf ein paar Dutzend selbstproduzierte und schwarz verkaufte CDs leben die Fans von Live-Darbietungen. Glücklich, wer wie Ariel über einen CD-Brenner verfügt: So kann er seine zehn Dollar Gehalt als Chefredakteur von „Movimiento“ mit dem Kopieren einheimischerund ausländischer HipHop-Scheiben, die ihm Freunde aus Europa mitbringen, ein wenig aufbessern.

„An jeder Ecke wachen sie über meine Schritte“, brüllen die drei hochgewachsenen Jungs von Explosion Suprema unisono in ihre Mikrofone. „Wenn ich ein schönes Mädchen erobere/ dann heißt es, der Schwarze kann sie nicht haben/der Weiße dagegen/wenn er aussieht wie ein Künstler oder ein Student/ auch wenn er zu jeder Uhrzeit besoffen ist…“ Nicht erst beim Refrain „Alerta, que discriminacion!“ wähnt man sich auf einer Partei Veranstaltung. Das gesamte Publikum brüllt jedes Wort mit – und mit erheblich mehr Euphorie, als anderntags das „Viva Fidel“ auf dem Platz der Revolution. Doch zu den gereckten Fäusten vor der Bühne gehören hier lachende Gesichter. Gewalt, Drogen, Prostituierte – sie finden sich eher in der Salsa-Disco denn bei einer HipHop-Jam. Überhaupt scheint das Havanna der Touristen plötzlich sehr fern. Auch weil die Fans hier alle nur denkbaren Spielarten der über MTV bis nach Kuba verkündeten HipHop-Mode repräsentieren: vom Baseballkäppi bis zum Erykah-Badu-Turban, von Rastalocken bis zum ausgewachsenen Afro, von Baggypants bis zu ungeschnürten Sneakers.

„Die kubanischen Rapper sind abgeschnitten vom Rest der Welt. Deshalb müssen sie zusammenhalten“, sagt Ariel. Wer eine neue CD bekommt, kopiere sie sofort für alle Freunde, lässt ein Tourist eine amerikanische Rap-Zeitschrift da, werde sie gemeinsam von vorne bis hinten durchgelesen. „Eine HipHop-Platte, ein illegal mitgeschnittenes MTV-Video, das ist für uns wie eine Portion Essen für einen Verhungernden „. Ein Rapper mit „DeadPrez“ -T-Shirt pflichtet ihm bei: „Wir von Junior Clan sindjetzt schon seit 1996 dabei und müssen immernoch mit unseren Backgrounds aufKassetten arbeiten. Wir brauchen DJs, einen Kurs für die vielen jungen Leute, die gerne DJ lernen würden, wir brauchen Sampler, Ausrüstung, Mikrofone… „Hinter seiner ausladenden Gestik ist die Enttäuschung spürbar. Warum müssen kubanische Rapper, wie die drei Veteranen von Orishas a lo Cubano immer noch nach Europa emigrieren, um endlich vernünftig produziert zu werden? Eine Frage, die den Rapfan in Havanna auf Schritt und Tritt begleitet. Dabei sah es nach dem weltweiten Siegeszug des „Buena Vista Social Club“ gar nicht schlecht aus für die Zukunft des Rap Cubano. Ry Cooder hatte sich einige der rappenden Straßen-Jungs in sein Hotel bestellt und den Enkeln der Buena Vista- Opas seine Fürsprache bei westlichen Plattenfinnen in Aussicht gestellt. Zum jährlichen Festival de Rap Cubano kamen seit 1998 die besten Vertreter des nordamerikanischen Conscious Rap eingeflogen, um kostenlos vor einheimischem Publikum aufzutreten: Mos Def, Common und Dead Prez waren schon hier, dieses Jahr sollen Erykah Badu und Talib Kweli folgen. Und auch an Wim Wenders waren die Sprechgesänge der kubanischen Rapper nicht spurlos vorübergegangen. „Musica Cubana“, der von Wenders präsentierte und von seinem Schüler Herman Gral gedrehte Nachfolgestreifen zum Buena Vista Social Club, soll diesen Herbst die Musik der kubanischen Jugendlichen in die westlichen Kinos bringen. Der dazugehörige Plot allerdings mutet allzu bekannt an: Ein halbvergessener Son-Musiker (Pio Leyva) gerät an einen Taxifahrer mit einer Geschäfts-Idee: warum nicht den Veteranen mit jungen Musikern aus seinem Bekanntenkreis zusammenspannen? Den weißhaarigen Alten, eine Funkband und ein paar Rapper auf Japantour schicken – und mit der ungewohnten Mischung Furore machen? Die Geschichte krankt aber am entscheidenden Punkt: der Musik. Oder vielmehr: deren Rap-Part.

Offenbar wollte man dem Buena Vista-Publikum nicht zu viel authentischen Rap Cubano zumuten – mit all der einhergehenden Aggression und ideologischen Verunsicherung. So kommt es, dass bis auf die Rapperin Telmari keine anerkannte HipHop-Größe auf der Leinwand auftaucht, Opa Leyvas Gesang vielmehr von harmlos bis peinlich reimenden Landpomeranzen namens „The Chiki Chaka Girls“ aufgepeppt wird. Ein Affront für die kubanische HipHop-Szene. Dass es auch ohne solche Kompromisse geht, zeigt die Münchner Dokumentarfilmerin Alina Teodorescu. Mit „Paraiso“ bringt sie ein lyrisches Portrait einer Gruppe kubanischer Rapper in die Kinos. Sie nennen sich Madeira Limpia, kommen aus Guantanamo und nutzen traditionelle Rhythmen als Hintergrund für die Bestandsaufnahme ihres bittersüßen Alltags. Ihre Konflikte sind auch die Konflikte der Rapper in Havanna: „An der Straßenecke sitzend/sehe ich vor mir die Bruchbuden der Unruhe/die sich überall in den Köpfen festgesetzt hat/ Freunde und Feinde sprechen von Auswanderung, Auslöschung, Auszug/Latente Fluchten, die noch immer unserer Insel drohen …/so glaube ich, dass im Jahr 2020 nicht mehr viele

