Popkolumne, Folge 185

„Verblasene Revolutionsästhetik war immer schon wenig belastbar“ – Jens Friebe in der Popwoche

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

WIR SIND SCHÖN – so verheißungsvoll soll Ende September das neue Album von Jens Friebe heißen. Die Trackliste sowie „Frei“, das erste Video zur Platte, sind gerade erschienen. Linus Volkmann widmet die Popkolumne einem ausführlichen Gespräch mit dem erhitzten Exil-Lüdenscheider. Inklusive ehrenvoller Erwähnungen von Christin Nichols und Malonda.

HEISS, HEISS, BABY

Jens, um gleich mal eine emotionale Brücke zu unseren Leser*innen zu schlagen: Auch dir ist dieser Tage sicher oft heiß, wie sehr nimmt der Sommer auf dich Einfluss?

JENS FRIEBE: Ich besitze eine Sprühflasche mit Wasser, davon lasse ich mich alle fünf Minuten erfrischen …

Das scheint ein Produkt aus dem Drogeriemarkt zu sein – füllst du die dann wieder auf oder kaufst du dir einfach immer wieder eine neue?

Weiß ich gar nicht. Ich mach’s ehrlich gesagt erst seit heute. Ansonsten gehe ich noch viel ins Freibad, aber zuletzt war tatsächlich der Punkt erreicht, an dem es zu heiß für’s Freibad geworden ist. Wenn die Steine dort so heiß sind, dass man als Mensch nicht mehr drüberlaufen kann, ist es vorbei. Heute wollte ich auch noch was mit dem Drumcomputer programmieren – stattdessen lag ich bloß reglos auf dem Bett, eingehüllt in ein nasses Handtuch. Mein Fazit daher: Ich komm nicht so gut mit hohen Temperaturen klar.

Corona hat dich aber immerhin nicht betroffen, oder? Deine letzte Platte „Fuck Penetration“ kam noch durch vor dem Virus.

Ja, das war gut getimed. Allerdings ist eine Tour mit der Band Half Girl ausgefallen, bei denen ich auch mitspiele. Und das ist insofern besonders schade gewesen, weil Schlagzeugerin Anna-Leena [Tochter von Jens‘ Ex-Drummer und Solomusiker Chris Imler] nun ausgestiegen ist. Es passt einfach zeitlich nicht mehr für sie. Da tut es natürlich doppelt weh, dass der Bandtrip nach Österreich ausfallen musste.

Überhaupt scheint der Corona-Hustle für viele Bands noch lange nicht vorbei zu sein.

Ich will diesen Herbst eine Tour zu dem neuen Album spielen – doch da ist bei der aktuellen Situation noch längst nicht alles safe. Meine Touren sind nicht so, dass da viel Luft nach unten wäre. Wenn sich jetzt das Publikum zu Vor-Corona halbiert, das wäre schon richtig scheiße für mich.

Wie wichtig ist dir das Touren überhaupt. Ist das was, worauf du dich freust

Von so einem Konzert wie zum Beispiel meinem letzten in Berlin im vollen Festsaal Kreuzberg oder auch dem in Hamburg, davon zehre ich schon. Wenn all sowas wegfiele, dann wäre das Gefühl, eine neue Platte veröffentlicht zu haben, schon arg abstrakt.

TREFFPUNKT SCHÖNHEIT

Ist die neue Platte WIR SIND SCHÖN eher eine Sammlung einzelner Songs, die über den Zeitraum seit der letzten entstanden – oder gab es für diese Produktion ein Konzept?

Für mich war es ungewöhnlich, dass diesmal die ganze Musik fertig war, bevor es überhaupt Texte gab. Ich arbeite nicht so, dass ich alle Musik auf eine Platte packe und danach geht es wieder bei Null los, ich habe vielmehr ein großes Archiv musikalischer Skizzen. Manche Melodien sind zehn Jahre alt. Aber diesmal sind die Texte in einem sehr kurzem Zeitraum entstanden. Das macht vielleicht noch kein übergeordnetes Konzept, aber eventuell sind sie dadurch auch stimmungsmäßig enger beieinander. Das kann man aber eher von außen beurteilen. Mir kommt es allerdings so vor, dass es auch von der Produktion her sehr einheitlich ist, so wie eigentlich seit meinem ersten Album nicht mehr.

Kein Konzeptalbum – aber eine fortlaufende Erzählung?

