Depression deluxe


Seit über fünf Jahren arbeitet er an seinem neuen Album. Umsonst Gefangen in einem Netz aus Luxus und Langeweile, will Bryan Ferry heute partout nichts mehr glücken. ME/ Sounds-Mitarbeiter Duncan Fallowell besuchte den leidenden Salonlöwen in seinem Goldenen Käfig.

Aber natürlich ist man immer nur so gut wie seine letzte LP — und Ferrys letzte („Bete Noire“, 1987) war eine Enttäuschung. Bereits seit Jahren bemüht er sich nun vergeblich, ein neues Album fertig zu stellen — und hat inzwischen sogar die Arbeit daran abgebrochen, um ein unkomplizierteres Projekt mit Cover-Songs vorzuziehen. (Eine erste Kostprobe, Elvis‘ „Are You Lonesome Tonight?“, erschien gerade auf dem Soundtrack „Honeymoon In Vegas“‚.) Ferrys kreative Geburtswehen führten mittlerweile auch dazu, daß sein Manager das Handtuch warf und sich entnervt aus dem Staube machte.

“ Vwi, es ist so schwer“, stöhnt er, „und es wird immer schwieriger. f Kennst du denn jemanden in meinem Alter, der es noch so einfach aus dem Handgelenk schüttelt?“ Er ist Jahrgang ’45.

Ehrlich gesagt, schon. Es gibUH0 zählige gleichaltrige Kollj^lKlie ihr Fließband ungerührt am laufen halten. Aber man kann auch nachvollziehen, daß er den Flattermann bekommt, denn er steht tatsächlich Auch wenn ihn das Glück manchmal verließ — Bryan Ferry bewies immer Stil. 17 Alben lang (zehn mit Roxy Music. sieben Solo-LPs) machte er Musik — ohne daß er sich je dafür hätte prostituieren müssen. Im Vergleich zu ihm wirken ein Elton John oder ein Phil Collins banal und statisch, während David Bowie (in dessen Schatten Ferry lange stand) völlig ausgebrannt zu sein scheint. Ferrys vorletztes Album „Boys And Girls“ (1985) war sein bestes und gerechterweise auch sein erfolgreichstes. Die wohlklingend-wehklagende Stimme, die schattig chromatischen Melodien, die verschachtelten Arrangements, eingewickelt in einen schimmernden Schleier elektronischer Fremdartigkeit — das waren die einzigartigen, sofort identifizierbaren Merkmale von Ferrys Sound. Und sie wurden auf „Boys And Girls“ zu einer hinreißenden Einheit verschmolzen.

an einem kritischen Punkt seines Lebens: Ist das nächste Album gut, beginnt eine neue Phase seiner Karriere. Ist es schlecht, wartet der Orkus des Vergessensauf ihn.

Ferrys Karriere verlief parallel zu einem zunehmend stilisierten Leben, abseits der Rockwelt, geformt nach dem Modell der britischen OberkJasse: ein großes Haus in London, ein großes Haus auf dem Land, eine Wohnung in New York, eine große Familie, Bedienstete, Günstlinge und Schmarotzer, eine kostspielige Frau, die das Shopping liebt. Doch der Tanz ums Goldene Kalb wurde teuer bezahlt: Ferrys Sucht nach Stil und diskreter Eleganz führte ihn in Sprachlosigkeit und Ohnmacht. Angesichts eines übersteigerten Harmoniebedürfnisses schien die Spontanität unter die Räder zu kommen. Oder sollte dieser Eindruck völlig falsch sein?

