BTS: So gut ist das Comeback-Album „Arirang“

Für Abermillionen das Comeback des Jahres: Die K-Pop-Legenden sind wieder da – und bieten ein mehrdeutiges und mutiges Album.

BTS
Arirang
Hybe/Interscope/Universal (VÖ: 20.3.)

BTS kapern das Internet

Wer am Release-Day von ARIRANG bei Google nach BTS sucht, betritt unvermittelt ein Online-Game. Erst regelt es blaue Seifenblasen, dann erscheint eine virtuelle Flaschenpost und wird man per QR-Code zu einer Online-Schnitzeljagd geleitet. BTS kapern das Internet. Wer auch sonst? Die Boygroup der dritten K-Pop-Generation ist einer der meistgestreamten Gruppen aller Zeiten. Was damit zu tun hat, dass BTS die K-Pop-Welle in den Ländern des Westens manifestiert haben. In ihrer ersten Phase zwischen 2014 und 2020 waren die glorreichen Sieben unglaublich aktiv, veröffentlichten Alben in koreanischer, japanischer und englischer Sprache, dazu Soundtracks, EPs, Online-Specials. Dann kam es zu einer vier Jahre langen Pause: Alle Sieben hatten ihren Wehrdienst zu verrichten. Wie Elvis damals. Wobei vier Mitglieder an der Grenze zum Nachbarn im Norden stationiert waren, wo es auch mal ungemütlich wird. Als BTS pausierten, wurden die Risse im K-Pop größer. Missbrauch und Manipulation, Korruption und Betrügereien – die Makellosigkeit verschwand im Schatten.

Rückkehr der glorreichen Sieben

Jetzt sind BTS zurück, kein Moment zu früh. Die weltweite Fan-Community – ARMY – genannt, zeigte gleich mal, dass sie noch da ist: Mehr als fünf Millionen Pre-Saves auf Spotify gab es vor dem heutigen Veröffentlichungstag, so viele wie noch nie. Und dies ist wohl nur der erste von weiteren anvisierten Rekorden. Es wird geschätzt, dass die anstehende Welt-Tour die bisherigen Rekordumsätze von Taylor Swifts „Eras“-Tour übertreffen könnte, kalkuliert wird mit also mehr als zwei Milliarden US-Dollar. Kein Wunder, dass die Aktien des wegen Aktienbetrugs krisengeschüttelten Entertainment-Konzerns Hybe Corporation, bei dem BTS unter Vertrag stehen, in diesen Tagen wieder an Wert zugelegt haben. BTS sind längst ein ökonomischer Faktor. Und ein politischer auch: Weil die drei geplanten Gigs in Mexiko in Windeseile ausverkauft und die Karten teuer waren, trat die Präsidentin Claudia Sheinbaum mit der Bitte an die Regierung Südkoreas heran, eine Free-Show auf dem zentralen Platz von Mexiko-Stadt zu ermöglichen. Dass der Hype weiter zunehmen wird, dafür sorgt ein Netflix-Deal: Der Tourstart am Samstag (21.3.) in Seoul vor einer viertel Million Fans wird live auf Netflix gestreamt. BTS-Mania – ohne, dass bis dahin überhaupt jemand die neue Musik gehört hat.

Zwischen Pop, Risiko und Tradition

Diese liegt nun vor, und es zeigt sich, dass die Band (die im Gegensatz zu vielen anderen K-Pop-Acts die Tracks selbst schreibt oder zumindest mitschreibt) durchaus ins Risiko geht. Auf ihrem Weg zum Weltruhm hatten sich BTS geglättet, ihre Hits wie „Dynamite“ klangen nach Charts-Stoff zwischen dem Sound der 90s-Boybands, Disco-Nostalgie und genau dosierten Modern-Pop-Einflüssen. Die koreanischen Wurzeln und Themen verblassten. Nun werden sie wieder verstärkt. ARIRANG mit seinen 14 Tracks ist wuchtiger und bunter Pop mit Ideen im Sekundentakt. „Body To Body“ kombiniert HipHop, Pop und koreanische Trommeln, „Hooligan“ (produziert von El Guincho, berühmt geworden durch seine Arbeit mit Rosalía, Björk, FKA Twigs oder Charli xcx) zitiert eine seltsame Filmmusik, „Aliens“ hat genau den harten Rap-Punch, den Eminem nicht mehr hinbekommt. Der verwaschene Dreampop „Merry Go Round“ ist eine der schönsten BTS-Kompositionen und genau die Art von Musik, die im Streaming durch die Decke geht, weil sie generationenübergreifend funktioniert – und die Hörer:innen über 30 die verträumte Musik ihrer jeweiligen Jugend wiederentdecken, von Beach House bis Julee Cruise.

Das Erbe von „Arirang“

Das Album bietet aber noch eine zweite Ebene. Benannt ist es nach einem alten koreanischen Volkslied mit dem lautmalerischen Namen „Arirang“, beliebt in Nord- und Südkorea, während der Zeit der japanischen Besetzung die inoffizielle Hymne Koreas, weil die offizielle nicht gesungen werden durfte. Die erste Aufnahme des Liedes stammt aus dem Jahr 1896, eingesungen von koreanischen Studenten von der Howard University in Washington D.C. Auf dem Cover stellen BTS 130 Jahre später diese Studenten nach, in den Texten des Albums behandeln sie Fragen, die sich Exil-Koreaner:innen aller Generationen gestellt haben. Songs wie „Fantasy“, „Normal“ oder „Swim“ von Identität und Assimilation. Davon, was bleibt, wenn man in eine andere Kultur einfließt, wenn man diese mitbestimmt, aber eben auch von ihr bestimmt wird.

Vom Militär zurück zur ARMY

So kann man „They Don’t Know’Bout Us“ mit seinen 90s-Rap-Anleihen ganz simpel als Song über eine heimliche Liebe hören. Man kann ihn aber auch als gedanklichen Vorboten für das deuten, was BTS ab jetzt bevorsteht: Von der Armee zurück zur ARMY. Zu Abermillionen Fans auf der ganzen Welt, die das alte koreanische Lied „Arirang“ vielleicht nicht kennen, die aber die Botschaft des Liedes nachvollziehen können: Der Weg ist weit und beschwerlich, doch gibt es am Horizont einen Berg, auf dem selbst im tiefsten Winter die Blumen blühen.