Clueso im Interview: „Auf Tour hatte ich jeden Tag einen Déjà-vu-Moment“
Clueso über sein neues Albumprojekt „Déjà-vu 1/2“, Liveshows und die Zusammenarbeit mit jungen Musiker:innen – jetzt im Interview lesen.
Clueso gilt seit langem als fester Bestandteil der deutschen Poplandschaft. In diesem Jahr veröffentlichte der Sänger sein neues Album: „Deja-vu 1/2“. Wir sprachen mit ihm über sein neues Musikprojekt, Live-Auftritte und die Arbeit mit jungen Nachwuchskünstler:innen.
ME: Kannst du dich noch an dein letztes Déjà-vu erinnern?
Clueso: Also jetzt gerade, wo ich drüber nachdenke – nee. Man vergisst es immer wieder, es sind manchmal so Kleinigkeiten: Man läuft die Treppe hoch und denkt, boah, du hast was gesagt und das kenne ich irgendwo her, wie so ein Fehler im System. Als Artist hatte ich gerade auf Tour einen einzigen Déjà-vu-Moment, weil man jeden Tag in einer Halle ist, die sehr ähnlich aussieht. Und dann hast du so einen Déjà-vu-Moment, weil man jeden Abend eine Show spielt und das alles sehr ähnliche Abläufe hat.
Du spielst im Sommer auch Open-Air-Gigs, vergleichsweise auf kleineren Bühnen, auch in sehr kleinen Orten. Worauf freust du dich da besonders?
Also in erster Linie auf die Band. Wir haben uns so gerne, wir haben so ein schönes Team, es macht richtig Spaß. Im Sommer freue ich mich auf die Locations. Was besonders ist: Wir haben manchmal von der Bühne den besseren Blick, weil die Leute natürlich dahin gucken, wo die Stage am besten hinpasst. Wir schauen manchmal dann direkt auf die Ostsee oder in Dresden auf das Elbufer. Wir haben von der Bühne eine richtig geile Aussicht. Diesen Sommer haben wir alles gemischt: Es gibt Hurricane, Southside, da sind schon mal 40.000 Leute vor der Hütte, und es gibt auch welche, wo es eher 3.000, 5.000 sind – aber da haben wir total Bock drauf. Es ist dann geil, wenn die Lichter an sind, irgendwelche Falter um die Lampen fliegen und die Leute sich abends begeistern.
Was macht dir mehr Spaß – die großen Hallen oder kleinere Open-Air-Bühnen?
Ich bin so ein Jetzt-Mensch: Ich habe jetzt total Bock auf die Sommertour, aber ich habe so eine geile Hallentournee gespielt. Für mich als Artist, weil ich viel mitentscheide in der ganzen Tourorganisation, sind Hallen geil, weil da kann ich alles machen. Es gibt keine Helligkeit, ich kann das Licht runterschalten und die Videowand anmachen. Aber ich freue mich trotzdem auf die Sommershows. Ich mag den Wechsel – zum Glück habe ich den ja.
Wird „Deja-vu 2/2“ musikalisch an den ersten Teil anknüpfen oder nochmal andere Sounds reinbringen?
Ich habe es „Deja-vu 1 von 2“ genannt, weil es noch einen zweiten Teil gibt. Das ist ein Zweiteiler, ich sitze gerade an Teil 2. Der erste Teil ist ein bisschen organisch, so wie der alte Clueso-Sound. Ich treffe in Erfurt zum Beispiel auch viele junge Leute, die damit aufgewachsen sind und die kennen halt diese Musik. Ich habe das Gefühl, ich muss und will nicht allen hinterherrennen, weil ich einen eigenen Sound für mich habe. Andererseits macht es total Spaß, moderne Sachen zu machen – deswegen sitze ich gerade bei Teil 2 selber am Rechner, baue die Beats selber, schnappe mal eine Gitarre, programmiere aber ein bisschen, habe auch Bock auf Features mit jungen Artists und mache das jetzt bis Ende des Jahres fertig. Ich habe jetzt ein bisschen Gas gegeben, erst mal nur geschrieben, blind, ohne nachzugucken. Ich war auf Mallorca, wir haben ein Studio in einem Hotel reingebaut – nicht mein Hotel, aber ich habe da ein Studio – und haben sehr viele sonnige Songs geschrieben. Die muss ich jetzt sortieren.
Wie kam das Feature mit Chapo102 zustande – wolltest du damit auch ein jüngeres Publikum ansprechen?
Ich gucke immer nach Artists, auch wenn wir auf Tour gehen. Vor ganz vielen Jahren war Annenmaykantereit bei uns Vorband. Wir haben Zartmann auf dem Domplatz spielen lassen vor seinem großen Durchbruch, und letztes Jahr hatten wir Kasi und Antonius da – so lernt man die Leute ein bisschen kennen. Natürlich macht es mir Spaß, junge Leute anzusprechen, die dann wenigstens mal rüberschnuppern. Es ist nicht so, dass sie dann bei mir hängenbleiben und auf ewig meine Mucke hören, sondern sie hören einfach mal rein. Bei Chapo ist es was eher Natürliches, da gibt es viele Gemeinsamkeiten. Er ist ein unglaublicher Songwriter, er schreibt auch für andere Leute, er ist den ganzen Tag an – und da sehe ich viele Parallelen zu mir. Es geht viel um Texte, viel um Musik, und er ist so ein bisschen der Typ von nebenan, ich auch irgendwie. Wir haben nicht so die Starallüren, wir sind eher so die Kneipentypen. Ich mochte, dass er so seine Bubble ein bisschen verlassen hat und jetzt in diese Songwriter-Richtung geht und versucht, engagierten Pop zu machen. Das habe ich auch damals gemacht. Wir haben dann miteinander gesprochen, haben uns kennengelernt, waren auf dem Weihnachtsmarkt und haben gedacht: Digga, wir machen einen Weihnachtssong – und der ist dann auf mein Album gekommen.
