BTS: „Wir sind ein leichtes Ziel, weil wir eine Boyband und ein K-Pop-Act sind.“

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Das „Billboard“-Magazin ist so etwas wie der musikjournalistische Arm der amerikanischen Charts – der Medienkonzern ermittelt und veröffentlicht die offiziellen US-Verkaufscharts für Musikalben („The Billboard 200“), Singles („The Billboard Hot 100“) und die Charts verschiedener Musikrichtungen.

Für die aktuelle Titelstory gelang der Redaktion ein Scoop, der ein wenig nach hinten losging. Der für „Billboard“ schreibende, in Seoul lebende, freie Journalist Jeyup S. Kwaak besuchte BTS in den Räumen ihrer Produktionsfirma HYBE Corp. und konnte ein längeres Interview mit allen Bandmitgliedern führen. In der Story erfuhr man viele interessante Dinge über das Arbeitspensum und die Stimmung innerhalb der Band.

Unverblümte Frage zur Chartmanipulation

Für Aufsehen sorgte aber ein längerer Abschnitt, den die „Billboard“-Redaktion wohl unbedingt drin haben wollte: Relativ unverblümt konfrontierte der Journalist BTS mit dem Vorwurf der Chartmanipulation. Künstlerinnen wie Dua Lipa und Olivia Rodrigo, bzw. deren Teams, äußerten sich in jüngster Vergangenheit kritisch über das Verhalten der BTS-Fans, wenn es darum geht, eine Single in den Charts zu pushen. ARMY – wie ihre Fangruppe heißt – organisiere oft Streaming-Partys oder gar Gruppenkäufe, um die Zahlen zu pushen, hieß es. Außerdem wirke sich der physische Verkauf der zahlreichen Singles-Boxen und die digitalen Downloads der BTS-Singles „Butter“ und „Permission To Dance“, die in vielen verschiedenen Remixen und Versionen erscheinen, verfälschend auf die Charts aus.

Für K-Pop gibt es kaum Chance auf die Währung „Airplay im Radio“

Was der Artikel dabei nur am Rande andeutet: Im K-Pop ist es durchaus gelernt, dass die Fangruppen der Acts aus eigener Kraft und mit eigenem Geld, Verkäufe und Streams befeuern, damit ihre Band erfolgreicher wird. Es ist also kein neues Phänomen, sondern bloß die loyale Konsumfreude, die das Genre schon immer begleitet hat. Das fällt bei BTS nur besonders ins Gewicht, weil sie die wohl größte Fan-ARMY der Welt haben.

Und, was eben auch ein wichtiger Punkt ist: Die Fans machen das nicht, weil sie süchtige, gleichgeschaltete Konsum-Zombies sind, die von ihren Idolen ausgenommen werden. Sie machen es, weil K-Pop-Acts im Ausland eben kaum Chancen haben, die für viele noch immer wichtigste Währung zu erlangen: Airplay im Radio. Erst seitdem BTS rein englischsprachige Singles wie „Butter“ oder „Permission To Dance“ veröffentlichen, werden sie überhaupt bei den großen Radiostationen gespielt.

RM: „Mir scheint, wir sind ein leichtes Ziel …“

BTS-Bandleader RM hatte dann auch die passende, charmante, aber bestimmte Antwort, auf die Frage, ob das Kauf-Verhalten der Fans nicht eine Manipulation der Charts sei. RM sagte dazu: „Das ist eine berechtigte Frage. Aber wenn ‚Billboard‘ darüber diskutiert, was es brauche, um die Nummer 1 zu sein, dann steht es ihnen ja frei, ihre Regeln zu ändern und die Streams zur stärkeren Währung zu machen. Uns und unsere Fans dafür runterzumachen, dass wir mit dem Verkauf von physischen Tonträgern und digitalen Downloads auf Platz 1 der Charts kommen, fühlt sich für mich nicht richtig an. Mir scheint, wir sind für sie ein leichtes Ziel, weil wir eine Boyband und ein K-Pop-Act sind – und weil wir diese hohe Fan-Loyalität haben.“

„Marktphänomene gibt, bei denen so mancher die Stirn runzelt.“

Shin Young-Jae, Präsident des BTS-Labels Big Hit Music (das Teil der HYBE Corp. ist), musste bei dieser Frage leise lachen und sagte: „Wäre es nicht wundervoll, wenn wir tatsächlich solche Masterminds wären, dass wir so was orchestrieren könnten? Ich verstehe schon, dass es mit BTS Marktphänomene gibt, bei denen so mancher die Stirn runzelt. Aber ich glaube nicht, dass der US-Markt bloß mit Downloads erobert werden kann. Ich glaube, der Impact der Songs wurden auf vielen verschiedenen Spielwiesen bewiesen, und wir sind sehr stolz auf diesen Erfolg.“

Die BTS-Fans sind trotzdem noch ein wenig sauer über die tendenziöse Frage – und wollen, dass sich „Billboard“ für ihre BTS-Coverstory entschuldigen. So war der Scoop ja eigentlich nicht gedacht. Aber auch „Billboard“ wird wissen: Any press is good press. Die vollständige Story kann man im englischen Original hier lesen.

 


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