Ja, oder ein atmosphärisch runder Episodenfilm. Als wir das Album ein paar Leuten vorspielen wollten, musste ich ganz schnell eine provisorische Reihenfolge machen. Die hat sich dann so automatisch ergeben, dass wir sie beibehalten haben. Ich kann mich über so was wahnsinnig freuen, wenn sich so eine Reise mit einer gewissen Dramaturgie ergibt – wobei das ja eigentlich ein bisschen idiotisch ist, weil sich eigentlich niemand mehr Alben in der „richtigen“ Reihenfolge anhört.

Du hattest mal halb im Scherz, halb auch nicht gesagt, dass die ungeraden Alben bei dir die beliebteren – oder besseren? – wären. Inwiefern gilt diese kleine Verschwörungstheorie noch heute? Wir sind aktuell bei Platte Nummer sieben.

Das ist hart so was zu sagen. Ich bereue nichts und bin auf alle meine Platten stolz. Aber in einer hypothetischen Situation, wo ich nur vier von sieben aus den Flammen retten könnte, wären es wohl immer noch die ungraden, ja.

Du hast ganz am Anfang schon den Drumcomputer angesprochen. Dem Album lag eine eher minimalistische Idee im Klang zugrunde, stimmt das?

Ja, die Idee war eigentlich, alles nur mit Drumcomputer und E-Piano zu machen, das kann man an einigen Stellen auch noch raushören. Im Studio sollte dann nur noch das Nötigste dazu kommen. Aber wie das oft so ist bei minimalistischen Ansätzen, stellte sich heraus, dass das Nötigste doch mehr ist, als man dachte. Eigentlich war die Idee, dass ich das Album auch ohne Live-Band präsentieren kann, aber jetzt werde ich doch wieder Leute brauchen.

Weißt du schon, wie die Band aussehen wird? Ist Chris Imler nicht wieder dabei?

Nein, der kann leider wegen seines großen Erfolgs nicht mehr. Auf der Platte hat er noch viel mitgemacht, aber für die Bühne suche ich jetzt Ersatz. Außerdem werden mich die beiden Sängerinnen, die auch auf der Platte ein große Rolle spielen, begleiten, Achan Malonda und Pola Schulten. Darüber freue ich mich wirklich sehr.

DER MALONDA-EXKURS

Malonda, Malonda, Malonda? Ja, genau, deren Crowdfunding ging doch zuletzt erfolgreich über die Ladenkasse des Internets. Malonda hatte dabei vor allem um Geld für neue Videoproduktionen ersucht. Dass die Kohle mehr als gut angelegt ist, kann man nun bei dem ersten Video sehen, das gerade erschien: „Disco“.

JENS FRIEBE – TECHNIK, DIE BEGEISTERT 

In einem der neuen Stücke stößt man auf die Zeile „unseren schlimmsten Feinden / stehlen wir ihre besten Ideen“. Geht es darum, dass es nervt, dass die eigene Subkultur heute so schnell von reaktionären Kräften vereinnahmt werden kann – und dass man das auch mal andersrum machen sollte? Also wenn zum Beispiel in sowas chauvinistischem wie Battle-Rap aktuell immer mehr liberalere Ideen und Protagonist*innen einfließen?

Diese Lesart finde ich auch sehr schön, aber für mich ging es eher um technische Erfindungen des Kapitalismus. Die man ja auch für gute Dinge verwenden kann. Das ist allerdings eine streitbare Position, es gibt viele Leute, die sagen, es gibt keine neutrale Technik. Alles, was eine technische Rolle spielt, trägt schon den Makel in sich des Gesellschaftssystems, für das es erfunden wurde – und lässt sich nicht anderweitig besetzen. Da bin ich mir allerdings nicht so sicher, das stelle ich in diesem Song zumindest in Frage.

Also ist nicht gemeint, dass man zum Beispiel Autotune kapern soll, um so eine fremde Ästhetik für die Verbreitung der eigenen Message nutzen?

Warum nicht! Schließlich sind wir die ganze Zeit in der umgekehrten Situation, dass Rechte sich linke Vokabeln nehmen oder rebellischen Gestus jetzt auf sich münzen. Bei denen funktioniert das ja so sehr, dass ich mich bei einigen Passagen, in denen ich mich kritisch äußere gefragt habe: „Könnte das nach Querdenker klingen?“

Das habe ich tatsächlich auch gedacht – da ist mir erst mal bewusst geworden, wie sehr einen die Rechten die letzten Jahre ausgenommen haben. Man denke nur, als Maßnahmengegner*innen sich als die Geschwister Scholl, also als Kämpfer gegen die Nazis, wähnten.

