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Die Entwirrungen des Imperiums der Band Messer

Will man ins Zentrum der Band Messer vorstoßen, lässt man das der Stadt Münster schnell hinter sich. Über eine provisorische Brücke gelangt man letztendlich in vollkommen abseitiges Gelände. Linker Hand Schrebergärten, rechts seltsame Gebäude eines ausgestorbenen Industriegebiets, dazwischen ein paar frei laufende Hunde. Instinktiv hält man das Portemonnaie fest, doch die Tiere schnüffeln nur kurz, laufen weiter. Zum Glück. Das Navi zeigt bloß noch Brachland an. Hier ist das Google-Street-View-Car garantiert nicht langgekommen.

Über verschlungene Pfade findet sich der Proberaum von Messer irgendwann aber doch. „Die meisten Münsteraner Bands sind in einem großen Proberaumkomplex nahe des Hauptbahnhofs, waren wir früher auch“, erzählt Sänger und Texter Hendrik Otremba, „da gibt’s für 60 Bands zwei Toiletten, hier haben wir dagegen fast für jeden von uns eine eigene.“ Zudem zahlt man nicht mehr über 300 Euro pro Monat, sondern probt umsonst und spendet stattdessen regelmäßig ­einen Betrag für Dolmetscher, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Aufgetan hat die Örtlichkeit im verwunschenen Industriegebiet Bassist Bastian Ottenhus (klangvoller Spitzname: Pogo McCartney). Der mächtige Bartträger mit Tattoos von einer Avocado und Pfeffermühle auf dem Arm ist dabei auch der letzte permanente Link zur ­einstigen Bandheimat Münster. Mittlerweile dient sie bloß noch als Sammelpunkt, heute ist es wieder so weit, alle sind angereist. Das ­Material des aktuellen Albums JALOUSIE wurde sich draufgeschafft, und ­morgen geht es im Bus tief in den Osten, zum „Jenseits von Millionen“, ist schließlich Festivalsaison. Die Stücke funktionieren gut, das Set steht und auch die Inte­gration der beiden neuen Bandmitglieder Manuel Chittka (Percussion) und Milek (Gitarre, Synthesizer) scheint intern längst abgeschlossen. Jetzt muss „bloß“ noch das Publikum für diese Besetzung, für dieses neue Kapitel begeistert werden. Das Imperium Messer rotiert.

Messer
Messer aus Münster ehren den französischen Künstler Boris Vian.

8 Eckpfeiler des Imperiums der Band Messer:

CHINA
Messer haben mit ihrer Band nicht nur Münster sondern auch Deutschland überwunden. Auf Einladung des Goethe-Instituts spielten sie eine Tour in China, die Schlagzeuger Philipp Wulf sogar bis zum Geburtsort seines Großvaters führte, nach Qingdao. Der Vater jenes Opas war dort als Missionar tätig gewesen. Auf der Chinareise entspann sich die Idee, das neue Album „Ermittlungen in Shanghai“ zu nennen. Zugunsten des künstlerischen Gesamtkonzepts hinter Jalousie entschied man sich aber dann doch einstimmig dagegen. Nun, fast einstimmig. Pogo: „Also ‚Ermittlungen in Shanghai‘ wäre echt der bessere Titel gewesen.“


DAS RITTERGUT
Zu fünft quartierte man sich für die Albumaufnahme in einem alten Rittergut ein, brachte dort das neue Bandgefüge zum Klingen – beziehungsweise zum Knuspern. Als die gerade getätigte Aufnahme zu „Die Hölle“ gegengecheckt wurde, hörte man darauf nämlich leise ein solches. Der Auslöser: Wulf hatte sich immer ein Stück gewünscht, bei dem er nebenher Chips essen könne, während der von ihm programmierte Drumcomputerloop läuft. Auf diesem Album der entdeckten Möglichkeiten hat sich dieser Traum erfüllt. Die Aufnahme musste wegen des Chipsknisterns allerdings wiederholt werden. Kein Scheiß! Das Mischen der Platte wurde vom letztmaligen Produzenten und soundmäßigen Inspirator der Band, Tobias Levin, übernommen.


