Zum Tode von Grant Hart: Hüsker Dü und die Stunde Null des Indie-Rock.

Das Ende

Aber nun wird’s ekelig. Ein paar Jahre lang hat Bob Mould das Wesen seiner Band nicht hinterfragt, es ging darum, sie ins Rollen zu bringen, was immer hervorragend funktioniert hat. Doch plötzlich dreht sich die Stimmung, besonders Greg Norton steht jetzt im Fokus, der zuverlässige Bassist, der gar nicht mehr als das sein möchte.  Aber Bob Mould beginnt zu bilanzieren: Er und Hart schreiben die Songs, gestalten die Platten, geben die Interviews, managen die Band – und Norton? Fährt den ­Bandbus. Als es darum geht, nach dem Warner-Deal die Bezahlung neu zu organisieren, stellt sich Mould die Frage:

„Wonach sollen wir Greg bezahlen, nach der Anzahl der Kilometer auf dem Tacho?“ Einen tatenlosen Bassisten hätte Mould wohl noch ein paar Jahre ausgehalten, Grant Harts Drogenprobleme sind da schon gravierender. Bob Mould trinkt seit den Aufnahmen zu WAREHOUSE nicht mehr, sein Vater ist Alkoholiker. Er zieht die Notbremse, als er erkennt, dass er selbst auf dem Weg ist, alkoholkrank zu werden. Von Grant Harts Heroinkonsum bekommt Mould zunächst nichts mit, der 11. Dezember 1987 wird dann zum Schicksalstag: Nie hätten Hüsker Dü eine miese Show gegeben, erinnert sich Mould, doch an diesem Tag ist Grant Hart total hinüber und spielt erschreckend schlecht. Erst nach dem Konzert erfährt Mould, dass Grant Hart ein Junkie ist. Greg Norton weiß schon lange Bescheid. Nur gesagt hat er nichts. Bob Mould verliert das Vertrauen in seinen Freund, initiiert dennoch eine Intervention, um Hart von dem Zeug wegzubringen. Das Projekt geht schief, keine sieben Wochen nach dem erbärmlichen Gig sitzen Hüsker Dü zum letzten Mal gemeinsam in einem Raum, auch Harts Eltern sind dabei. Es kommt zu einer seltsamen Unterredung, Harts Mutter schlägt den Deal vor, alles könne gut werden, wenn Hüsker Dü die Arbeit reduzierten, Konzerte nur noch am Wochenende spielten, weniger auf Reisen gingen – wie eine Hochzeitskapelle. Kurz danach verlässt Bob Mould das Haus. Die Band ist Geschichte.

Es gibt einen offiziellen Online-Shop von Hüsker Dü, keine große Sache, der übliche Nippes. Aber als die Seite gelauncht wurde, im Oktober 2015, war die Indie-Welt plötzlich hellwach. Internetportale spekulierten: Tut sich da was? Kommen sie zurück? Hüsker Dü ist eine der ganz wenigen Bands, die der Reunion-Wahn noch nicht gepackt hat. Die Summen, die große Festivals wie Coachella oder ­Primavera für ihre exklusive Rückkehr bezahlen würden, dürften astronomisch hoch sein. Aber die Band widersteht. Oder besser: Mould will nicht. Für ihn ist die Band weit weg: Schon kurz nach der Auflösung beginnt er eine kurze Solokarriere, gründet dann mit Sugar seine kommerziell erfolgreichste Band, verwirklicht anschließend erneut solo seine Träume in elektronischer Musik und bringt seit 2012 klanggewaltige, routinierte Gitarrenplatten heraus, die seine Rolle als Elder Statesman des Indie- und Alternative Rock bestätigen. Es geht ihm gut, er braucht Hüsker Dü nicht. Wie gut es den beiden anderen geht, ist schwer zu sagen: Greg Norton versuchte sich kurzzeitig als Restaurantbesitzer, ist mal hier, mal da Bassist, aktuell bei einer Band namens Porcupine, die mal mit ­Steve Albini aufgenommen hat. Grant Hart legt mit der Gründung der Indie-Rockband Nova Mob ordentlich los, in den Nuller-Jahren verliert sich sein Weg, 2013 kehrt er mit dem ausgezeichneten Album THE ARGUMENT zurück. Dennoch: Ein Wink von Mould, und Hüsker Dü wären wohl wieder da. Aber muss das sein? Das Brettspiel „Hūsker Dū?“ ist kinderleicht. Die Band Hüsker Dü ist eine komplizierte Geschichte.



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