Jedes etwas zu unbestimmtes revolutionäres Pathos ist – ohne Kontext – heute schon schwierig und steht längst nicht mehr per se für einen aufklärerischen Hintergrund. Bei mir fungiert natürlich das Gesamtwerk als Kontext oder zum Beispiel meine Verbundenheit zu der Zero-Covid-Bewegung. Aber es gab tatsächlich Stellen, die ich in die Texte noch eingebaut habe, damit sie einfach nicht umgedeutet werden können. Es wird aktuell eben schwieriger, früher konntest du mit so ein bisschen Punkwissen gestreute Codes erkennen und du wusstest, was gemeint ist. Das ist nicht mehr so.

Ich empfinde das als Identitätsverlust. Letztens sah ich den Schriftzug „Smash the system!“ an einer Häuserwand – und statt eines wohligen Gefühls beschlich mich nur Skepsis. „Smash the system!“ gehört mittlerweile den Arschlöchern? Diese Erkenntnis hat mich sehr deprimiert.

Es kann natürlich auch eine Herausforderung sein, die einfach aufzeigt, wie wenig tragbar so eine verblasene Revolutionsästhetik schon immer war. Die Umstände zwingen dich heute, die Sachen klarer zu benennen – das ist ja nicht per se schlecht. Aber klar, lästig ist es trotzdem, dass es so gekommen ist.

Foto: Max Zerrahn

AUF DEN HUND GEKOMMEN

Sehr schöne Nachricht ist allerdings für den klassischen Jens-Friebe-Ultra, dass erneut ein Hund der Platte auftauchen wird – und zwar im Titeltrack „Wir sind schön“.

Das ist mir erst später aufgefallen, dass ich mich an dieser Stelle selbst zitiere. Warum noch mal ein Hund erscheint, ist vermutlich banal, ich bin selbst mit einem aufgewachsen …

Wie hieß der?

Der hieß Tell, weil er aus der Schweiz war.

Aber es geht bei beiden Hunde-Momenten dezidiert um Helfertiere: Lawinen- und Blindenhund.

Das finde ich einfach einen schönen Gedanken, dass es ein Tier gibt, was Leuten hilft – und im Fall des Lawinenhunds sogar noch mit Schnaps. Bei „Wir sind Schön“ gibt es aber auch noch eine zweite Lesart. „Für die Blinden sind wir Hunde“ kann ja auch bedeuten, die, die nichts sehen, halten uns für Hunde.


Noch präsenter als der Hund sind wieder die geschlechtlichen Ambivalenzen der Figuren, die durch deine Texte geistern. Es ist nie so diese heteronormative Pop-Minne des „Er sucht sie“, die ja selbst Jochen Distelmeyer verdammt ist, bis ans Ende aller Tage zu bedienen. Dieses Gender-Fluide dagegen kennt man schon lange von deinem Werk.

Früher war das bei mir mehr Programm, verbunden mit so einem Selbstentwurf einer androgynen Figur. Heute ergibt sich das eher aus dem Umfeld, in dem ich mich bewege. Dass ich auf dieser Platte dann in „Das Ende aller Feste“ sowas wie „significant other“ oder an anderer Stelle „Kolleg_innen“ singe, ist ein bisschen aus Spaß, aber auch um zu zeigen, dass es nicht das Ende des Abendlandes bedeutet, wenn man solche sprachlichen Veränderungen einbezieht.

Für mich hebt dich das deutlich ab von anderen deutschsprachigen „Barden“, in denen man irgendwann nur noch diesen Heteromann sehen kann, wie er immer wieder die schöne und – natürlich – junge Frau ansingt. Das wirkt dagegen bei dir nicht nur diverser sondern einfach auch üppiger.

Freut mich natürlich, wenn das so rüberkommt.

CHAOS UND IRRSINN 

Apropos neue Sprachen, frische Idiome: Was ist denn ein Microdoser? So wird eines Deiner neuen Stücke heißen.

