Ed O’Brien im großen Interview: „Wälder sind meine Kathedralen“
Ed O’Brien über sein Album „Blue Morpho“, seine psychische Krise während der Pandemie & den Weg zurück zu innerer Ruhe.
Mit seiner zweiten Solo-Platte „Blue Morpho“ hat Radiohead-Gitarrist Ed O’Brien nicht nur ein traumschönes Album vorgelegt – er hat sich damit auch auf künstlerische Weise aus einer schweren mentalen Krisenphase befreit, die ein ganzes Pandemie-Jahr lang andauerte. Im Gespräch erzählt er von seinem erfolgreichen Prozess der Selbstheilung, von der spirituellen Kraft der Natur, von nächtlichen Trips auf Magic Mushrooms sowie von der jüngeren Vergangenheit und der Zukunft der größten und einflussreichsten Art-Rock-Band dieses Planeten.
Der Interview-Vorgänger scheint einiges an Fragen dabei zu haben. Mit einer guten halben Stunde Verspätung grüßt Ed O’Brien dann aber doch noch von einem Pariser Hotel aus in die Kamera. Hinter ihm hängen gerahmte alte Coverfotos der französischen „Playboy“-Version „Lui“, ziemlich oldschool sei das hier alles, sagt er lachend. Bald wird auch klar, warum wir mit Verspätung starten: Ed O’Brien ist ebenso sehr Gentleman wie Gitarrengott – und nimmt sich ordentlich Zeit für seinen Gesprächspartner.
ME: Ed, die sieben Songs deines zweiten Soloalbums „Blue Morpho“ wurzeln in einer tiefen persönlichen Krisenphase, die du als deine „dunkle Nacht der Seele“ beschreibst. Wann hat diese dunkle Nacht für dich angefangen?
Ed O’Brien: Angefangen hat das alles im Laufe der Pandemie, während des zweiten Lockdowns im Winter 2020, den ich mit meiner Familie in London verbracht habe. Angehalten hat dieser Zustand dann über den Großteil des Jahres 2021 hinweg.
Dann war der gefühlte Stillstand in der Isolation der Auslöser?
In gewisser Weise, ja. Mir wurde plötzlich klar, wie konsequent beschäftigt ich mich mein ganzes Leben gehalten hatte. Und dass ich auf diese Weise unterbewusst über Jahrzehnte vor den Geistern meiner Vergangenheit, vor allem denen meiner Kindheit, davongerannt bin. Es gab eine Menge Dinge, die ich nicht aufgearbeitet hatte.
Und das drängte dann mit einem Mal alles nach oben?
Es war, als würde mir jemand auf die Schulter tippen. Als würden mir diese Geister sagen: „Damit musst du dich jetzt auseinandersetzen“, während mir mein Körper signalisierte, dass die Zeit des Davonlaufens nun vorbei sei, dass mir eine Zeit tiefer Erschöpfung bevorsteht. Es gab schlicht keine Fluchtmöglichkeit mehr.
Dass du im April 2020 unter dem Alias EOB dein lange geschobenes Solo-Debüt „Earth“ veröffentlicht hast, das damals ohne Tourmöglichkeit eher untergegangen ist, spielte im Hinblick auf deine Krise wohl eine geringere Rolle?
Nein, das hat mich emotional nicht wirklich berührt und hatte damit auch nichts zu tun. Das, was damals in der Welt passierte, war so viel größer als alles, was mein Leben als Musiker angeht. Das stand in keinem Verhältnis.
Was auffällt, ist, dass du für „Blue Morpho“ das Alias EOB zugunsten deines bürgerlichen Namens hinter dir gelassen hast.
Ja, das bin jetzt ganz und gar ich. Ich verstecke mich nicht mehr.
Du hast dich dann entschlossen, deine Krise ohne professionelle Hilfe zu überwinden. Anstatt auf Therapie und Medikation hast du vielmehr auf Formen der Selbstheilung gesetzt, die auch die Musik miteinschlossen. Das klingt sehr selbstdiszipliniert.
Ohne das Privileg, dass ich keinem regulären Broterwerbsjob nachgehen muss, der mich zur Medikation zwingt, um funktionieren zu können, wäre das natürlich nur schwer möglich gewesen. Es ist auch nicht so, dass ich suizidal gewesen wäre. Aber es war schon eine handfeste Lebenskrise, die sich über ein ganzes Jahr erstreckte und sehr viel Geduld und Glauben in den Prozess der Selbstheilung erforderte.
