Serienkritik

„Bridgerton“ (Staffel 2) auf Netflix: Alles für die Familie

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„Habt ihr mich vermisst?“ Mit dieser rhetorischen Frage der Klatschautorin Lady Whistledown, die zugleich eine Androhung auf neue Skandale der High Society im London der Regency-Era ist, startet die lang erwartete zweite Staffel des Netflix-Hits „Bridgerton“. Die Historien-Drama-Serie, die gern als Mischung aus „Jane Austen“ und „Gossip Girl“ bezeichnet wird, wartete zu Weihnachten 2020 mit einer Verfilmung von Julia Quinns Stoff „The Duke and I“ auf. Zuschauer*innen fanden in der poppig-bunten Adelswelt unverhofft viele Anknüpfungspunkte. Da fanden sich enge Roben und freie Geister – besonders in Form von Eloise Bridgerton mit ihrem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben als Frau (gespielt von Claudia Jessie) – ein diverses Casting mit Schwarzen Schauspieler*innen in Schlüsselrollen und Bezüge auf aktuelle Debatten, wie Zustimmung vor sexuellen Aktivitäten.

Nicht zu vergessen natürlich die große Romanze zwischen Daphne (Phoebe Dynevor) und dem Duke (Regé-Jean Page), deren brennendes Verlangen und heiße Liebesnächte nach beinahe einem Jahr Pandemie die gewünschte Realitätsflucht für das Publikum bereitgehalten haben. Und jetzt gilt es in der neuen Staffel den ältesten Bridgerton-Spross Anthony (Jonathan Bailey) zu verheiraten, was gleich zu Beginn mit Romantik nur ganz wenig zu tun hat.

Chris Van Dusens Serie, die von Shonda Rhimes produziert wird, setzt etwa zehn Monate nach den Geschehnissen der ersten Staffel ein und zeigt Anthony missgelaunt mit Notizbuch. Das braucht er nicht für seine Amtshandlungen als Viscount, sondern um einen Überblick über mögliche Ehepartnerinnen zu halten. Mit einer Liste an hochtrabenden Ansprüchen verhält er sich berechnend bei seinen ersten Gehversuchen auf dem Heiratsmarkt. „Wie viele Kinder willst du, wie steht es mit deinen Griechisch-Kenntnissen, liest du auch Bücher?“ – Anthonys Suche dreht sich allein darum, seinem Stand gerecht zu werden.

Niemand leckt an Löffeln

Mit dem Fokus auf Anthony verändert sich nicht nur der Plot. Niemand leckt hier verführerisch an Löffeln; wenn man so will, lässt die Serie (zunächst) den stilgebenden Sexappeal ruhen. Stattdessen geht es um Zusammenhalt, Pflichten, Erfüllung und Liebe innerhalb von Familien. Denn dafür tut Anthony alles – für seine Familie. „Bridgerton“-Zuschauer*innen sind von seinem Hauptmotiv aufgrund der ersten Staffel nicht überrascht. Anthonys Pflichtbewusstsein als Oberhaupt der Familie sorgte fast für eine Katastrophe für seine Schwester Daphne, da er einer Vermählung mit einem übergriffigen Intriganten nicht abgeneigt war.

Das erste Hindernis für die Serienmacher liegt folglich darin, aus Anthony einen Liebeshelden zu machen. Das birgt die Gefahr, ein wenig zu viel an der Figur herumzudoktern. Schauspieler Jonathan Bailey jedoch nutzt die größere Aufmerksamkeit für seinen Charakter gekonnt ohne vorschnelle Sprünge in der Entwicklung. Weniger saufend und raufend interpretiert ihn Bailey als jemanden, der den Kontakt zu seinen Wünschen verloren hat. Dafür ist essenziell, wie Anthony als Teenager Zeuge des plötzlichen Todes seines Vaters wird. Die Rückblende sowie Witz, Einfühlsamkeit, Beharrlichkeit und Verführungsfaktor (Teichszene) des Protagonisten stehen seiner Sturheit und versnobten Art entgegen. So hört niemand in Anthonys Umfeld auf, mit ihm zu diskutieren und auszuhandeln, selbst wenn keiner seiner Meinung ist. Es gibt also Hoffnung.

Bei seinen Avancen gegenüber Edwina geht für Anthony Bridgerton (Jonathan Bailey) nicht immer alles glatt.

