Linus Volkmanns Popkolumne: Großenkneten, Bad Salzuflen, Zentralfriedhof – Orte der Musikgeschichte
In Songs tauchen oft aufgeladene Orte auf. Wie es wohl wäre, „in echt“ dorthin zu reisen, wo solche Lieblingslieder spielen? Linus Volkmann hat es ausprobiert – und landete im Sauerland und in Ostwestfalen.
Liebe Normalos, liebe Eltern, hiermit möchte ich mich im Vorfeld für diese Kolumne entschuldigen. Sie ist spezieller, sie ist ein wenig nerdiger geworden, als es die gängige Musikvermittlung für uns Menschen vorsieht.
Allerdings denke ich, dass all jene, die eine Online-Kolumne beim Musikexpress lesen, vermutlich selbst speziell, nischig oder gleich vollkommen verrückt sind. Insofern mache ich die Arme weit für euch auf – und für einen Text, zu dem es mich schon so lange hinzieht.
Erst dachte ich, ich müsse mühsam paraphrasieren, um was für ein Prinzip es hier geht, doch Jan, ein Freund und Autor des langlebigen Punk-Magazins Trusts, wies mich unlängst darauf hin, wie sehr sich „diese Sache“ in einem anderen Genre bereits institutionalisiert findet. Bei Filmen existiert ein – durchs Internet befeuerter – Kult, dass man die realen Kulissen einer fiktionalen Erzählung aufsucht. Ganz banales Beispiel: In Neuseeland lässt sich auf jene Orte stoßen, die man seinerzeit in den „Herr der Ringe“-Filmen gesehen hat. Und natürlich kann man das auch auf Musik übertragen und noch deutlich wahnhafter denken. Zum Beispiel, wie ich es selbst schon mal gemacht hatte hinsichtlich der Comedy-Serie „Modern Family“.
Dieser Clip sei Zeugnis davon, er stammt noch aus der Prä-Trump-Phase, als man noch Bock und zumindest die Möglichkeit hatte, die USA zu besuchen. Aber jetzt geht es Richtung Wallfahrt x Pop. Daher: Tätowiert euch eure Blutgruppe auf den Unterschenkel, sucht das YPS-Zelt im Keller, sagt euren Lieben Lebewohl, stellt die Abwesenheitsnotiz ein. Ich nehme euch mit auf zwei exemplarische Pop-Pilgerreisen.
Besser leben durch Musiktourismus! Schloss Neuenhof
Frau Baron / Das Land, auf dem ich wohn / Gehört ihnen / Und ich muss ihnen dienen“
(„Frau Baron“ Jens Friebe)
Worum geht es? Nun, im ersten Fall um die Powermetropole Lüdenscheid und um den Song „Frau Baron“ von Jens Friebe. Er stammt von der Platte DAS MIT DEM AUTO IST ES EGAL HAUPTSACHE DIR IST NICHTS PASSIERT und damit aus dem Jahr 2007. Wenn ihr ihn nicht kennt oder nicht mehr im Ohr habt, gebt ihn euch noch mal. Es soll euer Schade nicht sein.