Wie darf man sich diesen Prozess vorstellen?
Es hat etwas von einem Haus, das man erst abbrennt und dann neu aufbaut. Wenn das Haus brennt, sind da nur Schmerz und Tränen, aber sobald es abgebrannt und nichts als Asche übrig ist, beginnt der angenehmere Teil des Neuaufbaus.
Und im Detail?
Essenziell war etwa eine drei- bis vierminütige eiskalte Dusche am Morgen, die mich für einige Stunden so weit aktiviert hat, dass ich mich in meinem kleinen Heimstudio zum Gitarrespielen wegschließen konnte. Dabei ist eine Menge der Musik auf dem Album entstanden, auch wenn es anfangs nur Fragmente und Ideen waren. Sie kommen von einem dunklen Ort. Aber in der Dunkelheit kann auch viel Schönheit liegen.
Was hat dir sonst noch geholfen?
Meditation war absolut entscheidend. Sie hat mir sehr dabei geholfen, mich mit den besonders schmerzhaften Dingen auseinanderzusetzen, denn genau um diese Konfrontation geht es ja. Du musst durch das Feuer hindurchgehen, darin sitzenbleiben, mit ihm leben. Jedes Mal, wenn ich dabei in einen Zustand der Panik geriet, habe ich mich bewusst auf meine Atmung konzentriert. Es hat fantastisch funktioniert, und ich bin heute sehr dankbar für diese Zeit. Sie hat mich meiner spirituellen Praxis noch viel näher gebracht.
Ein weiterer entscheidender Aspekt deiner Genesung scheint in deiner Verbindung zur Natur zu liegen, was auch auf dem Album spürbar wird. „Blue Morpho“, der titelgebende Blaue Morphofalter, ist ein Schmetterling, der vor allem in Regenwäldern zu Hause ist. Was ist es, das nur die Natur dir geben kann?
Die Natur macht uns ganz, sie ist ein gewaltiger Teil dessen, was uns als Spezies ausmacht. Wenn ich von unserem Haus auf dem Land in Wales aus losziehe, hat die Schönheit dieser Landschaft jedes Mal einen enorm heilenden, ja erweckenden Effekt auf mich. Für mich ist die Natur elementar für mein Wohlbefinden. Vor allem Wälder sind meine Kathedralen, sie sind der Ort, wo ich mich mit dem Geist dieser Welt verbunden fühle.
Gemessen daran, wie sehr sich der Mensch durch Industrialisierung und Digitalisierung von der Natur entkoppelt hat, scheint die Sehnsucht nach ihr heute größer denn je.
Absolut. Der ganze Mist, der derzeit auf der Welt abgeht, ist ja nicht zuletzt vor allem auf Männer zurückzuführen, die in Städten leben und komplett entkoppelt von der Natur sind. Und wenn du von der Natur entkoppelt bist, bist du eben auch nicht ganz.
Das Tolle an deiner Platte ist unter anderem auch, dass sie einen an Orte führt. Der psychedelische Folk von „Incantations“ etwa spielt mit der Mystik, die der walisischen Landschaft innewohnt, und die auch schon Led Zeppelin oder J.R.R. Tolkien zu schätzen wussten. Die Tropikalia von „Obrigado“ atmet wiederum als eine Art Dankgebet die Lebensfreude deiner einstigen Wahlheimat Brasilien. Es war dir wohl ein Anliegen, dich musikalisch mit diesen Orten zu verbinden?
Ja, es sind beides Orte, die etwas Wunderbares in mir auslösen. Wales, weil es ein Zuhause für mich ist, das ich liebe, und wo ich auch viel Zeit verbringe. Und Brasilien, weil sich die Erinnerungen an das halbe Jahr, das ich zwischen 2012 und 2013 in Bahia am Rande des Regenwaldes Mata Atlântica mit meiner Familie verbracht habe, unauslöschlich in mein Herz eingebrannt haben. Die Flora, die Fauna und die Menschen dort – es war einfach herrlich! Tatsächlich ist der Titelsong „Blue Morpho“ aber noch enger mit Brasilien verknüpft, er dreht sich konkret um unsere Zeit in diesen grünen Hügeln.
