Zum Tode von Grant Hart: Hüsker Dü und die Stunde Null des Indie-Rock.

Der Untergrund

Wenn man sich den musikalischen Underground als einen Staat im Staate vorstellt, eine chaotische und offene Sub-Nation, dann gründet dieser Staat nicht auf Städten oder Countys, sondern auf Bands. Das bedeutsamste Signal des Punkrock an den ­Underground war die Aufforderung, Bands zu gründen, unabhängig von ihrem musikalischen Vorwissen. Die Bands geben dem Untergrund eine Struktur, mit ihren Konzerten erschaffen sie Gelegenheiten und Orte, an denen sich andere Menschen zusammenfinden, um immer wieder neue Bands hervorzubringen. Basis ist der Do-It-Yourself-Gedanke des Punk: Ohne Kompromissbereitschaft fokussierten sich die frühen Bands der US-Hardcore-Szene auf den Kern der Bewegung. Die klassische Musikindustrie dringt bis in diese Szene überhaupt nicht durch, die Bands organisieren ihre Konzerte und Reisen selbst, sie beherbergen sich gegenseitig, unterstützen sich bei lokalen Plattenproduktionen.

Hüsker Dü spielen live.

Neben ihrer unbändigen Leidenschaft für zügellose Gitarrenmusik eint sie der Hass aufs Establishment: Politik und Religion stehen im Fokus, mit den Nachwehen des Vietnam-Kriegs und dem beginnenden Siegeszug der Neo-Cons um Ronald Reagan gibt es genügend Stoff für ihre Songs. Die frühen Hüsker Dü sind eine politische Band, nicht so stark in ihren Slogans wie die befreundeten Dead Kennedys aus Kalifornien, aber mindestens so angekotzt vom Zustand der Welt und der Vereinigten Staaten von Amerika. „Ab und an taucht ein vertrautes Gitarrenriff auf, aber bevor man es zuordnen kann, ist es schon wieder verschwunden. Diese Band existiert alleine wegen der Kraft ihrer Musik, wegen nichts anderem.“ Geschrieben hat diese Zeilen ein lokaler Musikkritiker aus Minneapolis, und trifft damit ins Schwarze: In der Frühphase von Hüsker Dü sind Bob Mould und Grant Hart noch keine Songwriter. Mould ist eher ein Dreschmeister, der sich exzellent darauf versteht, körperliche Energie in Krach umzusetzen. Als Gitarrist übernimmt er gleich zwei Jobs, er haut Akkorde raus, lässt aber gleichzeitig einzelne Noten dröhnen. Eine Songstruktur erschafft man damit nicht; die Energie, die Bob Mould aus seinem Instrument herausholt, ist jedoch sagenhaft. LAND SPEED RECORD, die erste LP der Band, ist konsequenterweise eine Liveaufnahme, 17 Stücke in 26 Minuten, eher ein vertontes panisches Herzrasen als eine echte Setlist. Angetrieben wird der Sound der frühen Hüsker Dü von der Wut, die sich vor allem bei Bob Mould angesammelt hat: Als Teenager hat er leise gelitten, nun haut er alles raus, was ihn bewegt. Damit das überhaupt funktioniert, konsumiert er Speed und Alkohol – das sind die Drogen dieser Band.

Ab 1983 verzichtet die Band auf das Anarchische Element. Ab jetzt geht’s ums wahre Leben.

Die Melodie

Mit EVERYTHING FALLS APART erscheint 1983 eine zweite Knüppelplatte, die EP „Metal Circus“ später im Jahr wird dann jedoch zum entscheidenden Richtungswechsel. Die sieben Songs laufen fast 19 Minuten lang, schon an den Zahlen lässt sich der Wandel festmachen. Vor allem verzichtet die Band auf das ­anarchische Element: Die Stücke verfolgen einen Plan, ­Strukturen bleiben erkennbar, Strophen und Refrains bilden eine Hierarchie. Der erste Song heißt „Real World“ und belegt die thematische Veränderung: Ab jetzt geht’s ums wahre Leben. Als Sänger und ­Gitarrist von Hüsker Dü ist Bob Mould vom Außenseiter zum Protagonisten des erstarkten Undergrounds aufgestiegen, als junger homosexueller Mann fühlt er sich nach wie vor isoliert. Mould entschließt sich, in seinen Songs nicht nur über Politik und Gesellschaft abzukotzen, sondern das eigene Leben zu thematisieren: Hüsker Dü werden persönlich.

Jim Steinfeldt Michael Ochs Archives


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