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Interview

Depeche-Mode-Kreativdirektor Anton Corbijn: „Ich durfte in Freilandhaltung arbeiten“

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Der Fotograf und Regisseur Anton Corbijn übernimmt rund um VIOLATOR das Artwork von Depeche Mode, dreht die Musikvideos, zeichnet für alle PR-Fotos verantwortlich – und schließlich auch für die visuelle Ausgestaltung ihrer Liveshow. Hier erzählt er über seine damaligen Ideen, von Rosen, Goldenen Zeiten und Liegestühlen – und die Zusammenarbeit mit der Band, als man sich noch nicht so gut kannte.

Der 1955 im Süden der Niederlande geborene Corbijn macht sich Ende der 70er zuerst vor allem als Fotograf für den englischen „NME“ einen Namen, entwirft bald seine ersten Cover-Artworks und dreht Videos für David Sylvian, Echo & The Bunnymen und 1984 auch für U2s „Pride (In The Namen Of Love)“. Seine erste Regie-Arbeit für Depeche Mode ist 1986 „A Question Of Time“; bei dem Album MUSIC FOR THE MASSES ein Jahr später übernimmt er bereits alle Musikvideos. Er dreht da noch am liebsten in Schwarz-Weiß und in einer vergleichsweise avantgardistischen Film-Noir-Ästhetik, mit der die Engländer auf MTV und bei „Formel Eins“ zuverlässig auffallen.

Nach dem Cover für das Livealbum 101 übernimmt Anton Corbijn auch für VIOLATOR das komplette Artwork, inklusive der Singles. Als Kreativdirektor ist er bis heute für die visuelle Seite der Band verantwortlich.

Warum befindet sich nichts weiter als diese eine Rose auf dem Cover von VIOLATOR? Wie kamen Sie auf das Motiv?

Die Idee, etwas so Edles wie eine Rose zu „verletzen“ (Englisch: „to violate“ – Anm. d. Red) gefiel mir. Vielleicht war es damals auch meine einzige Idee. Außerdem mochte ich die Schlichtheit des Ganzen: Das ist missbrauchte Natur. Nachdem sich die vorherigen Plattenhüllen der Band mehr um das Thema Technologie gedreht hatten, wollte ich auch eher eine Verbindung mit der „Soul side“ von Depeche Mode aufbauen. Das Cover der ersten Single „Personal Jesus“ musste allerdings schon für deren Veröffentlichung im Sommer 1989 fertig sein, deshalb gibt es hier keinen Bezug auf das Artwork von VIOLATOR, während es zur Hülle von „Enjoy The Silence“ eine offffensichtliche Verbindung gibt.

„Violator“ von Depeche Mode

Wie sah die Zusammenarbeit mit Depeche Mode damals aus? Martin L. Gore sagte später in einem Interview einmal, dass die Band Ihnen blind vertraute. Aber war das wirklich von Anfang an so?

Rückblickend erscheint es mir tatsächlich so. Mit wurde die Aufgabe, die visuelle Seite von allem zu übernehmen, sehr schnell anvertraut, und ich fühlte mich auch gleich verantwortlich für die Darstellung der Band in den Medien und in der Öffentlichkeit. Die Arbeit an dem Cover von VIOLATOR war ein absoluter Einzelgänger-Job, das Ergebnis wurde dann aber auch unkompliziert freigegeben.

Verlief das mit dem Konzept für Ihr Video zu „Enjoy The Silence“, in dem Dave Gahan mit Krone und Klappstuhl auf der Suche nach Ruhe durch verschiedene Landschaften läuft, auch so einfach? Der Legende nach sollen Sie beim Arbeitsgespräch mit der Band nur so viel dazu gesagt haben: „Ein König mit einem Liegestuhl“ …

Es war ziemlich schwierig, sie von meiner Idee zu überzeugen. Aber ich hatte nur diese eine und bekam sie auch nicht mehr aus dem Kopf. Wir hatten ein Treffen im Aufnahmestudio in London, wo ich mein Konzept präsentieren musste. Sie lehnten ab. Doch glücklicherweise habe ich es in der nächsten Besprechung einfach noch einmal vorgestellt, und sie gaben schließlich nach. Die Videos waren damals ziemlich billig zu produzieren – zumindest die, die wir gemacht haben: im Super-8-Format gedreht, mit einer kleinen Crew. Also dachten sie wohl: „Lasst uns doch einfach schauen, was dabei herauskommt, wenn es nichts taugt, können wir es immer noch einem anderen Regisseur geben.“

Goldene Zeiten waren das damals. Aber bald schon nahm der ganze Druck zu, dadurch dass „Enjoy The Silence“ zu so einem großen Hit wurde – nachdem „Personal Jesus“ schon eine ziemliche Welle gemacht hatte. Unsere kleinen Videos, die ich für das VIOLATOR-Album alle in Farbe drehte, waren plötzlich wichtig und mussten auch möglichst überall im Fernsehen laufen. Bis dahin hatte ich wirklich in einer Art Freilandhaltung arbeiten können …

Sie waren damals ja auch schon maßgeblich für die visuelle Seite von U2 zuständig und sind bis heute Kreativdirektor beider Bands. Hat sich Ihre Arbeit für U2 und Depeche Mode damals gegenseitig beeinflusst – und was sagten die Mitglieder der beiden Gruppen dazu?

Bis zu einem gewissen Grad war dies durchaus der Fall. Nachdem ich zum Beispiel Bono die Covers für „Enjoy The Silence“ und VIOLATOR gezeigt hatte, meinte er, dass wir auch beim Artwork von U2 mit solch intensiven Farben arbeiten sollten. Das trug schließlich dazu bei, dass ACHTUNG BABY (1991) so aussieht, wie man es heute kennt. Spreche ich mit U2 über Depeche Mode, nennen ich sie immer die „andere Band“ – und umgekehrt ist es genauso. Zum Glück sind sie aber keine eifersüchtigen Liebhaber.

Dieser Artikel erschien erstmals im ME 04/20. 

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