Es sind die Neuen in der Stadt, die Sharmas, die in dieser Staffel für Liebeswirbel sorgen. Dabei hat die älteste Schwester Kate (Simone Ashley bekannt aus „Sex Education“) gar nicht vor, sich bei der Suche nach einem passenden Partner aktiv zu beteiligen. Noch nicht mal tanzen will sie. Ihr selbsterteilter Auftrag: für ihre Schwester Edwina Sharma (Charithra Chandran) eine Liebesheirat einfädeln und anschließend nach Indien zurückkehren und als Hauslehrerin arbeiten. Die Mutter Mary (Shelley Conn) soll dann durch die Verbindung versorgt sein und ein ruhiges Leben in London führen können. Dieser Plan ist wie bei Anthony allein auf das Wohl der Familie ausgerichtet. Als Kate zum ersten Mal auf ihn trifft, brodeln ihre unterdrückten Gefühle schon sehr. Doch auch ihre Schwester fühlt Zuneigung für den Viscount, der in Edwina seine Vorstellung von Perfektionismus erfüllt sieht.

Im Liebesdreieck steht nicht der Mann im Zentrum

Neben den nicht auf historische Genauigkeit ausgelegten Kostümen und den Klassik-Versionen von bekannten Popsongs von Madonna oder Miley Cyrus, macht „Bridgerton“ nun einen weiteren Schritt, um dem Historischen einen modernen Twist zu geben. Denn im heraufbeschworenen Liebesdreieck kämpft niemand um den Mann. Vielmehr spielen Selbstfindung und Identität eine wichtige Rolle für die Sharma-Schwestern. Der weibliche Blick hat somit Vorrang. Dreiecksbeziehungen sind ein häufig genutztes Motiv, zumeist wirken sich die dargestellten Verfehlungen allein gegen die Frau aus. Ein Beispiel ist etwa der Film „Die Schwester der Königin“ (2008), der sich um die Beziehung der Boleyn-Schwestern mit Henry VIII. dreht. Das Konfliktpotenzial ist natürlich auch in der „Bridgerton“-Interpretation trotzdem enorm hoch.

Während Zuschauer*innen Geduld in Liebesdingen aufbringen müssen, sorgen unterschiedliche Erzählstränge um altbekannte Gesichter für interessante Ablenkung. Eloise etwa wird in die Gesellschaft eingeführt und intensiviert gleichzeitig ihre Anstrengungen, nicht an einen höfischen Verehrer zu geraten. Ihre Freundin Penelope Featherington (Nicola Coughlan) träumt der Rückkehr von Colin Bridgerton (Luke Newton) entgegen. Gleichzeitig muss ihr Alter Ego Lady Whistledown schwierige Entscheidungen treffen, um unentdeckt zu bleiben. Ihre finanziell gebeutelte Familie stellt sich auf die Ankunft des neuen Featherington-Erben aus Amerika ein. Und die Königin selbst (Golda Rosheuvel) kann es kaum erwarten, mit der Ernennung eines neuen „Diamanten“ den Skandal wieder an den Hof zurückzuholen.

Lady Danbury (Adjoa Andoh, links) und Königin Charlotte (Golda Rosheuvel) müssen auch in dieser Heiratssaison eingreifen.

Keine Zeit für Gespräche über kulturelle Wurzeln

Schon wie beim Vorgänger werden die vielen Nebenhandlungen jedoch in die acht Episoden gequetscht, wodurch etwa Benedict Bridgertons (Luke Thomspon) Versuch, eigenständig in der Kunstwelt Fuß zu fassen, kaum erzählerische Tiefe besitzt. Zudem ist es eine spannende und wichtige Tatsache, dass die Sharmas indische Bräuche mit an den englischen Hof bringen. Jedoch fallen die kulturellen Unterschiede so gut wie immer unter den Tisch. Es bleibt bei Gesprächen über Tee, der in Indien laut Kate besser schmeckt. Es gibt den Bridgertons einen gleichgültigen Anschein, wenn noch nicht mal der potenzielle Ehemann mehr über die kulturelle Herkunft seiner Bald-Frau wissen will. Dazu ist es auch unglaubwürdig. Eine so erfolgreiche Serie, die recht deutlich für Repräsentation für PoC-Schauspieler*innen einstehen will, könnte hier ruhig weg von der Oberflächlichkeit.

Fans der Liebesreigen in der Welt mit Tanzkarte, geschneiderten Kleidern und Spaziergängen an den Promenaden finden auch in der zweiten Staffel spaßige Unterhaltung. Wer dabei auch Geduld für eine Liebe mit Hindernissen hat, wird mit herausragender schauspielerischer Leistung belohnt. Ashley und Bailey perfektionieren das Spiel zwischen Anziehung und Abstoßung. Dadurch jagen selbst nur angedeutete Küsse den Puls nach oben. Nur nicht zu viel erwarten.

„Bridgerton“, Staffel 2, seit 25. März 2022 auf Netflix im Stream zu sehen

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