Zugezogen Maskulin im Interview: „Die Welt sieht eben anders aus als in einem Cro-Song“

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Zugezogen Maskulin, das sind Grim104 und Testo. Gemeinsam ist dieser Tage ihr Debüt ALLES BRENNT – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen neuen Album von Johannes Oerding – erschienen. Für die März-Ausgabe des Musikexpress hat ME-Autor Jan Wehn für eine Geschichte über „Rap von links“ mit dieser und anderen Bands gesprochen. Das Interview mit Zugezogen Maskulin lest Ihr nun hier.

Musikexpress: Wie findet ihr es eigentlich, dass Ken Jebsen euer Video gut findet?

Grim104 (zerknirscht): Es amüsiert mich natürlich. Aber andererseits denke ich halt, dass er nicht zugehört oder sich mit meinem Frühwerk beschäftigt hat. Ken Jebsen ist ja nur ein Symptom für Leute, die man scheiße findet, die einen aber auf einmal gut finden. Ich sehe ja auch, wer unsere Facebook-Seite liked. Da ist alles dabei. Die traurige Wahrheit ist eben, dass man sich Fans nicht aussuchen kann. Mich stört das Messianische und Manichäistische an ihm.

Was denkt ihr: Ist das, wofür Ken Jebsen oder die Montagsdemos stehen, denn ein Mindstate, der gerade auf dem Vormarsch ist?

Grim104: Total. Ich habe das Gefühl, dass unsere Welt, die sich ganz lange in so einem sehr starren und zähfließenden Strom bewegt hat, plötzlich eine gruselige Dynamik entwickelt. Daraus ist auch „ Endlich wieder Krieg“ entstanden. Das war im Sommer so eine Spirale, die Fußball-WM, der Gaza-Krieg und die Ukraine-Krise, dann das Vorrücken des IS und Ebola. Das habe ich als sich sehr schnell zuspitzend empfunden.

Testo: Unsere Generation ist ja in diese Strukturen geboren, in denen man denkt, dass alles so ist, wie es ist. Jeder kann sich im Laden kaufen was er möchte und es ist Frieden. Und alle denken, dass es Normalität ist. Dabei ist es die absolute Ausnahme! Ich bin 1988 geboren. Kurz bevor ich geboren wurde, gab es im Osten noch eine ganz andere Realität, als die, die wir jetzt kennen. Und es sieht auf der Welt eben anders aus als in einem Cro-Song.

Eure Texte strotzen nur so vor literarischen, geschichtlichen und musikalischen Querverweisen. Stört es euch, wenn die Leute da zu viel hineininterpretieren?

Grim104: Schon. Ich habe „Ich töte Anders Breijvik“ beim Simpsons-Gucken geschrieben und mich nicht besonders klug dabei gefühlt. Und dann kommt das beim Hörer so an, als ob es der philosophischste Grundgedanke aller Zeiten wäre.

Ihr arbeitet aber auch viel mit Ironie und Zynismus. Kann es davon auch zu viel geben?

Grim104: Ich mag Ironie  als Stilmittel. Aber sie ermöglicht den Leuten auch, sich dahinter zu verstecken. Ironie ist ja auch ein Mittel um etwas aufzudecken, das nicht richtig läuft. Bei Zynismus finde ich es einfach nur eklig. Das erinnert mich an diese Seiten mit dem schwarzen Humor, die es vor ein paar Jahren auf Facebook mal gab. Die Leute versuchen ihre Sache dann als schwarzen Humor zu verkaufen, aber es ist im Endeffekt nur ekelhaft und dumm. Das kann es ganz bestimmt zu viel geben. Und das gibt es gerade auch im deutschen Rap.

Ist es bei euch erkennbar?

Grim104: Es gibt immer Vollspasten, die es nicht erkennen.

Testo: Das bleibt halt nicht aus. Es sei denn, man verfällt in so einen Kinderbuchduktus, aber dann wird es banal und langweilig.

Zum Schluss noch ein paar Worte über Zeckenrap…

Testo: Neeeiiiin!

Grim104: (lacht) Ich kenne einige Protagonisten wie Sookee oder Boykott von Der neue Norden, die ich sehr mag. Aber das, was ich unter Zeckenrap verstehe, ist Rap, der nicht gemacht wird, weil die Leute Rap so lieben, sondern weil es eine Möglichkeit ist, Parolen gut zu verpacken. Es ist ja ganz oft so, dass ich mich größtenteils mit den Inhalten identifizieren kann und sie auch gut finde, aber ich bin da in einem Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik und finde es eklig, wenn eine Kunstform nur zur Politik missbraucht wird und ich das Gefühl habe, dass die Leute genau das gleiche auch als Frontmann einer Latin-Ska-Band machen würden. Es geht einfach nur darum, Schlagworte und Parolen zu verbreiten. Das zweite Problem ist: Explizit politische Texte werden sehr hohl und dumpf, weil es schwierig ist, komplexe politische Inhalte in 16 Zeilen zu bringen. Das hat Koljah von der Antilopen Gang sehr gut gesagt: „Wenn ich mich bilden möchte, dann lese ich ein Buch.“ Zeckenrap ändert sich ja gerade. Aber das, was man im Negativen darunter versteht finde ich richtig Scheiße.

Warum ändert sich das Label?

Grim104: Weil es jetzt eben Rapper sind, die Politik als größten Bestandteil ihrer Künstlerpersönlichkeit und Raptexte ausmachen. Genau so wie ein Haftbefehl über die Straße rappt und sie reflektiert, weil ihn das umgibt oder umgeben hat, sind das eben Leute, die aus politischen Zusammenhängen kommen und sich dort aufhalten und eben auch darüber rappen. Aber es gab eben auch viele rudimentäre Rapper, die vielleicht auch Fans von Paris oder dead prez sind, aber eben nicht deren Skills besitzen – und dementsprechend wack klingen sie dann auch. Ich als Rapper betrachte Rap dann eben auch unter Rap-Gesichtspunkten – und wenn dieser Rapper nicht rappen kann und monoton Parolen aneinanderreiht, ist es immer noch schlechter Rap.

Testo: Ich bin auch gar nicht so sozialisiert, wie man sich das Klischee einer Zecke vorstellt. Ich habe mich nie in politischen Gruppen bewegt. Natürlich bin ich ein Mensch, der politisch interessiert ist und das in seine Kunst einfließen lässt. Aber es ist nicht mein Anliegen, das, was ich in meiner Freizeit mache, in meiner Kunst widerzuspiegeln. Rap sollte in sich ja schon eine gewisse Antihaltung haben und gegen Nazis und die Herkunftsfrage sein. Da finde ich mich dann auch wieder. Ich habe meine Jugend eben eher mit Scheißemachen verbracht, anstatt Bücher zu lesen und mich zu politisieren.

Ein ausführlicher Text mit dem Titel „Wer wird denn gleich politisch werden?“ über Bands wie Zugezogen Maskulin, Neonschwarz und Antilopen Gang ist in der März-Ausgabe des Musikexpress erschienen. Interviews mit Neonschwarz und Antilopen Gang folgen auf Musikexpress.de in Kürze.


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