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„Borat Anschluss Moviefilm“ bestätigt alle demokratischen Befürchtungen

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Als vor einigen Monaten erste Gerüchte um einen zweiten „Borat“-Film die Runde machten, rieben sich viele bereits vorfreudig die Hände. Denn als Sacha Baron Cohen sich 2006 erstmals Schnäuzer und Lockenperücke überstreifte, um als antisemitischer und sexistischer Journalist aus Kasachstan die Gepflogenheiten der US-Amerikaner*innen zu studieren, legte er dabei auf herrlich furcht- und schamlose Weise all jene Klischees und Ressentiments offen, die man in der Westlichen Welt nur allzu gerne von sich weist.

Bestraft wurde Cohen dafür nicht nur vom kasachischen Botschafter Erlan Idrissow, der den Schauspieler wegen seiner negativen Darstellung des Landes als „ein Schwein von einem Mann: dumm, streitsüchtig und ohne jeden Charme“ kritisierte. Auch eine vom Europäischen Zentrum für Antiziganismusforschung ausgehende Anzeige wegen Volksverhetzung und eine Klage zweier kasachischer Dorfbewohner flatterten der Produktionsfirma 20th Century nach Ausstrahlung des Films ins Haus – beide jedoch ohne Erfolg.

Tutars Traum: einmal genau so glücklich werden wie Prinzessin Melania

Nun begibt sich Borat also ein weiteres Mal auf USA-Reise. Sein Ziel: Vizepräsident Pence einen Affen als Geschenk überreichen und so „McDonald Trumps“ Respekt gewinnen, um dem kasachischen Präsidenten einen Platz in dem mächtigen Freundeskreis des US-Staatsoberhauptes zu sichern. Begleitet wird der widerwillige Reporter dabei diesmal von seiner neugierigen Tochter Tutar. Ihr Traum: reich heiraten und einmal genau so glücklich werden wie die wunderschöne Prinzessin Melania, deren Abenteuer ihr aus einer romantischen Animationsserie bekannt sind.

Weil „Johnny, the monkey“ auf der langen Reise leider Tutars Hunger zum Opfer fiel, soll die 15-Jährige kurzerhand selbst als Geschenk herhalten. Um für Pence überhaupt als potenzielle Braut infrage zu kommen, muss sich Tutar jedoch zunächst einem aufwändigen Make-over unterziehen, durch das sie nicht nur ihre Monobraue und ihre natürliche Haarfarbe, sondern Stück für Stück auch ihr von internalisiertem Sexismus geprägtes Weltbild verliert.

Maria Bakalovas Schamlosigkeit ist für Cohen von unschätzbarem Wert

Das unbestrittene Herzstück des Films ist eine verhältnismäßig kurze Szene, in der die neu emanzipierte Tutar sich in einem Hotelzimmer an einem Interview mit Trump-Anwalt Rudy Giuliani versucht. Dieser nimmt der Nachwuchsjournalistin zunächst mit lobenden Worten väterlich die Nerven, bevor seine Fürsorge in etwas anderes umzuschlagen scheint und er sich mit der jungen Frau „auf einen Drink “ ins Schlafzimmer verzieht. Dort werden die Zuschauer*innen Zeuge, wie der ehemalige Bürgermeister von New York City Tutar an die Hüfte und sich selbst ausgiebig in die Hose greift – ein brisanter Moment, der in „Grab them by the pussy“-Zeiten zwar nach wie vor für Schlagzeilen sorgt, den abtrünnigen Politiker aber mit einem Klaps auf die Finger davonkommen lassen dürfte.

Ein besonderes Lob gebührt an dieser Stelle Nachwuchsschauspielerin Maria Bakalova, die immer wieder unter Beweis stellt, dass sie dem erfahrenen Borat-Darsteller in Sachen Schlagfertig- und Schamlosigkeit in keiner Weise nachsteht. Für Cohen selbst sollten Bakalovas schauspielerische Fähigkeiten von unschätzbarem Wert gewesen sein. Denn wegen des immensen Hypes des ersten Films, ergab sich beim Dreh diesmal ein ganz neues Problem: Konnte Borat vor 14 Jahren noch als skurriler Fremder mit den US-Bürger*innen interagieren, ist seine Anonymität 2020 offiziell dahin.

Cohen weiß sich dennoch auf zweierlei Arten zu helfen: Zum einen lässt er auch Borat diesmal in verschiedene Verkleidungen schlüpfen und infiltriert so eine Kundgebung von Mike Pence sowie eine Rechtsextremisten-Rally. Zum anderen wartet der neue Film statt einzeln aneinandergereiht wirkender Sketche erstmals mit einer richtigen Handlung auf. Und so ist den Zuschauer*innen nicht immer ganz klar, welche haarsträubende Szene inszeniert und welche wirklich Teil eines sozialen Enthüllungsexperimentes ist.

Cohens politische Agenda ist allgegenwärtig

Die politische Agenda des Schauspielers bleibt dabei keinem verborgen und das offensichtlich vollkommen beabsichtigt. Denn wie Cohen bereits während seiner Pressetour erklärte, besteht für ihn kein Zweifel daran, welchen Schaden das aktuelle Staatsoberhaupt seit seinem Amtsantritt angerichtet hat. „Trump ist offen rassistisch und faschistisch“, erklärte der Satiriker beispielsweise im Gespräch mit der „New York Times“, „und das erlaubt auch dem Rest unserer Gesellschaft, seinen Dialog zu ändern.“ Es wundert also nicht wirklich, dass ihm in diesem Sequel ausschließlich republikanisch gesinnte US-Bürger*innen zum Opfer fallen.

Und doch gehört der Giuliani-Eklat leider zu den wenigen wirklich politisch relevanten Momenten der Mockumentary. Stattdessen handelt es sich bei „Borat Anschluss Moviefilm“ in seiner Essenz um eine erstaunlich rührende Vater-Tochter-Geschichte, die von einer emanzipatorischen Coming-of-age-Nebenstory begleitet wird.

Hierzu passend liefert das „Borat“-Sequel in seinen schlechtesten Momenten ausgedehnte Perioden- und Inzestwitze. In seinen besten parodiert es gekonnt den inzwischen alles andere als verborgenen Alltagsrassismus einer Nation, die selbst nicht so recht zu wissen scheint, wem sie überhaupt noch glauben soll. Damit liefert Cohen erneut einen hochaktuellen Comedy-Streifen, der gestandene Republikaner*innen zwar nicht von ihrem Standpunkt abbringen dürfte, die schlimmsten Befürchtungen demokratischer Zuschauer*innen jedoch ohne Frage bestätigen wird.

„Borat Anschluss Moviefilm“ ist seit dem 23. Oktober 2020 bei Amazon Prime Video im Stream verfügbar.


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