HItparaden-Kolumne „Die da oben“

BTS-Army vs. FAZ: Was passieren kann, wenn „Stanning“ überhandnimmt

von
Julia Lorenz
Julia Lorenz

Wenn ich im Juli 2021 diese Kolumne schreibe, sind die südkoreanischen Superstarboys BTS nicht nur mit ihrer Single „Butter“ auf Platz 6 der Charts, sondern auch die wohl bestgeschützte Band der Welt, bewacht von einer allzeit bereiten Millionen-Leibgarde. Zumindest im Internet, wie der Eklat um einen Artikel in der „FAZ“ zeigte. Dort hatte die Journalistin Johanna Dürrholz einen Text über BTS im durchaus (selbst-)ironischen „Sendung mit der Maus“-Erklärduktus geschrieben. Kurz nach Veröffentlichung war ihr Twitter-Account deaktiviert – vermutlich shitstormbedingt.

Die „Army“, wie sich die bestens vernetzte Fan-Schar von BTS nennt, kritisierte in den sozialen Medien den Text als exotisierend, uninformiert und unangemessen. Letzteres vor allem, weil die Autorin die Frage thematisierte, ob Bandmitglied Jungkook schon mal Sex hatte. Kollektive wie die BTS-Army stoßen Kritiker*innen, die einstigen Gatekeeper, vom eh schon angesägten Sockel. Überhaupt ist der Fan-Einflusswille groß, ob sie ihre Held*innen an die Chartsspitze pushen oder (vermeintlich) unfaire Berichterstattung korrigieren wollen.

Dabei können Fan-Armeen auch Orte der Solidarität, des Rückhaltes und der Politisierung sein

„Stanning“ nennt man diese internetverstärkte Form von Verehrung und (Über-)Identifikation – benannt nach dem Eminem-Song „Stan“, in dem es um einen obsessiven Fan geht. Die „Army“ kämpft für BTS, die „Monster“ für Lady Gaga, die „Barbz“ für Nicki Minaj, der „Beyhive“ für Beyoncé. Als die ihr Seitensprungverarbeitungsalbum LEMONADE veröffentlichte, machte der „Beyhive“ „Becky With The Good Hair“ ausfindig – die Frau, mit der Ehelümmel Jay-Z fremdgegangen sein soll. Für die Verdächtigte gab’s Drohungen.

Dabei können Fan-Armeen auch Orte der Solidarität, des Rückhaltes und der Politisierung sein. 2020 kauften K-Pop-Fans massenhaft Tickets für eine Wahlkampfveranstaltung eines gewissen US-Ex-Präsidenten – um dann geschlossen nicht hinzugehen. Ob und wie solche konzertierte Aktionen Einfluss auf die Popkritik nehmen sollten, darüber kann man diskutieren. Wenn auch besser nicht mit Hardcore-Fans.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 09/2021.


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