Zum Tode von Grant Hart: Hüsker Dü und die Stunde Null des Indie-Rock.

Die US-Hardcore-Szene schnappte sich vom Punk die Kompromisslosigkeit und sicherte sie mit Dogmen ab. Hüsker Dü, ein Trio aus drei Außenseitern, nutzte diese Vorlage, um sich die Wut von der Seele zu schreien. Am Ende der Katharsis öffneten Bob Mould, Grant Hart und Greg Norton ihren aggressiven Krach für Melodien – die Stunde Null des Indie-Rock.

Eine drehbare Scheibe ist mit diversen Bildchen bedruckt, jedes Bildchen gibt es zwei Mal. Die Scheibe wird unter ein Spielbrett geklemmt, die Bildchen werden mit Spielsteinen bedeckt. Die Spieler decken der Reihe nach jeweils zwei Spielsteine auf, merken sich die Bildchen darunter und setzen die Steine zurück. Findet jemand zwei gleiche Bildchen, darf er die Spielsteine behalten und ist noch einmal an der Reihe. Erfunden hat diese Memory-Variation ein Däne, besonders erfolgreich war sie in den USA, auch dort heißt sie „Hūsker Dū?“, übersetzt: „Erinnerst du dich?“ Für den amerikanischen Markt wurde das Spiel vom Produzenten Parker hergestellt, der Ärger bekam, weil er es im Fernsehen mit unterschwelligen, kurz eingeblendeten Kauf-Botschaften beworben hatte. Charmanter war eine andere Botschaft auf der Verpackung: „Hūsker Dū?“ sei das Spiel, bei dem jedes Kind die Erwachsenen besiegen könne. Ein wenig gilt das auch für die Band, die sich nach dem Spiel benannte.

Justus Jonas, ein kiffender Barfußhippie und ein Jazztyp mit Schnauzer: Das ist sie also, die Besetzung einer der wichtigsten Bands des US-Undergrounds.

Bob Mould, Grant Hart, Greg Norton – kein Musikmanager der Welt hätte dieses Trio am Reißbrett entwickeln können, viel zu eigenartig sind diese drei Menschen. Bob Mould ist gerade erst dem engen Familiengeflecht in der Provinz des Bundesstaats New York entkommen, nun ist er Neuankömmling am Macalester College für freie Künste in St. Paul, der Stadt, die zusammen mit Minneapolis die Twin Cities bildet. Mould bemerkt schon als Teen­ager, dass er sich sexuell zu anderen Jungen hingezogen fühlt, seine Homosexualität auszuleben, traut er sich aber weder in seiner alten und konservativen Heimat noch in der neuen Stadt, in der er ein unauffälliger „Freshman“ ist: ein teigiger und milch­gesichtiger Junge aus dem Osten, Typ: Justus Jonas. Bei einem seiner Besuche im lokalen Plattenladen „Cheopo“ trifft Bob Mould einen pummeligen und bekifften Hippie: Grant Hart steht barfuß hinter dem Tresen, trägt Secondhand-Hippie-Klamotten und hat einen Haarschnitt, der von einer Frisur weit entfernt ist.

Bob Mould freut sich diebisch, dass dieser seltsame Kerl seine eigene gefühlte Hässlichkeit bei Weitem überbietet, es aber an diese Schaltstelle der lokalen Musikwelt geschafft hat, denn bei ­„Cheopo“ Platten verkaufen zu dürfen, das ist schon was. Die beiden kommen ins Gespräch, es stellt sich heraus, dass Mould eine Gitarre besitzt und Hart ein Schlagzeug – und dass Hart zudem auch noch jemanden kennt, dem ein Bass gehört, ein Typ namens Greg ­Norton, auch er ist alles andere als ein normales Collegekid, sondern eher ein Do-It-Yourself-Beatnik mit Schnurrbart, komischen Hüten und erflunkertem Insiderwissen über schwierige Jazzer. Justus Jonas, ein kiffender Barfußhippie und ein Jazztyp mit Schnauzer: Das ist sie also, die Besetzung einer der wichtigsten Bands des US-Undergrounds. Auf ihren Bandnamen kommen die drei übrigens beim Jammen über den Talking-Heads-Song ­„Psycho Killer“: „Psycho killer, Hüsker Dü, fa fa fa fa fa…“



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