Kannst du schon verraten, wer auf dem zweiten Album als Gast dabei sein wird?
Nee, tatsächlich mache ich gerade so eine Liste. Ich habe Bock auf alles, und manchmal verpasse ich es auch, weil ich so schnell schreibe. Ich setze mich gerade ran und schreibe Leute an und frage die. Deswegen kann ich noch nicht so viel sagen, weil das ungelegte Eier sind. Es geht aber in alle Richtungen: Ich habe Bock auf junge Leute, habe Bock auf Leute, die schon länger dabei sind – aber es soll kein Feature-Album werden. Das Album liegt schon da, ich habe 26 Songs geschrieben und davon werde ich viele weghauen, bei denen sich die Themen doppeln.
Also Teil 2 kommt Ende des Jahres – und ist das stressig?
I try. I try hard. Wir spielen eine sehr lange Sommershow und ich mag schon immer da zu sein, wo ich bin. Wenn ich ein Konzert spiele, möchte ich gerne im Moment sein. Wenn ich zurückkomme, brauche ich meinen Tag Erholung, und dann setze ich mich an das Werk und bastle das weiter. Ich habe so das Gefühl, es sollte nicht so lange warten, aber ob es dieses Jahr noch kommt – wer weiß?
Machst du gerade eine Pause vom Fernsehen, während du auf Tour bist und deine Musik herausbringst?
Im Moment möchte ich ungern mein Album unter den Schatten einer TV-Produktion stellen. Das ist immer so: Wenn es sehr groß ist, fragen auch alle, wo der Song oder das Album bleibt. Das macht auch total Sinn, wenn man bei „The Voice“ oder „Sing mein Song“ ist. Das würde ich jetzt erst mal nicht tun, hätte aber schon Bock, das irgendwann noch mal zu machen. Ich habe „Voice Kids“ gemacht – das hat mir ultra gefallen, mit Kids zu arbeiten. Jetzt gibt es erst mal keine großen Sachen. Es kann spontan sowas passieren wie Joko und Klaas – die waren in Erfurt, dann haben wir miteinander geschrieben und ich habe gesagt, ich komme mal vorbei. Dann habe ich plötzlich drei Fragen moderiert. War geil. Was Spontanes würde ich für das Album machen – aber jetzt keine große TV-Show als Staffel.
Planst du nach Teil 2 wieder eine Tour im nächsten Jahr?
Die größeren Sachen sind zumindest geplant. Wir haben mal die Waldbühne Berlin gespielt – ein unglaubliches Konzert. Die haben wir gerade wieder angekündigt für das nächste Jahr und es sind schon über die Hälfte der Tickets weg. Das machen wir nächstes Jahr auch. Eine konkrete Tour für Teil 2 gibt es nicht, weil ich glaube, viele Leute, die auf ein Clueso-Konzert gehen wollen, wollen dann auch „Cello“ und „Chicago“ hören. Ich habe immer das Gefühl – das ist mein persönliches Gefühl –, wenn Alben gerade rauskommen, müssen die erst mal mit Leben aufgeladen werden. Die nächste Tour wäre also eigentlich die Tour für „Deja-vu 1“. Es braucht alles ein bisschen Zeit. Die Hardcore-Fans haben natürlich alle Songs schon drauf und „Deja-vu“ schon drin gehabt – aber der große Raum, das dauert ein bisschen. Deswegen würde ich einfach weiterspielen und immer mal neue Songs einstreuen.
Elif singt auf dem Udo-Lindenberg-Tribute-Album euren gemeinsamen Song „Cello“. Hast du es schon gehört?
Ja, sie hat es mir erzählt. Sie war in Berlin bei meiner Show und hat erzählt, sie mache den Song. Und ich so: total geil. Deswegen haben wir „Cello“ in Berlin auch live zusammen gespielt. Elif hat eine der stärksten Stimmen in Deutschland. Ich habe mit ihr schon so oft Live-Momente gehabt, und als jemand, der lange dabei ist, gucke ich schon immer, dass die Leute auch live gut sind. Und sie ist eine Ultrasängerin. Das wird sie geil machen – ich muss mir die Version mal anhören.
Gibt es noch etwas, das du den Leser:innen von MUSIKEXPRESS mitgeben möchtest?
Ja, tatsächlich. Ich hatte gerade ein sehr langes Gespräch über neue Zeit, Algorithmus, was angeboten wird. Wir werden überschwemmt. Die Musik-Apps kennen uns besser, als wir uns kennen. Man sollte das Auge offenhalten für Artists, die vielleicht nicht so präsentiergeil sind. Weil das heute so wichtig ist, dass man sein Gesicht in die Kamera hält – aber es gibt ganz viele Leute, die einfach Musik machen, weil sie das besser können als sozial mit Leuten rumzuhängen und sich selbst zu präsentieren. Ich wünsche mir, dass Leute in lokale, kleine Clubs gehen und sich Bands angucken, die vielleicht nicht so famous sind.