Ich mag die eindringliche Melodie, diese feierlich schwelgerische Atmosphäre und nicht zuletzt den Text. Eine angerissene Geschichte, die ganz viele Bilder mitliefert – und vor einer märchenhaft anmutenden Kulisse des Hochadels spielt. Allein die Zeile „In dem Raum neben dem Raum neben dem Raum mit dem Spinett“, wie viel Witz, Wahn und Rhythmus passen in einen Popsong? Bei diesem Stück bekomme ich instant gute Laune, wenn ich mal wieder dran denke oder wenn mich irgendwer oder irgendwas daran erinnert.
Nicht schlecht gestaunt habe ich, als ich vor einigen Jahren erfuhr, die Szenerie der Lyrics ist nicht bloß der Phantasie des Musikers entstiegen, sondern bezieht sich auf einen realen Ort seiner Jugendzeit. Jens Friebe wuchs auf in Lüdenscheid. Befreundet sah er sich auch mit adligen Teens, die literally auf einem verdammten Schloss wohnten. Auf dem Wasserschloss Neuenhof. Klingt wie eine Episode der „5 Freunde“, ist aber alles echt.
Und wie das so ist bei manch keimendem Wunsch, man bemerkt ihn erst nach einiger Zeit, obwohl er einen unbewusst schon länger begleitet. In diesem Fall war es folgender: Warum nicht mal zu diesem Schloss reisen und schauen, ob sich dort Elemente aus „Frau Baron“ finden lassen? In Zeiten, in denen die Welt gefühlt immer ungastlicher und vernagelter wird, ist Urlaub im eigenen Land als Alternative ja ohnehin nicht unterschätzen.
Disclaimer: Ich war vorher nie in Lüdenscheid. Eine Meinung hatte ich aber dennoch über diesen Ort – und zwar hielt ich den Sauerland-Hot-Spot aus der Ferne stets für eine biedere, beschauliche Kleinstadt mit überschaubarer Kopfsteinpflaster-Fußgängerzone, einem Trachtenverein und vielen Arzt-Praxen für die überalterte Bevölkerung. Kurzum ein egaler Unort unter dem Radar mit guter Luft, der zum Durchschnaufen einlädt und einen durch seinen kulturellen und kosmpoliten Mangel wieder für die harsche Großstadt motiviert.
Dieses Framing passt Lüdenscheid allerdings kaum, muss ich am Ort des Geschehens schnell einsehen. Lüdenscheid fühlt sich eher an, als hätten die Stadtväter und -mütter eine Wette verloren und erstmal ein Dorf auf feindselige Hügellandschaften nageln müssen. San Francisco ist ebenerdig dagegen. Aus diesem immerhin grellen Auf und Ab konnte das Stadtmarketing offensichtlich keinen Profit schlagen. Im Zentrum finden sich eine leere Mall, die selbst für „The Walking Dead“ eine zu gruselig Kulisse wäre und auch ansonsten viel Leerstand, Leerstand, Leerstand. Nur unterbrochen von KIK-Filialen, Nagelstudios und Handyläden. Mir und meiner prominenten Begleitung (die bildende Künstlerin Kwittiseeds) gefällt dieses Understatement sofort sehr gut. Lüdenscheid ist ruckelig, rough und das Gegenteil eines Speckgürtels (was auch immer das dann sein müsste).