Microdoser sind Leute, die gezielt eine Menge an Drogen nehmen, mit der man sich nicht abschießt, sondern die Wirkung nur auf einem schwächeren Pegel hält. Das Prinzip kommt auch in der Arbeitswelt zum Tragen: Kokain-Microdoser, die das nehmen, um im Job präsent zu bleiben – oder wen jemand eine moderate Menge psychoaktiver Pilze nimmt zum Beispiel bei der Kinderbetreuung. Normalerweise habe ich gern eine starke Meinung zu den Themen, über die ich schreibe – wie in so einem Statement-Song wie „Deutsches Kino“. Bei „Microdozer“ allerdings versuche ich – pop-unüblich – eine ambivalente Haltung darzustellen. Drogen nehmen hat was Selbstzerstörerisches, was auch politisch zu sehen ist: Wenn ich meinen Körper kaputt mache, entziehe ich ihn dem gesellschaftlichen Funktionieren. Das ist für mich mittlerweile aber nicht mehr der Weisheit letzter Schluss. Daher scheint mir ein Umgang mit Drogen, der genau weiß, wie fühle ich mich besser, nicht uninteressant. Aber es bleibt eine zweischneidige Sache, wenn das Bestreben letztlich immer um die Optimierung der eigenen Arbeitsfähigkeit kreist.

Schöner Exkurs. Ich höre da raus, Kontrollverlust ist nicht mehr dein Markenkern?

Prinzipiell bin ich nicht dagegen und es ist nicht so, als würde ich jenen nicht immer noch mal praktizieren, aber als Agenda finde ich Selbstzerstörung heute nicht mehr so interessant. Ich würde mich auch nicht über „die Jugend von heute“ aufregen, dass die alle so vernünftig sind, statt auf Heroin in der Ecke zu liegen…

… wie man selbst noch früher?

Naja… Aber Vernunft ist angesichts des Weltzustands schon verständlich. Wir hatten in unserer Jugend ja das Gefühl, dass alles funktioniert und dass so eine bleierne Normalität herrscht, gegen deren Fortbestand man rumtoben und Chaos stiften muss. Ich glaube aber, dass das heutige 18-jährige nicht mehr nachvollziehen können. Denn das Chaos ist ja bereits in der Welt.

Ich erinnere meine Jugend allerdings auch schon begleitet von einem durchgängigen Alarmismus: Klimakatastrophe hieß es eben Waldsterben oder Ozonloch.

Aber das hat doch im Ernst niemand geglaubt?

Bitte was?

Das Gefühl, dass alles auseinanderfällt, beschränkt sich ja nicht mehr auf die Natur, das gilt auch fürs Politische. Dieser surrealistische Ansatz, dass alles besser ist, je durchgeknallter es ist, das hat sich doch spätestens seit Donald Trump als amerikanischen Präsidenten völlig überholt. Eine Fixierung auf Chaos und Irrsinn als Mehrwert gegenüber instrumenteller Vernunft, das ist heute einfach rechtsoffen geworden.

Ja, und die Zeiten, als Verschwörungstheorien einem noch interessant vorkamen, sind auch endgültig vorbei… Jens, vielen Dank für deine Zeit und die Einblicke in die neue Platte.

Jens Friebe „Wir sind schön“ – Die Tour

Und nun zu jemand völlig anderem

Christin Nichols
Bis zur Ankunft des thin white duke aus Lüdenscheid Jens Friebe wird noch etwas Zeit vergehen. Bereits hupend vorm Haus im Halteverbot steht dagegen das neue Video von der pophochbegabten Christin Nichols. Ähnlich wie Friebes „Frei“ stellt es den ersten „Vorboten“ (minderwertiger Musikjournosprech, sorry, bin halt ganz aufgeregt) ihrer neuen Platte dar.
Das Stück, das diesen Freitag um 12 Uhr Premiere hat, trägt den pharmakologischen Titel „Citalopram“. Nichols bringt darin ihr Prinzip aus Kühle, Nähe, Style und Verzweiflung sehr eindringlich aufs nächste Level. Dazu ein Panorama’n’Jahrmarkt-Porn-Clip, der sich optisch an das einstige Grunge-One-Hit-Wonder Blind Melon mit „No Rain“ erinnert. #BieneMaja.
Die Platte dazu erscheint erst nächstes Jahr, aber wenn sie das Level dieses Stücks hält, kommt 2023 niemand mehr an unternehmungslustigen Wahl-Berlinerin mit Schauspielhintergrund vorbei. Und hört man „Citalopram“, weiß man, dass das auch gut so ist.


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