meiner Leute übrig sein werden.‘ Pin, einer der beiden Rapper von Grandes Legas, hatte die Zeilen auf den Stufen des Cine Rio vorgetragen – und damit erheblichen Mut bewiesen. „Viele junge Leute studieren drei oder fünf Jahre, strengen sich an, sind intelligent und haben Talent und müssen dann einen Verkäuferposten annehmen oder krumme Jobs drehen, um über die Runden zu kommen „, sollte der Autor später erklären. Es ist einer der Texte, von dem Pia sagt, dass er ihn niemals im Radio, geschweige denn auf einem staatlichen Festival auffuhren wird. „Über Emigration, Rassismus, Prostitution reden wir nur unter uns. Schließlich steckt die Zensur überall. Ein Musikstück, in dem Schimpfwörter vorkommen oder Ideen, die nicht im Einklang mit der Regierungspolitik stehen, ist offiziell tabu.“

Die Folge: Viele Rapper machen zwei verschiedene Arten von Stücken: Rap-Texte im Straßen-Jargon, um mit ihren Leuten aus dem Viertel zu kommunizieren, und andere, um im Radio oder im Fernsehen gehört zu werden. Ein gewisser Patriotismus ist beiden Varianten eigen. Kaum jemand, der hier den US-Vorbildern unkritisch nacheifert. „Warumsollte ich über Limousinen rappen „, so Piri, „wenn es derTraum jeden kubanischen Rappers ist, ein eigenes Fahrrad zu besitzen?“ Dabei beziehen sich die kubanischen Rapper nicht nur über Son-, Cha Cha Cha- oder Danzon-Zitate auf ihre einheimischen Traditionen – es ist der afrikanische Rhythmus selbst, der viele glauben lässt, dass Rap wenn nicht in der Bronx, so bestimmt in Alt-Havanna erfunden worden wäre.

In Santo Suarez, einem ruhigen Viertel im Süden Havannas, lebt Kubas einziger HipHop-Produzent. Wir haben Pablo Herrera aus dem Mittags-Schlaf gerissen .Etwas unmutig schlurft er in seinen Badeschlappen ins Obergeschoß seiner Vorstadtvilla, wo er sein Studio hat. Neben hölzernen Opfergefäßen, Äxten und Schildkrötenpanz.ern, einem Altar für seinen Schutzgott Shango, stehen Technics-Plattenspieler, Keyboard und Sampler. Erst als wir Pablos Musikfrickeleien bewundern, weicht sein Misstrauen dem Schwung der eigenen Begeisterung: „Die Situation ist wirklich ein bisschen vertrackt. Plötzlich kommen die Plattenfirmen und sehen die Musik nur noch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sie gehen davon aus, dass sie diejenigen sind, die wissen, was die Leute hören wollen „. Er aber sei froh, dass der Rap Cubano noch nicht von materialistischen Überlegungen verdorben sei. Obwohl eigentlich Schriftsteller und studierter Linguistiker, stecke er seit ein paar Jahren seine ganze Kreativität in die Musik. Er habe Glück gehabt, dass ihm amerikanische Bekannte das Equipment gekauft und eine Plattenproduktion finanziert hätten. Jetzt sei dieser Raum das erste Studio, das nur dem Rap gewidmet ist.

Herrera sieht seine Rolle dabei nicht auf die Musik beschränkt: „Ich helfe demjenigen, der schreibt, seine Fähigkeit als Dichter und Denker, Kritiker und Lehrer zu entwickeln. Meine Idee ist es, eine typisch kubanische Stimme zu entwickeln, sowohl musikalisch wie auf der Textebene“. Pablo Herrera ahnt natürlich, dass das sozialistische Idyll mit seinen kleinen Fluchten nicht ewig währen wird. Dass all die Prostituierten, Zigarrenhehler und Revolutionspolizisten nur die Vorhut einer wohl oder übel zu erwartenden Umwälzung stellen: „Wie die Lage im Moment ausschaut, kann es passieren, dass sich die Dinge plötzlich überschlagen, das Embargofällt. Wenn erst einmal die Unternehmen, das Geld, die Musikindustrie hier ankommt, wird es kaum mehr Möglichkeiten geben, etwas zu entwickeln, das eine revolutionäre Perspektive verfolgt- mit der Zeit, die wir dazu brauchen.“

Sollte man als Musikfan wirklich wünschen, dass der sozialistische Tropendämmer noch ein wenig anhält? Dass MTV und BET nicht so bald empfangen werden können? Dass die Rapper auf der Zuckerinsel all das verwirklichen, was wir schon längst dem Luxus, der Bequemlichkeit und dem Scheckbuch geopfert haben? Fragen, die sich so gut wie jeder Rapper stellen muss. Und nicht immer fällt die Antwort so eindeutig aus, wie bei der HipHop-Chanteuse Magia: „Ich komme nicht aus New Yorkoder Paris.. ./sage nicht,oh bitte, noplease’/ich komme aus der Gegend um Havanna / hier will ich meine Familie mit kubanischer Blechmarke großziehen/nicht Christian Dior…“