„Damit war meine Kindheit verdorben“: Blind Date mit OK Kid
Was sagen OK Kid eigentlich zu Ikkimel, The Pogues und Die Toten Hosen? Wir haben mit ihnen Musik gehört.
Für zwei Jahre löschten sie das Spotlight vollständig. Um sich zu finden, zu sammeln. Mit dem neuen Album lassen OK Kid nun alle Hoffnung fahren. KOMM, WIR BLEIBEN STEHEN ist ein Trip zwischen Pop, Poesie auf Beats, blutiger Tanzfläche und Emo-Rap.
Wir haben ihnen ein paar Songs vorgespielt.
Shout Out Louds – „The Comeback“
RAFFAEL KÜHLE: Puh, keine Ahnung.
JONAS SCHUBERT: Ich erkenne es leider auch nicht. Klingt für mich wie eine B-Seite von Wir Sind Helden – auf jeden Fall Mitte Nullerjahre.
RK: Ja, allein wegen diesem Keyboardsound.
Das waren Shout Out Louds aus dem Jahr 2005, damit lagt ihr goldrichtig. Apropos Comeback: Ihr hattet zuletzt eine unbestimmte Pause von Musik und Social Media angekündigt.
RK: Ich bin für vier Monate mit meiner Familie nach Spanien gegangen, das war aber letztlich die einzige physische Pause der Band. Wir mussten vor allem diesen Zyklus unterbrechen: Release, Tour, dann wieder ein Album schreiben, um wieder auf Tour zu gehen. Wir wollten ohne Zeitdruck an neuen Sachen arbeiten und uns im eigenen Sound finden – ohne Content, ohne Postings, ohne dass man etwas von uns mitbekommen hat. Im Hintergrund waren wir dennoch sehr fleißig, haben an neuen Songs gearbeitet und festgestellt, dass es eine gemeinsame Vision für die Band gibt.
Vierkanttretlager – „Fotoalbum“
JS: Wie jung Max hier klingt … Das müsste Vierkanttretlager sein.
Sehr gut. Euer Album beginnt mit der epischen Song-Trilogie „Die Hoffnung stirbt“. Dort ist Max Richard Leßmann – früher bei Vierkanttretlager – als Gaststimme zu hören. Wie kam es dazu?
JS: Max kennen wir schon ewig – eine extrem inspirierende Person. Damals war ich in seinem Zimmer, dort hingen Bilder von historischen Personen aus dem alten Preußen, daneben stand endlos viel Literatur, und er konnte trotzdem jeden Berliner Straßenrapper zitieren und war extrem Rap-affin. Sein kulturelles Wissen geht wirklich in die Breite. Außerdem ist er ein angenehmer Typ. Ich finde auch gut, wie offen er zum Beispiel über Themen wie mentale Gesundheit redet. Zu unserem Song hat es für uns gepasst, dass er ein Intro spricht.
Ein Dreiklang zum Thema sterbende Hoffnung – welche Funktion hat dieser Auftakt für eure neue Platte?
RK: Das ist die erste große Hürde für Hörer:innen. Wie ein schweres Tor, das man aufstemmen muss – und wenn man das geschafft hat, wird man mit dem Rest belohnt. Dieser dreigeteilte Song wirft die Frage auf: Was passiert, wenn die Hoffnung stirbt? Wie geht es dann weiter? Das Thema begleitet uns seit der Coronazeit, sei es als Band, aber auch in Form der Entwicklungen in der Welt. Das unbehagliche Gefühl, das damit einhergeht, scheint etwas zu sein, womit viele Leute etwas anfangen können – das haben wir inzwischen gemerkt. Was kommt nach dem Kollaps? Das Album beantwortet diese Frage vielleicht nicht, aber die ersten drei Tracks formulieren sie zumindest.
Die Toten Hosen – „Willi muss ins Heim“
JS: Nee, das erkenne ich nicht.
RK: Geht mir genauso.
Das war vor eurer Zeit: Die Toten Hosen mit „Willi muss ins Heim“ von der allerersten Platte. Die Band macht nach 45 Jahren bald Feierabend. Wie steht ihr zu ihr?
JS: Vielleicht hätten wir sie gehört, wenn wir 25 Jahre älter gewesen wären zu der Zeit. Für mich ist das einfach zu stark verbunden mit Volksfestgrölerei. Den Song, den du hier ausgesucht hast, hätte mir aber auch gefallen. In unserer Jugend war Hosen halt „10 kleine Jägermeister“ … die feinere Klinge boten Die Ärzte. Ich habe zwei ältere Schwestern, und über deren Freunde kam ich mit fünf oder sechs Jahren auf das AB-18-Album von den Ärzten – Claudia und der Schäferhund und so. Damit war meine Kindheit verdorben.
Mit fünf das AB-18-Album? Hör dir doch mal selbst zu, Jonas.
JS: Ich kann doch nichts dafür, wenn mir das die älteren Jungs aus der Nachbarschaft vorspielen!