Das schwer verspulte „Teachers“ wiederum bezieht sich einerseits recht konkret auf deine Krisenerfahrung – andererseits aber auch auf einen Psilocybin-Trip mit Freunden im englischen Dartmoor National Park, wie man im „Rolling Stone“ erfahren konnte. Interessante Kombination.
Die Zeile „Midway through life, I just lost my way“ bezieht sich in der Tat auf die dunkle Nacht der Seele. Musikalisch habe ich hingegen versucht, eine Entsprechung dafür zu finden, wie es sich anfühlt, auf Magic Mushrooms zu sein.
Hat gut geklappt, finde ich. Überhaupt ist Psilocybin als Heilmittel ja stark im Kommen – Stichwort Microdosing.
Man muss da natürlich aufpassen. Pilze sind illegal und man sollte sie nicht nehmen, wenn man sich seiner Sache nicht sicher ist oder der Rahmen nicht passt. Andererseits gibt es sie als Heilmittel auch schon seit Ewigkeiten. Und wie Forschungsergebnisse gezeigt haben, können sie in der richtigen Dosis im Hinblick auf posttraumatische Belastungs- oder Angststörungen sehr wirksam sein. Ich selbst finde sie superheilsam.
Und als Trip?
Kann das total Spaß machen. Es ist natürlich nichts, was man regelmäßig als Freizeitdroge einnehmen sollte. Ich selbst nehme sie nur draußen in der Natur, am besten mit Freunden bei einem Lagerfeuer – und nur, wenn ich in der richtigen Stimmung dafür bin.
Um noch mal auf den Song zurückzukommen …
Ja, da geht es um die angesprochene Erfahrung in einer bestimmten Nacht. Ich bin dann allein zu einem Spaziergang in den Wald aufgebrochen, und was ich dort gesehen und erlebt habe, war vollkommen magisch. Es war, als würde sich mir dort eine ganz neue Welt eröffnen, das war unglaublich! Entsprechend fasziniert war ich von der Idee, diese Erfahrung musikalisch einzufangen.
Eine fantastische Erfahrung war für dich offenbar auch die Comeback-Tour mit Radiohead letztes Jahr. Wie man hört, war es für dich die bisher schönste Radiohead-Tour, was angesichts von mehr als dreißig Jahren Tour-Erfahrung mit dieser Band schon etwas heißen mag. Was hat diese Residency-Tour durch fünf europäische Städte so besonders für dich gemacht?
Ich denke, es war die besondere Verbindung, die dabei zwischen uns fünf herrschte. Da war ein Gefühl von großer Liebe, von riesigem gegenseitigem Respekt und Dankbarkeit zwischen uns. Wenn du das im Herzen trägst und dann rausgehst und spielst, wird alles noch größer als ohnehin. Und dann diese Songs! Das mag komisch klingen, aber ich hatte nie ein wirkliches Gefühl dafür, wie fantastisch sie eigentlich sind. Das ging mir tatsächlich erst so richtig auf, nachdem ich sie gut sieben Jahre nicht mehr auf der Bühne gespielt habe.
Das klingt in der Tat sehr besonders.
Ich bin einfach wahnsinnig dankbar dafür, dass ich Thom, Philip, Colin und Jonny damals als 17-Jähriger begegnet bin. Auf diese vier Menschen gestoßen zu sein und mit ihnen über all die Jahre das geschaffen zu haben, was wir zusammen geschaffen haben, das war wie eine Art Rettungsleine für mich. Es gab bei dieser Tour Momente auf der Bühne, in denen ich nichts spielen musste und einfach nur die anderen beobachtet habe. Mein Gott, dachte ich mir, was für außergewöhnliche Musiker – und was für wunderbare Menschen!
Was dabei komplett unter den Teppich gekehrt wurde: Es war auch eine Jubiläumstour – 40 Jahre Radiohead, wenn man die Jahre unter dem Schülerbandnamen On a Friday miteinrechnet.
