Julia Frieses Kolumne: Olivia Rodrigo, Justin Bieber und Glitzerglanz
Was glänzt (wieder) und was glänzt nicht mehr so ganz?
Drei Beobachtungen:
1. Leuchtender Laptop als Vanitas-Symbol
Olivia Rodrigo liegt in einem Bett in Versailles. Über ihr Gesicht pulsiert das Licht der wechselnden Bilder ihres Laptops, während sie singt: „Oh, one night I was bored in bed and stalked you on the internet“. Sie trägt dabei kabelgebundene Schaumstoffkopfhörer. Im wahren Leben würde die 23-Jährige das Stalking von Love Interests wahrscheinlich eher mit dem Handy vollziehen. Der leuchtende Laptop hat, ähnlich wie die Schaumstoffkopfhörer, nun etwas Gestriges – einen Hauch nostalgischer Sperrigkeit.
Petra Collins hat das „Drop Dead“-Video von Rodrigo an Sofia Coppolas Ästhetik angelehnt: Lethargie in Opulenz, garniert mit Anachronismen wie die lilafarbenen Converse in „Marie Antoinette“ (2006) oder der Air-Soundtrack in „The Virgin Suicides“ (1999) – als Stilmittel für Isolation, für Teenage Angst, für: Keiner versteht mich.
Nur wenige Tage bevor Rodrigo „Drop Dead“ droppte, trat Justin Bieber auf dem Coachella sitzend mit einem Laptop auf. Der Mann, der einst dadurch berühmt wurde, dass er auf YouTube Cover sang, coverte nun sich selbst – sang mit seinem jüngeren Ich auf YouTube im Duett, meist leicht lustlos, andererseits eben auch in der klassischen Sofia-Coppola-Haltung: Keiner versteht mich. Keiner versteht, warum diese Zeit in erster Linie belastend für mich war. Keiner versteht, was mit mir passiert ist. Damals. Dann.
Plötzlich, getragen von der Euphorie des Publikums, wird Bieber doch wieder energetisch und singt mit seinem damaligen Ich auf Tonhöhe. Aber das WLAN der kalifornischen Wüste lässt zu wünschen übrig. Manche Songs brechen buffernd ab.
2. Das Internet ist nun auch kein altersloser Ort mehr
2024 sang Soap&Skin in ihrer Version des Janis-Ian-Songs „Stars“ (1974) über eben jene Stars: „They have seen it all / They live their lives in sad cafés and online halls / And they always have a story …“ Man vergisst leicht, dass auch Stars dasselbe Instagram, YouTube und Reddit sehen.
Lena Dunham – die gerade ihr Memoir „Famesick“ (Fourth Estate, 2026) veröffentlichte – hatte nach eigener Angabe aus Selbstschutz jahrelang keinen Zugang zu ihren Socials und ließ diese von einer Mitarbeiterin verwalten. Zu ihrem Buch gab Dunham nun auch Interviews auf der Blogplattform Substack.
Die Schriftstellerin Raphaela Edelbauer sowie die Podcasterinnen Sophie Passmann und Laura Larsson nehmen nun ebenfalls Vlogs auf – Video-Tagebücher über Alltäglichkeiten, wie sie um die frühen 2010er-Jahre populär waren, im Zuge von Instagram Stories, TikToks und nicht zuletzt Podcasts jedoch obsolet geworden sind. Vlogs und Blogs sind damit – ähnlich wie der Podcast, der vor rund zehn Jahren wiederentdeckt wurde – ältere Medienformen, die immer wieder neu aufkommen können.
3. The Downfall of Glitzerglanz
1997 wurde das Glitzerglanz-Emoji von Shigetaka Kurita für einen japanischen Mobilfunkdienst entworfen. Es steht dort für „Kira Kira“, was Glanz, Schönheit und Sauberkeit bedeutet. In Mangas wurde das Glitzerglanz-Symbol oft genutzt, um Objekte mit Sauberkeit und Schönheit zu belegen.
Nun ist das „Kira Kira“-Symbol überall – steht aber für KI, im Sinne des Glanzes, der einem Zauberstab entweicht. Magische Fotoverbesserung? Gehen Sie auf das Glitzerglanz-Emoji. Sie wollen ein Large Language Model aufrufen? Gehen Sie auf das Glitzerglanz-Icon.
Glitzerglanz erfährt gerade eine massive Umdeutung: vom Zeichen für Sauberkeit zum Zeichen für Müll, mangelnde Aura – ja, für Seelenlosigkeit. Glitzerglanz als Zeichen für „Lassen wir da mal lieber keine Künstler:innen, Fotograf:innen etc. beauftragen“. Glitzerglanz als Zeichen für Faulheit, Gier und KAPITALISMUS. Schnelle Magie ist nun nichts mehr, was knapp ist, also gesucht und ersehnt wird. Ästhetisch ist nun die Sperrigkeit. Der Laptop im Bett und die kabelgebundenen Schaumstoffkopfhörer. Die Wertigkeit einer Situation will in erschwerteren Umständen gespürt werden. Drop dead, Glitzerglanz!