Die Gegend wird erst heimelig, wenn man ein wenig rausfährt, wenn der Wald zu sehen ist. Hier stoßen wir auf jenes sagenumwobene Schloss Neuenhof, umspült von Wasser, nur über eine Brücke zu erreichen. Aufregend. Mächtig. Der Schlossherr lässt uns tatsächlich ein, auch wenn man uns die niedrige Herkunft sicher schon an den grobporigen Arme-Leute-Gesichtern ansieht. Und plötzlich ist dann alles da. Wir befinden wirklich in dem Song „Frau Baron“.
„Wenn wir danach durchs Heckenlabyrinth zum Ufer gehen“
Hinter dem Schloss befindet sich ein üppiges Parkgelände, an dem – so hört man – schon manch Gärtner zerbrochen sei. In seinem Zentrum das besungene Heckenlabyrinth.

„Sie waschen sich über den kalten See gebeugt“
Durchquert man jene säuberlich ziselierte Buschanordnung gerät man an das Ufer eines kleinen Gewässers. Es sieht sogar – dem Songtext folgend – übertrieben kalt aus, es treiben noch Reste einer massiven Eishaut auf der Oberfläche. Vermächtnis des Winters.

Das eingangs erwähnte Spinett indes findet sich in keinem der 22 Zimmer (!) des Schlosses. Die jetzige Frau Baron kann sich allerdings noch an ein solches erinnern, zuckt entschuldigend mit den Achseln, jenem habe man sich bei umfangreichen Renovierungsarbeiten zuletzt entledigt. Ein Flügel steht immerhin noch hier.
Post Scriptum: Unterbringung fanden wir in einer der Ferienwohnungen, die zum Schloss gehören. Dort lebte es sich schön und auch schon ziemlich herrschaftlich, selbst wenn sich diese Räumlichkeiten in einem der beiden Seitengebäude auf dem Gelände befinden. Dieser freundlichen Hinweis ist einfach bloß die Wahrheit – und wurde nicht bezahlt, Ehre!
Besser leben durch Musiktourismus! Bad Salzuflen
„Manchmal glaub ich, ich bin noch gar nicht geboren, in diesem Dorf am Ende der Welt. Am Ende der Welt.“
(„Das Dorf am Ende der Welt“ Jetzt!)
Nerdig irgendwelchen Songs nachreisen, das ist auch für mich etwas ganz Besonderes, aber zum ersten Mal mache ich es trotzdem nicht. Hier eine kleine Reminiszenz an einen Trip nach Bad Salzuflen, der schon etliche Jahre zurückdatiert. Bad Salzuflen gilt als Keimzelle der Hamburger Schule. Hier fanden sich bereits Akteur:innen wie Jochen Distelmeyer (Blumfeld), Bernadette Hengst, Frank Spilker (Die Sterne), Bernd Begemann und viele andere rund um das Kassettenlabel Fast Weltweit von Frank Werner zusammen, bevor ein paar Jahre später der dazugehörige Sound in Hamburg explodierte.
Damals mietete ich eine random FeWo in der Kurstadt an und suchte, wenn der Regen nachließ, nach Relikten jener Bad Salzuflener Music-Sensation.






Besser leben durch Musiktourismus! Alles ist möglich
Vielleicht kennt ihr Jens Friebe nicht, vielleicht ist euch Jochen Distelmeyer schon mal hinten draufgefahren. Aber auch dann möchte ich werben für das Prinzip des Musiktourismus. Denn es gibt so viel zu entdecken, man kann sich in alles reinsteigern, friends.
Hier mal ein paar Reiseziele, die zumindest mir im Kopf rumspuken. Vielleicht ist auch was für euch dabei (#fahrgemeinschaft) und wenn nicht, sucht euch ganz eigene aus.

1) Großenkneten – Im Ortsteil Regente wohnten einst die Mitglieder der Gruppe Trio in einer mythenumrankten Männer-WG. Deren Ende beschrieb dereinst dann auch das Ende von Trio. Da sollte man echt mal hin. Zumal sie die einstige Adresse ja sogar auf ein Plattencover druckten…
2) Düsseldorf, Südfriedhof – Oder vielleicht doch mal bei dem Familiengrab der Toten Hosen vorbeischauen? Unter anderem liegen dort bereits der legendäre Fahrer (Uwe Faust) und der 2016 verstorbene Schlagzeuger „Wölli“. Auf jeden Fall mal die Koordinaten eintragen: Haupteingang Südring, rechts an der Außenmauer, zwischen den Parzellen 20 und 27.
3) Bundesstraße 203 bei Tellingstedt – Ein verwitterter Stein erinnert an die letzte Fahrt der Chansonsängerin Alexandra („Mein Freund der Baum ist tot“). Sie verunglückte im Jahre 1969 tödlich. Damit endete eine ohnehin tragische Lebensgeschichte. Aber eben auch deshalb: Ein Ort to remember.
4) Brühl, Schloss Gymnich – Und noch mal ein Wasserschloss. Hier residierte einst unter ziemlichem Fangeklingel und Blitzlichtgewitter die Kelly Family in den Jahren 1998 – 2002. Why not!
5) Wien, Zentralfriedhof – Auch eine Reise wert: Das absurd geschmacklose Grab von Falco. Aber Moment, dort war ich ja schon mal. In der Prominenten-Sektion findet sich unter anderem auch das spektakuläre Memorium für Udo Jürgens, dessen Grabstein einen Flügel aus Stein darstellt.

Ihr seht, wenn man nur den Blick ein wenig schweifen lässt, finden sich auch in der unglamourösen Bundesrepublik viele irgendwie brodelnde Orte der Musikgeschichte. In diesem Sinne möchte ich mit folgenden Worten schließen:
„Frau Baron /
Ich bin ein Bauernsohn /
Und heute Nacht /
Geb ich ihnen die Pacht“
Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.




