Die wichtigsten TripHop- und Downbeat-Alben: 12 Klassiker im Ranking
Von Massive Attack über Portishead bis Boards of Canada: Diese 12 Alben haben das Genre geprägt.
In den Neunzigerjahren hat sich die elektronische Tanzmusik zu dem artenreichen und vielfältigen Biotop entwickelt, das wir heute kennen. In manchen Bereichen aber hat sich die Evolution weg vom Dancefloor bewegt, wie in den eng verwandten Genres TripHop und Downbeat. Dort dominieren atmosphärische Sounds und aus dem HipHop entliehene Zeitlupenbeats im unteren BPM-Bereich – Einflüsse aus Psychedelia, Jazz, Funk, Soul, Reggae, Dub und Bossa Nova ausdrücklich willkommen.
Wir stellen zwölf wichtige Alben vor, die die elektronische Musik jenseits von House und Techno maßgeblich geprägt haben.
Massive Attack – „Blue Lines“ (1991)
★★★★★☆
Womit alles beginnt, was später TripHop genannt werden wird. Massive Attack aus Bristol fusionieren auf ihrem Debütalbum amerikanischen Soul mit HipHop-Beats, Dub-Rhythmen und dem britischen Verständnis von Dance-Music – das alles gedrosselt auf zweistellige BPM-Zahlen. Gäste: Shara Nelson mit souligem Gesang und Roots-Reggae-Legende Horace Andy.
Band-Gründer Daddy G meinte später über das Album: „Wir wollten Tanzmusik für den Kopf und nicht für die Füße machen.“ Operation gelungen. Mit im damaligen Line-up von Massive Attack: Adrian Thaws, der sich später Tricky nennen sollte.
Kruder & Dorfmeister – „G-Stoned“ (1993)
★★★★★
Bekanntlich ist der Output an Original-Musik von Kruder & Dorfmeister eher bescheiden. „G-Stoned“ ist das Debüt-Mini-Album des österreichischen Duos, der erste Release auf ihrem eigenen Label und immerhin vier Tracks lang.
Es ist die Stunde null des K&D-Sounds, der relaxt und groovy zwischen watteweichen Beats und Samples ungeklärter Herkunft oszilliert. Extravaganzen machen den Unterschied: die Flöte, die den Track „Definition“ dominiert, der tribale Gesang in „Deep Shit Pt. 1 & 2“ und die Mundharmonika in „High Noon“.
Portishead – „Dummy“ (1994)
★★★★★
Portisheads Debüt steht außerhalb der Zeit. Beth Gibbons, Geoff Barrow und Adrian Utley erzeugen ein retrofuturistisches Gefühl und verschmelzen Elemente, die scheinbar nicht zusammengehören.
Agentenfilm-Soundtracks treffen auf HipHop-Beats und Scratching, von Gibbons‘ Gesang in einen Pop-Kontext übertragen. Die Folgen: Plötzlich interessieren sich Menschen für Lalo Schifrin, Ennio Morricone und Soundtracks aus den Sechzigern.
Tricky – „Maxinquaye“ (1995)
★★★★★☆
Böse Menschen behaupten, Tricky habe nur das, was er bei Massive Attack gelernt hat, auf sein Debüt übertragen. Wir sind aber nicht böse und konstatieren: Das Album geht weit über die Werke anderer Pioniere hinaus.
Tricky schafft eine düstere Atmosphäre, die ein Jahrzehnt später von Dubstep-Musikern wie Burial aufgegriffen wird. Mikroskopische Samples, Beat-Fetzen und vernebeltes Rauschen bilden das Fundament, auf dem Martina Topley-Birds unterkühlter Gesang schön zur Geltung kommt.
Funki Porcini – „Hed Phone Sex“ (1995)
★★★★★
Nachdem er sich zehn Jahre lang in Italien aufgehalten hat, um Musik für Kino und TV zu produzieren, geht James Braddell zurück nach London, nennt sich Funki Porcini und unterschreibt einen Plattenvertrag beim Elektronik-Label der Stunde: Ninja Tune.
Sein Debüt „Hed Phone Sex“ hat all die Zutaten, die ein TripHop-Album benötigt – staubtrockene HipHop-Beats, subsonische Dub-Bässe, Vocal-Samples und schweres Drumming – und zusätzlich einen augenzwinkernden Umgang mit Samples und Sounds. Da kann schon mal ein Saxofon seine schwülen Kreise über dem Dope-Beat-Fundament ziehen.
Nightmares on Wax – „Smokers Delight“ (1995)
★★★★★
Das zweite Album von Nightmares on Wax und das erste, auf dem die Band zu George Evelyns Soloprojekt mutiert ist. Kein Album jener Zeit steht so sehr für die Annäherung von Downbeat und TripHop.