DIE ALLIANZEN
Auf JALOUSIE hört man schon im ­ersten Stück die tiefe, unverkennbare Stimme von Stella Sommer. Der Kreis schließt sich, ist in ihre Band Die Heiterkeit doch zuletzt Messer-Schlagzeuger Philipp fest eingestiegen. „Krass wichtig“ sei sie für Hen­drik vor allem bei dem Stück „Schwarzer Qualm“ gewesen. „Ich habe das dünne Eis des Songs gespürt“, erzählt er, „aber ab dem Moment, wo sie neben mir stand und wir bis auf ein Wort die identische Gesangslinie gesungen haben, habe ich gemerkt, dass der Song stark ist.“ Eine andere weib­liche Stimme benötigte „Im Jahr der Obsessionen“, allerdings war eine sehr hohe Tonlage gefragt. Katarina Trenk, eine weitere Freundin des Imperiums, die sonst bei der Wiener Krach-Indie-Pop-Band Sex Jams singt, übernahm den Part. Jochen Arbeit von den Einstürzenden Neubauten dockte über die andere Band des neuen Gitarristen Milek an. Arbeit zeigte sich angetan von einem Konzert von Dein Rauschen – was für jene ­sogar in Shows im Neubauten-Vorprogramm münden sollte. Als nun an zwei Stellen der Messer-Platte noch Soundscapes gesucht wurden, stand schnell fest, hierfür Arbeit gewinnen zu können. Als jener seinen Bock telegrafierte, war die Freude groß. Fehlt noch ein Link nach draußen: The Notwist wurden von ­Manuel Chittka klargemacht, ein Festivalkonzert bot den Rahmen, und die erste Gemeinsamkeit mit jener Ikone aus Weilheim war leicht ­gefunden. „Ich habe mich ihm einfach vorgestellt mit: ‚Hallo! Ich bin der Bayer von ­Messer‘“, grinst Manuel. Am Ende stehen nun ­etliche Trompetensätze von ­Micha Acher auf JALOUSIE.


JUDO
Irgendwann kommt für viele der Moment der Entscheidung: Band und Saufen oder Leistungssport und Muskelaufbau. Pogo entschied sich für Ersteres und kehrte damit einer Karriere als Judo-Ass den Rücken. Nachdem aber immer wieder auch Otrembas Malerei ins ­Zentrum des Interesses geriet, kam man auf die Idee, aus Pogos verschüttetem Talent ebenfalls eine begleitende Show zu machen. Statt des Mix aus Vernissage und Konzert einfach Pogo auf ein paar Matten stellen und ihn Würfe und Abrollen vorführen lassen. Diese Idee blieb bis jetzt noch unverwirklicht. Leider.


Messer - JalousieDIE BILDENDE KUNST
Das Cover von JALOUSIE stellt diesmal kein Gemälde von ­Otremba dar, allerdings handelt es sich dennoch beim fertigen ­Albumartwork wieder um ein Kunstprojekt. Hierbei wurde ein handkopiertes Fanzine als Booklet-Blaupause gestaltet und dann in einem Museum ausgestellt und abgelichtet. Aus den so neu kontextualisierten Bildern gestaltete sich dann das finale Booklet.


DIE ECHSE
Metaphern und codiertes Erzählen geraten gerade bei deutschen Texten immer wieder zum Selbstzweck. Andeutungen und Nebel ersetzen Aussage und Präzision – oder es wird jede noch so große Katastrophe einfach als „Thema“ begriffen, über das man folgenlos gefällige Konsens-Soße kübelt, fertig. Otremba kennt diese Falle des (vermeintlich) schlauen Textens und hat genau das in dem Stück „Die Echse“ paraphrasiert. Lediglich der Titel ist einem anderen Kontext entlehnt: „Ich bin ein Riesenfan von Deerhunter und auf deren neuer Platte gibt es ein Stück mit Namen „Snakeskin“, darauf singt er ‚I was born with a snake-like walk‘ – das finde ich unfassbar geil, in so was steckt für mich ­Poesie drinnen“, so Otremba.


DAS THEATER
Berührungsängste mit dem Theatralischen besaßen Messer nie. Bis heute hat die Band bereits an zwei Theaterprojekten mitgewirkt, einmal ging es um ­Tage­bücher von Romy Schneider (aus denen sich die Kassetten-Veröffentlichung „Der Film war zuende, nur ein Film“ ergab) und einmal um das Leben des französischen Künstlers Boris Vian.


DER CAMPUS
An der School of Design in Münster arbeitet Hendrik Otremba als Dozent. Allerdings unterrichtet er nicht, wie man denken könnte, Malerei oder Ähnliches, sondern unterhält für die Studierenden eine Schreibwerkstatt.

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