Genau, irgendwann im Laufe der Tour habe ich noch mal recherchiert, wann wir unser erstes Konzert überhaupt gespielt haben. Es war tatsächlich bereits im Herbst 1985. Thom, Colin, ich, unser kurzzeitiger erster Keyboarder, der dann bald von Jonny ersetzt wurde – und eine Drum Machine. (lacht)
Ungleich weniger genossen hast du laut dem Exklusiv-Interview eurer Band mit der britischen „Times“ die Tour zu eurem bis dato letzten Album „A Moon Shaped Pool“ von 2016. Wie man dort liest, warst du nach den Aufnahmen kurz davor, die Band zu verlassen.
Ich habe den anderen zwei Mal gesagt, dass ich gehen werde.
Oha. Warum das?
Wir waren damals einfach erschöpft und sind gewissermaßen zu einem natürlichen Ende gekommen. Es war Zeit für eine Pause. Alle haben das realisiert und gespürt, ich war nur derjenige, der es ausgesprochen hat. Es war die Endstation für diese Version von Radiohead. Es war einfach zu viel.
Und die anderen haben dich dann letztlich überredet zu bleiben?
Als wir die Aufnahmen beendet hatten, sagte ich ihnen, dass ich nicht mit auf Tour gehen werde. Aber sie wollten mich unbedingt dabeihaben und haben mich daher gebeten, das durchzuziehen. Also habe ich mir gesagt: okay, sie sind meine Brüder, ich werde das respektieren, weil ich sie liebe. Aber es war dann schon ziemlich hart für mich.
Umso schöner, dass ihr die Tour letztes Jahr so genießen konntet.
Ja, Radiohead wurde damals eine irgendwie zu wuchtige Sache mit einer Menge Menschen drumherum, die von uns abhängig waren, darunter auch diverse komplizierte Charaktere. Wir brauchten zuerst Raum für uns selbst und haben dann für diese Tour gewissermaßen einige Schichten abgetragen – es war wunderschön, wie leicht und einfach sich diesmal alles angefühlt hat.
Wenn man bedenkt, wie notorisch verschwiegen deine Band im Hinblick auf Zukunftspläne ist, warst du zuletzt erstaunlich offen. Das Residency-Tour-Modell werde von 2027 an mit 20 Konzerten pro Jahr auf anderen Kontinenten fortgeführt, hast du dem „Rolling Stone“ verraten.
Es ist schon lustig: Seit ich das gesagt habe, kommt so ziemlich jeder darauf zurück, als hätte ich einen in Stein gemeißelten Masterplan verkündet.
Nun ja, es gab im Musikgeschäft auch schon mal kleinere Nachrichten – und unzuverlässigere Quellen.
Aber es gibt eben auch keinen Masterplan für die Zukunft, den gibt es bei Radiohead nie. Wir haben die letzte Tour sehr genossen und werden jetzt einfach mal schauen. Wenn die nächste Tour ebenso großartig für uns alle wird – wunderbar! Aber wenn nicht, dann werden wir wahrscheinlich erst mal keine Konzerte mehr spielen. Es ist also alles davon abhängig, wie wir uns fühlen. Und im Moment fühlt es sich für uns alle sehr gut an.
Ed O’Brien in 60 Sekunden
Edward John „Ed“ O’Brien, geboren am 15. April 1968, gehört als Teil von Radiohead wie sein Bandkollege Jonny Greenwood zu den profiliertesten Gitarristen der Welt. Während der multitalentierte Greenwood als Leadgitarrist und Thom Yorke als Rhythmusgitarrist agieren, liegt O’Briens Funktion innerhalb der Band insbesondere im Schaffen von Sound-Texturen und elektronischen Ambient-Effekten, die er mithilfe eines ganzen Arsenals an Effektpedalen kreiert. Kultstatus unter Fans genießen seine charakteristisch vokalgedehnten Backing Vocals, ohne die etwa Radiohead-Songs wie „Lucky“ oder „Weird Fishes (Arpeggi)“ nicht vorstellbar wären. Als Songwriter hat er 2020 nach jahrelangem Vorlauf das Soloalbum „Earth“ unter dem Alias EOB veröffentlicht, dem nun mit „Blue Morpho“ ein zweites unter seinem bürgerlichen Namen folgt. Was er im Interview mit dem ME quasi nebenbei verriet: Die „OK Computer“-B-Seite „Lull“ und das atmosphärische Instrumental „Meeting In The Aisle“ sind im Wesentlichen Ed-O’Brien-Tracks.