Er ist nicht leicht festzunageln, denn obwohl er (noch) kein ex- ¿

tremer Einsiedler ist, entwickelte sich Ferry zu einem Meister des diplomatischen Sich-Herauswindens. „Ja“ und „Nein“ sind in seiner Psychologie nicht vorhanden — er benutzt permanent das Wort „vielleicht“. Und was Fotos angeht, warnte mich einer seiner Freunde (der Modedesigner Antony Price): „Er haßt es, fotografiert zu werden, weil er furchtbare Angst davor hat, nicht gut auszusehen. Und krank, krank, krank, er ist immer krank — hauptsächlich Halsinfektionen. “ Wann immer ich in Ferrys Londoner Haus anrief, sagte das südländische Dienstmädchen: „Er muß wohl im Bad sein.“ Ein anderer Freund glaubt den Grund für sein ausweichendes Verhalten zu kennen: „Es ist dieser fiirchtbare Mangel an Selbstbewußtsein.“ Brian Eno, Ferrys alter Mitstreiter aus Roxy-Tagen, hingegen meint: JB“ ist nur furchtbar schüchtern.“

Endlich sitzt mir Bryan in der einzigen einsamen Ecke eines italienischen Restaurants in der Nähe seines Hauses gegenüber. Er trägt eine dunkle Jacke, grünes Hemd, Krawatte —^J£S aus warmem Material. UjgrfRPn, wie immer gestriegelt, iRmbt sich endlich auch, an den Schläfen zu ergrauen.

„Entspannen wir uns“, sagt er und starrt in die Luft. Small Talk. Seine Frau hat unlängst noch ein Baby bekommen, was die Zahl auf viererhöht, alles Jungen — Otis, Isaa£>

Tara und den Neuen. „Es ist, als produzierte man seine eigene Seifenoper“, witzelt er.

„Babies rfSichl man leichter als .4/b«j“j-*age ich zu äußern. Seine Angen blitzen auf. „Es ist eine Belastung, daß es so lange dauert. Ich finde, Texte sind das schwierigste, weil ich mich selbst mehr und mehr als einen abstrakten Künstler sehe — und es ist noch härter, mich danach in eine Persönlichkeit‘ zu verwandeln, die bei Talkshows herumgereicht 14 h t*/’i Is^m m/j/i/j titty ln tisch nujr fT/>— macht. Es ist keine Paranoia — ich fühle mich nur unwohl dabei, über mich selbst zu reden. Ich bin ein Kontroll-Freak. Ich weiß nicht, wie ich präsentiert werde. „

Warum bist du ein Kontroll-Freak?

„Weil ich nicht so gut bin, wie ich sein könnte — und daran möchte ich arbeiten. „

Er hat offensichtlich hart an sich gearbeitet — zumal die Welt, aus der er kam, so völlig anders ist als die elegante Nobel-Welt, in der er sich heute bewegt. Ferry wuchs in der Nähe von Newcastle auf, sein Vater war Landarbeiter, wechselte nach dem II. Weltkrieg aber ins Bergwerk. Hat Bryan etwas von seinem Vater geerbt?

„Meine schlechte Laune! Ich lasse einmal am Tag Druck ab. Naja, einmal jeden zweiten Tag. Das ist eine meiner Schwächen.“

Was sind die anderen?

„Sich zu viel Sorgen zu machen. Sich zu viel darum zu kümmern, was andere Leute von mir denken. Und ich brauche ein bestimmtes Maß an Ordnung in meinem Leben, weil mein Kopf so unorganisiert ist. Ich liebe konventionelle Formen der Präsentation — auch wenn einige Leute denken, das sei oberßchlich und schwach.“

Anal-regressiv würde der Psychologesagen…

„Mein Gott! Und was ist das Gegenteil dazu? Orale Belohnung?

Pudding au) dem Soja herumschmieren ? Ich bestimmt nicht. Ich besiehe Z.B. darauf, daß der Tisch fiir das Mittagessen ordentlich gedeckt ist. “ Was sind deine Stärken?

„Hab eigentlich keine. „

Dann laß uns doch mal über deinen vornehmen Lebensstil sprechen.

