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Zum 1000. Tatort: Deutsche Dienstfahrten

Zwei Hamburger haben den „Tatort“ ermordet, er war toter als jede Leiche in der Serie, die Münchener und Frankfurter haben ihn wiederauferstehen lassen. Die Kommissare Stoever (Manfred Krug) und Brockmöller (Charles Brauer) verwitzelten die Fälle mit jeder Folge mehr, der Kriminalfilm wurde zur Krimikomödie, das Schlimmste aber: Stoever und Brockmöller unterbrachen die Täterjagd regelmäßig und musizierten, Brockmöller blies seine Mundharmonika, während Stoever sang und auf einem Tasteninstrument spielte, irgendwo stand immer ein Klavier oder eine Orgel; es fehlte nur noch, dass Stoever sich ein Taschen-Keyboard kauft und in seiner Aktentasche rumträgt – eine Zumutung, dieses Duo, und nur ein bisschen durch Qualität gemildert, denn Manfred Krug ist ja ein erstklassiger Jazzsänger.

Was die beiden Hamburger begannen, das haben die beiden Münsteraner fortgeführt und aufs Grausigste übertrieben: Kommissar Thiel (Axel Prahl) und der Gerichtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) sind eher Comedians als Ermittler, das Publikum jedoch liebt das Gealbere, seit Schimanski hatten keine „Tatort“-Polizisten solche Sympathiewerte. Ein St.Pauli-Proll (Thiel) und ein Bildungsspießer (Boerne) triezen sich gegenseitig und bringen Sprüche, das reizt die Zuschauer. Es wird dahin kommen, dass auch Thiel und Boerne ständig Musik machen, Thiel kann Gitarre spielen, Boerne geigt – die Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) hat eine Stimme wie Tom Waits und singt dann.

München schlägt Münster – mit großem Abstand

Der „Tatort“, der diesem Blödsinn was Neues und Ernstes entgegensetzte und die Serie vor der Münsterisierung bewahrte, kam am 27. April 2008 aus München und hätte auch in Hollywood gedreht sein können: Leidenschaft und Tragödie, Romantik und Perversion, dazu ein Rächer, er handelt ganz alleine und tarnt sich, er gilt als „Der oide Depp“. Ein Wahnsinniger hat zwei Edelhuren getötet und verstümmelt, das war Mitte der 60er-Jahre, die Tatwaffe, ein Dolch, liegt nun plötzlich im Auto des damaligen Puffbetreibers Esslinger (Jörg Hube). Er gerät unter Tatverdacht, sein Hochmut ärgert die Kommissare Batic (Miroslav Nemic) und Leitmayr (Udo Wachtveitel). Sie bekommen einen Assistenten, er heißt Sirsch (Fred Stillkrauth), ist fast 70 und lässt sich gerne mit Opa Sirsch anreden, er trinkt Bier während der Arbeit, nuschelt und grantelt und kann mit dem Computer umgehen. Der Film zerfällt in zwei Teile: hier die Gegenwart, dort München vor 40 Jahren, teilweise Originalaufnahmen.



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