Herbert Grönemeyer – „Männer“
JS: Das ist eindeutig … Letztens habe ich eine Doku über Herbert Grönemeyer gesehen, in der er auch über dieses Stück redet. Hört man es sich heute an, staunt man, wie früh er vieles erkannt hat – im Text schwingt deutlich Kritik an toxischer Männlichkeit mit. Und wir reden hier über einen Song von Mitte der Achtziger. Das ist echte Pionierarbeit in einer Zeit, als diese Form von Selbstkritik bei Männern nicht gerade en vogue war.
Bei euch ist Männlichkeit immer wieder Thema. Ein zentrales Stück ist „Hausboot am See“ von eurer Platte DREI.
JS: Ich habe jahrelang versucht, männliche Attribute zu erfüllen, konnte es aber nicht. Männer haben die Schwierigkeit, dass sie sich in Männerbünden kaum öffnen oder über Emotionen reden können. Wenn du in deiner Jugend Freunde haben willst, funktioniert das leicht, wenn du gut im Sport bist. Männer definieren sich zeitlebens über Hobbys – ein cooler Typ ist derjenige, der in seinem Hobby besonders gut ist. Heute liebe ich es, damit weiter zu brechen. Im Teenageralter waren wir darin noch stark verhaftet: cool sein müssen, Stärke präsentieren. Selbst zu Anfang von OK Kid vor zehn Jahren hätte ich noch nicht den Mut gehabt, mich vehement dagegen zu positionieren. Aber jetzt gehört es für mich dazu, Männlichkeitsbilder zu hinterfragen und zu dekonstruieren.
The Pogues – „Dirty Old Town“
RK: Sagt mir nichts. Ich kenne mich mit Midwest-Americana-Songs überhaupt nicht aus – hat für mich was von einem Working-Class-Waldschrat.
Fast. Das waren die Pogues, ebenfalls schratig unterwegs – allerdings aus Irland. Der mittlerweile verstorbene Pogues-Sänger Shane MacGowan galt – mit Verlaub – als sehr starker Trinker. Mit „Bombay Calling“ habt ihr das Thema Trinklied auch angefasst.
RK: Wir haben dem Gin Tonic allerdings abgeschworen. Was aber nicht heißt, dass wir nicht mehr trinken. Wir haben gemerkt, dass es nicht sinnvoll ist, den Alkohol noch mit Unmengen Zucker zu mischen. Wir sind umgestiegen auf Wodka Soda.
JS: Wobei wir Alkohol nicht verherrlichen möchten. Bei uns spielt er aber schon eine Rolle. Wenn du heute die jungen Acts anschaust – besonders die, bei denen du denkst: „Die sind sicher komplett auf Drogen“ – das sind oft die Spießigsten. Da wird selbst den Backlinern noch das Bier im Backstage aus der Hand geschlagen. Ich lebe das anders. Wenn ich Musik mache, habe ich gerne etwas getrunken. Wenn ich Texte schreibe, habe ich gerne eine geraucht – daher finde ich es in Ordnung, dass wir uns vor und auf der Bühne ein paar Drinks gönnen. Dabei sind wir hoffentlich immer schlau genug, es nicht zu übertreiben.
IKKIMEL – „Kink“
RK: Mich erinnert das an M.O.R., Westberlin Maskulin, frühe Kool-Savas-Zeiten oder auch Taktloss – nur ohne das Abwertende. Sie schafft es, extrem radikal zu sein, ohne dafür jemanden anzugreifen. Eine Mischung aus krass und lustig. Das bringt für mich etwas in den Rap zurück, das lange Zeit völlig verloren gegangen war. Musikalisch bin ich aber auch draußen – da sind wir einfach ein bisschen zu alt. Wenn man diesen ganzen Mark-Oh-Style in den Neunzigerjahren miterlebt hat, related man anders zu dieser Form von Rap auf Techno-Beats. Die Zeit von Happy Hardcore ist für mich noch nicht so lange her, dass ich das jetzt schon wieder hören wollte.
JS: Das Spannende bei Ikkimel ist, dass sich vor allem die Typen aufregen, die damals lautstark „Lutsch mein Schwanz“ von Kool Savas mitgegrölt haben oder andere frauenverachtende Texte. Jetzt aber, wenn eine Frau so etwas bringt, fühlen sie sich angegriffen. Klar, man kann sich an dieser Drogenverherrlichung stoßen – aber es ist auch Unterhaltung, und man muss diese Texte nicht bis ins Letzte ausdiskutieren.
Mehr über OK Kid
OK Kid gründeten sich 2012. Moritz Rech, Jonas Schubert und Raffael Kühle stiegen dabei gleich hoch ins Pop-Biz ein: Ihr selbstbetiteltes Debütalbum erschien bei Four Music/Sony. Dennoch wuchsen sie organisch immer weiter, und diesen Frühsommer erscheint ihr siebtes Studioalbum KOMM, WIR BLEIBEN STEHEN. OK KID zeichnen zudem verantwortlich für das regelmäßige Open Air in ihrer Heimatstadt Gießen: Stadt Ohne Meer, das dieses Jahr am letzten Maiwochenende stattfand.