„Nun mal nicht so schnell, Duncan. Wenn du mir einen Moment Zeit gibst, fällt mir sicher auch eine Stärke ein. Dickköpfigkeit entpuppt sich manchmal als Vorteil. Meine ganze Karriere beruht auf der Tatsache, daß ich besessen bin. Und ich habe ein Gefiihl für Rhythmus. Das ist es so ungefähr.“

Nach dem Gesprach mit Bryan rief ich Antony Price an, um mir von ihm eine Charakterbeschreibung geben zu lassen. Price bezeichnet sich selbst als „vielleicht Bryans besten Freund“ und meinte, Ferry sei „extrem sensibel, und er erinnert sich bevorzugt an die häßlichen Erfahrungen seines Lebens, nicht an die positiven. Er ist die ultimative Waage, mit immenser Balance. Und er hat eine Frau geheiratet, die diese Eigenschaft auch hat — obwohl, wenn ich mich nicht irre, sie Jungfrau mit Aszendenten Löwe ist.“

Haben sie sich also deshalb gesucht und gefunden? Aus gutem Geschmack?

„So würden sie das wohl nicht ausdrücken. Aber es gibt die Notwendigkeit in ihrem Leben, daß alles seinen Ort und Platz haben muß. „

Eine Beschreibung, die die Ferrys arg kleinkariert aussehen läßt. Als ich zu einem späteren Zeitpunkt Lucy Fern‘ in ihrem Landhaus in Sussex besuchte, war sie überraschend unkompliziert und offen. „Bryans Arbeit ist das einzig Wichtige fiir ihn, aber ich bin nicht eifersüchtig“, verkündet sie. „Er ist extrem launisch, aber auch sehr bodenständig — wie alle Leute aus dem Norden. Doch wenn er auf die Bühne geht, verwandelt er sich in einen Menschen, den ich nicht kenne. „

Nur ein scheinbarer Gegensatz, wie ich meine. Bryan Ferry auf der Bühne erinnerte mich immer an Laokoon — den Mann aus der griechischen Sage, der sich dreht und windet, um das Joch seiner psychischen Begrenztheit abzuschütteln. Die Kontrolle in seinem täglichen Leben schlägt auf der Bühne um in eine sichtbare Tortur: Das Ego versucht, seinem nörgelnden Selbstbewußtsein zu entkommen und als strahlender Star wiedergeboren zu werden. Eine Transformation, die Ferry auf der Bühne aber nie so

recht gelingen will, weil ihm das Loslassen. Aus-Sich-Herausgehen einfach unsäglich schwer fällt.

Die Selbstveräußerung war in einem sexuellen Kontext erheblich einfacher: Ich erinnere mich, wie mich Simon Puxley, Ferrys rechte Hand, vor langer Zeit mit der Aussage überraschte, daß nach einem Roxy-Konzert. wenn die Band hundemüde war, nur er und Bryan ausgingen, um ihr Glück bei den Damen zu suchen.

Es schüttet wie aus Eimern, und Ferry streift sich einen langen Macintosh-Trenchcoat über, einen überlangen Schal und eine undefinierbare Stoffmütze, die er schräg verwegen über den Kopf zieht. Irgendwie läßt ihn dieser Auftritt seltsam pathetisch erscheinen — wie ein Waisenkind, das sich seine Sonntagskleider anzieht. Wir gehen vom Restaurant hinüber zu seinem Büro und Studio — ein riesiger Arbeitsplatz, elegant, aber spartanisch eingerichtet, mit einem langen Tisch in der Mitte, auf dem ein halbes Dutzend Vorschläge für das neue Album-Cover in peinlich genauer Ordnung liegen.

Das Gebäude war früher eine Molkerei — Dr. Simon hat es entdeckt. Simon hat eine Menge Dinge für Bryan entdeckt. Anfangs war er ein kreativer Assistent für alles mögliche, der das Abführmittel für Bryans mentale Verstopfung lieferte. Im Gegenzug wurde für ihn generös gesorgt. Wie fast alle Pop-Protagonisten schöpft Ferry nicht aus dem kreativen Nichts. Er nimmt von anderswo und biegt es sich zurecht. Diverse Freunde sind bei diesen Raubzügen behilflich. Dr. Simon ist einer von ihnen.

Als er uns mit einer rätselhaften Entschuldigung verläßt, sieht Bryan plötzlich verloren aus. geht auf und ab. als hätte er den Eindruck, ich würde mit dem Messer auf ihn losgehen. Neben dem Studio befindet sich ein kleiner Raum, in dem er seine Songs ersinnt. Zwei Bücher stehen auf dem Regal: „The Cocaine Kids“ und „I Ching“ (die Bibel derer, die nicht wissen, was sie als nächstes tun sollen). Was denken seine Söhne über seinen Popstar-Status?

