Interview

„Es geht um die Existenz“: „Golden Leaves“-Veranstalter Tobias Schrenk im Gespräch

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Corona trifft die Musikbranche hart. Nachdem im März bereits Touren jäh unterbrochen wurden, sind nun bis zum 31. August alle Großveranstaltungen per Regierungsbeschluss untersagt. Was unter die Definition einer Großveranstaltung fällt, ist dabei jedoch nicht eindeutig geklärt. Tobias Schrenk hält als Veranstalter des jährlich in Darmstadt stattfindenden „Golden Leaves“-Festivals weiterhin am geplanten Termin vom 29.-30. August fest – noch. Wir haben mit ihm über die Folgen der Corona-Krise für sein Festival gesprochen.

Musikexpress: Mit dem beschlossenen Verbot von Großveranstaltungen bis zum 31. August sieht es schlecht aus für das „Golden Leaves“. Wie geht Ihr mit der neuen Situation um?

Tobias Schrenk: Die Situation hat sich relativ schnell zugespitzt für uns als Veranstalter. Für uns als kleines Festival ist es noch mal besonders schwierig. Unser erstes Credo war, unseren Gästen die Situation so transparent wie möglich zu machen, so wie auch in unserem ersten Facebook-Posting geschehen. Wir warten jetzt, wie die Landesregierung „Großveranstaltung“ definiert und gehen so lange davon aus, dass wir mit einer Größe von 3500 Besuchern eventuell stattfinden können. Die Gesundheit unserer Besucher ist uns aber extrem wichtig und ganz realistisch betrachtet ist es unwahrscheinlich, dass so etwas wie das „Golden Leaves“ mit all den Hygienebestimmungen abgehalten werden kann. Für uns ist die Corona-Krise eine extreme Bedrohung, wie wir sie noch nie erlebt haben. Wir wollen das Festival aber auf keinen Fall absagen, sondern im Zweifel aufs nächste Jahr verschieben.

Wie verändert Corona nun Eure Planung? Habt Ihr bereits Dienstleister gebrieft oder sogar gekündigt?

Dadurch, dass wir das Golden Leaves“ bereits neun Jahre machen, haben wir eine sehr enge Kommunikation mit unseren vertrauten Partnern, teils auch aus der Region. Die Bands sind alle fix, aber wir haben von den Bookern und Agenturen die Resonanz bekommen, dass sie jegliche Entscheidungen von unserer Seite unterstützen, damit alle gut aus der Sache kommen. Zu Technikverleihern und Essenständen kann man dagegen noch gar nichts sagen, weil wir auch noch nicht wissen, was bis August passiert.

Tobias Schrenk

Habt Ihr eine Versicherung, dieEuch im Falle eines Verbotes abfedert?

Der Stand bei den normalen Ausfallversicherungen ist momentan leider, dass alles, was mit dem Virus zu tun hat, ausgeschlossen ist.

Das klingt nach extremen finanziellen Einbußen.

Deswegen ist unser Ziel, im Falle eines Verbots das Festival zu verschieben. Da haben wir als recht überschaubares Festival noch das Glück, da etwas flexibler zu sein als die mit den großen Bands. Ich finde, Veranstalter und Besucher sollten da Hand in Hand gehen. Damit Besucher im nächsten Jahr noch eine breit gefächerte Kulturlandschaft vorfinden und wir wiederum die Möglichkeit haben, solche Veranstaltungen überhaupt noch zu realisieren.

Im Falle eines Verbots könnten Besucher also das Ticket zurückgeben, aber um das Festival zu unterstützen auch im nächsten Jahr einlösen?

Genau. So empfehlen es ja auch schon viele Kampagnen. Auch ein Ticket zu behalten, wenn man beim Ersatztermin nicht dabei sein kann, hilft Künstlern und Veranstaltern.

Habt Ihr das Geld, das Ihr durch die Ticketverkäufe eingenommen habt, schon reinvestiert?

Die ersten Anzahlungen an Bands sind natürlich schon gemacht, das ist in diesen Ticketeinnahmen so kalkuliert. Was momentan selten bedacht wird: Unsere Ticketverkäufe sind seit zwei Monaten komplett in den Keller gegangen. Wir haben nach acht Jahren, in denen wir immer ausverkauft waren, auch unsere Bandbookings entsprechend angepasst. Da fließt schon eine Menge Geld rein.

„Das Festival ein Jahr nicht zu machen, ist das Schlimmste, was passieren kann“

Wie sieht Eure finanzielle Situation momentan aus? Habt Ihr Rücklagen?

Als kleines Festival hat man nie große Ersparnisse auf der hohen Kante – alleine, weil man versucht, jedes Jahr etwas Größeres, Schöneres zu machen. Wir haben zwei Festangestellte, die jetzt in Kurzarbeit sind. Aber wenn man ein Festival ein Jahr lang nicht machen kann, ist das ein ziemlicher Brocken – es fehlen ja die Getränkeeinnahmen, um überhaupt für das nächste Jahr zu planen.

Es geht also um die Existenz?

Richtig. Man kann schlechtes Wetter oder weniger Getränkeeinnnahmen einplanen, aber das Festival ein Jahr nicht zu machen, ist halt das Schlimmste, was passieren kann.

Wie sehen die Pläne aus, die aktuellen Verluste zu kompensieren?

Wir haben viele verschiedene Ideen, etwa Soli-Merch oder vielleicht eine Art Soli-Wohnzimmerkonzert. Da jetzt schon etwas Konkretes zu sagen, ist aber schwierig. Fest steht: Es geht nicht ohne die Solidarität der Besucher.

Wie könnte man Euch als Besucherin oder Besucher denn am besten helfen?

Indem man uns das Vertrauen schenkt, dass wir transparent arbeiten und niemanden um sein Geld bringen wollen. Falls das Verbot kommt, hilft es, uns fürs nächste Jahr zu unterstützen. Also nicht sofort das Ticket zurückzugeben und sein Geld zurückverlangen, sondern von der Freude erzählen, die man die vergangenen Jahre auf dem Festival hatte. Sonst sterben viele Kulturschaffende und Veranstalter einfach weg.

Habt Ihr Forderungen oder Wünsche an die Politik?

Die Soforthilfe für kleine Betriebe war für viele ein guter erster Schritt. Allerdings ist die eher für laufende Kosten wie Büromiete oder die Bezahlung der Mitarbeiter gedacht. Viele von uns Musikschaffenden haben aber keine großen Büroflächen. Dafür sollte man Kultursubvention im Allgemeinen stärker und längerfristiger angehen, damit man nicht ständig von der Hand in den Mund lebt und für Krisenzeiten wie diese besser vorsorgen kann.

Tobias Schrenk

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