Evelyn hat seine Lektion in beiden Disziplinen gelernt, fügt aber dem Rezeptbuch ein paar Extrawürste hinzu: Elektrisches Klavier und Trompeten-Samples sorgen für eine Jazz-Fusion-Stimmung, abgehackte Vocal-Samples sind der Rave-Kultur entlehnt, die Beats dem HipHop. Die Grooves sind funky, aber sehr relaxt. Das perfekte Album für die After-Hour nach durchfeierter Nacht.
Thievery Corporation – „Sounds From The Thievery Hi-Fi“ (1996)
★★★★★
Rob Garza und Eric Hilton aus Washington, D.C. sind die Christian Lindners des Downbeat. Dunkle Maßanzüge sind ihr obligatorisches Outfit und unternehmerisch sind die beiden auch tätig: als Betreiber eines Clubs, der das Wort „Lounge“ im Namen trägt.
Mit „Sounds From The Thievery Hi-Fi“ beginnt 1996 eine gut getimte, aber kurze Hochphase für das Duo, bevor es Anfang der Nullerjahre an der Genrewechsel-Hürde scheitert. Auf dem Debütalbum verbinden Garza und Hilton Dub, Bossa Nova, Acid Jazz, HipHop und Sechzigerjahre-Easy-Listening zu einer unwiderstehlich groovenden Musik.
DJ Shadow – „Endtroducing…..“ (1996)
★★★★★☆
Ohne obskure Samples von zerkratzten und verstaubten Vinyl-Platten geht im Hip- und im TripHop gar nichts. Aber ein ganzes Album, das komplett aus Samples collagiert wird, das ist 1996 noch eine Seltenheit.
Der kalifornische DJ Shadow hat es mit seinem Debütalbum „Endtroducing…..“ getan. Er hat das Sampling als Kunstform einer breiteren Öffentlichkeit nahegebracht und ein Meisterwerk der elektronischen Musik geschaffen, das weit über sein Entstehungsjahr hinauswirkt. Es geht auf dem Album nicht um Tracks oder Genres, es geht um Sound-Eindrücke und Stimmungen, die im vernebelten Groove ständig wechseln.
Boards Of Canada – „Music Has The Right To Children“ (1998)
★★★★★☆
Was die schottischen Brüder Michael Sandison und Marcus Eoin auf ihrem Debütalbum bieten, geht komplett am elektronischen Zeitgeist des Jahres 1998 vorbei. Es sind keine abstrakten Experimente wie die ihrer Warp-Label-Kollegen Autechre und Aphex Twin, und es ist kein Drum’n’Bass, der gerade als Zukunft der Musik gehandelt wird.
„Music Has The Right To Children“ von Boards Of Canada klingt so analog wie die Welt nie wieder sein wird: Ambient-Atmosphärenmusik, immer ein bisschen neben der Spur, elektronische Psychedelia mit HipHop-Beats in Zeitlupe. Diese Musik hat das Recht auf Kinder, viele Kinder und Enkel.
Peace Orchestra – „Peace Orchestra“ (1999)
★★★★★
Während die Welt sehnsüchtig auf das erste Album von Kruder & Dorfmeister wartet (das sie erst 21 Jahre später bekommt), bringt Peter Kruder das Debüt seines Soloprojekts Peace Orchestra heraus.
Es ist ein heute noch in allen Farben funkelndes Juwel, auf dem sich die unterschiedlichsten musikalischen Einflüsse und Texturen scheinbar mühelos zu Tracks formieren: Psychedelia, (Acid) House, Ambient, Post Rock, jazzige Vibes, Shuffle-Beats und sogar ein paar abstrakte Frickeleien. Wer das als Kaffeehausmusik bezeichnet, war vermutlich noch nie in einem.
The Cinematic Orchestra – „Motion“ (1999)
★★★★★
Der Londoner Produzent Jason Swinscoe wählt für das Albumdebüt seines Cinematic Orchestra eine ungewöhnliche Herangehensweise. Er lässt Musiker mit Saxofon, Trompete, Piano, Bass und Schlagzeug zu Samples seiner Lieblingsmusik improvisieren: Eric Dolphy, Ennio Morricone, Roy Budd und Sechzigerjahre-Soundtracks.
Diese Aufnahmen sampelt er und arrangiert sie neu. So entsteht „Motion“, zu Hause im damals dünn besiedelten Niemandsland zwischen „handgemachtem“ Spiritual Jazz und elektronischem Downbeat. Manche nennen das „Nu Jazz“.
Tosca – „Suzuki“ (2000)
★★★★★
Wer nur den vordergründigen Schönklang auf Toscas zweitem Album beachtet, überhört etwas. Das Projekt von Richard Dorfmeister und Rupert Huber hat nicht nur funky Grooves und entspannte Stimmungen zu bieten. Zwischen den elastischen Bass und die butterweichen Beats schleichen sich immer wieder experimentelle Passagen ein, die eine gewisse Melancholie verströmen.
Der Gesang wird wie ein zusätzliches Instrument eingesetzt. Erstaunlich, dass ein weitgehend instrumentales Werk über so viele Hooklines und einprägsame Melodien verfügt.



