HItparaden-Kolumne „Die da oben“

#deutschrapmetoo: Einsam an der Spitze

von
Julia Lorenz
Julia Lorenz

Besser spät als nie: Vier Jahre nach den ersten Vorwürfen an Harvey Weinstein hat die Deutschrapszene nun ihren #metoo-Moment. Im Fokus steht einer der derzeit erfolgreichsten Rap-Newcomer: Sein im April veröffentlichtes Album kam in Deutschland auf Platz 3, in Österreich auf Platz 1 der Charts.

Vor wenigen Wochen beschuldigte die Influencerin Nika Irani den Rapper, sie 2020 vergewaltigt zu haben. Ob er schuldig ist oder nicht, steht noch nicht fest, aber bemerkenswert ist sein Fall schon jetzt. Denn der Beschuldigte kriegt zwar Solidarität von vielen Bros und Buddies, aber auch Gegenwind – in den sozialen Medien, wo Betroffene sich unter dem Hashtag #deutschrapmetoo zu Wort melden, vor allem aber von seinem Label und aus der Szene. Universal Music kündigte an, „die Zusammenarbeit mit dem betreffenden Künstler bis zur Klärung der Vorwürfe ruhen zu lassen“.

Sexismus im Deutschrap bekämpft man nicht, indem man 187-Straßenbande-Fans Sookee empfiehlt

Auch die (grotesk erfolgreiche) Rapperin Shirin David stellte sich hinter Irani, indem sie ihr ihre Social-Media-Kanäle zur Verfügung stellte. Dazu verschob sie den Release eines Songs, in dem sie den Rapper „in einem positiven Zusammenhang“ erwähnen würde, sagte David – und läutet damit eine Art Zeitenwende ein. Denn Sexismus im Deutschrap bekämpft man nicht, indem man 187-Straßenbande-Fans Sookee empfiehlt. Sondern indem man sich darüber bewusst wird, welche Rolle Szene-Seilschaften, unkritische Labels, Booker, Werbepartner, Fans und Berichterstatter*innen bei der Entstehung von Schweigekartellen spielen.

Es braucht die Gewissheit, dass die mächtigen Player im Rap-Geschäft nicht „too big to fail“ sind. Allerdings kann #deutschrapmetoo nur ein Anfang sein – und keine Entlastung für den Rest der Musikbranche. Dass Sexismus kein exklusives Rap-Problem ist, sah man etwa vor einem Jahr, als sich das bis dato hochsympathische Garage-Label Burger Records nach Missbrauchsvorwürfen gegen Bands  wie The Growlers auflöste. Die waren zwar nie „too big to fail“. Aber als weiße Retrorockhipster dafür lange too unverdächtig.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 08/2021.


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