„Die beiden alleren fangen an zu begreifen, daß ich eine Art Sänger bin. Nicht, daß ich ihnen meine Platten vorspielen würde, das würde ich nie! Lucy hat es getan. Ans irgendwelchen Gründen mögen sie besonders ,These Foolish Things‘, meine erste Solo-LP.“

Keiner der Songs, meist amerikanische Pop- und Soulnummern, stammte aus seiner Feder. „Plastisch und scharf kontitriert wie Roy Lichtenstein-Bilder“, sagt er. Das Album wurde innerhalb eines Monats im Sommer ’73 aufgenommen — damals wußte er noch, wie man zu_,ß te kommt. Sein nächstes Solo-Album ,,Another Time, Another Place“ (1974) war der erste Versuch, aus der grauen Klassenlosigkeit der frühen Rockmusik auszubrechen. Nicht unbedingt musikalisch, aber in Gestalt des Covers: Ferry in einem weißen Dinnerjacket steht neben einem Swimmingpool in Beverly Hills, eine elegante Party im Hintergrund — absichtlich zur Schau getragenes Geld wie ein Frank Sinatra-Klichee. Es war der Welt erstes Yuppie-Album. ein Zeichen der Dinge, die da kommen sollten. „Es stand mir so gut — beängstigend gut — und das Image setzte sich während der folgenden Jahre fest. In Wahrheit ist es das Album, das ich am wenigsten mag. „

Ferry mietete für längere Zeit ein Haus in Bei Air und versuchte, mit dem amerikanischen Showbusiness Kontakt aufzunehmen — erfolglos. Vielleicht war er zu englisch für sie. „L.A. ist großartig, wenn man mit sich selbst im Reinen ist, aber ich war fi tlicht. Simon kam mich besuchen. r hat die ganze Malaise miterlebt.“ „Es war ein Haus in spanischem Stil“, erklärt Simon später, „und Alfred Hitchcock lebte in dem Haus am Ende des Gartens. Jerry Hall sah von Zeit zu Zeit herein.“

Zu Weihnachten des gleichen Jahres fuhren sie in die Schweiz, buchten sich im „Palace“ ein, dem alten Grandhotel von Montreux, wo Bryan eine LP beenden sollte. Jerry sollte ihnen folgen. „Es können nur sechs andere Leute außer uns dort gewesen sein“, fährt Simon fort. „Sehr düster und merkwürdig. Und }erry Hall — sie tauchte einfach nicht auf. Hat nie etwas gesagt, kam nur einfach nicht. Wir waren absolut down. Dann las Bryan in einer Zeitung, daß sie mit Mick Jagger zusammen war. So fand er es heraus — sie hat es ihm nie mit einer Silbe erzählt. Bryan blieb die Weihnachtstage allein in dem dunklen Hotel und spielte den tragischen Helden. “ a^Ü Der anhaltende Erfolg defflSP sten Jahre hielt Ferry vom Grübeln ab. Dann stellte ihm der Innenarchitekt Nicky Haslam ’81 auf einer Party in Schottland Lucy Helmore vor. „Er war ganz anders, als ich erwartet fuitte“, sagt Lucy. „Ich dachte sogar, daß Bryan schwul war.“ 18 Monate später waren sie verheiratet.

Zehn Jahre später ist eine gewisse Desillusionierung nicht zu überhören. „Bryan“, sagt seine Frai,Juß zwei linke Hände und ist vö^j/fmorganisiert. Und vielleiehtdiäst du bemerkt, daß wir nur von Verrückten umgeben sind. Ich weiß nicht, ob du Simon als Verrückten bezeichnen würdest, aber jedenfalls sind sehr seltsame Leute ständig um uns herum. Ich habe immer den Eindruck, daß sich andere Stars mit überaus effizienten Sekretärinnen, Buchhaltern und PR-Leuten umgeben. Bei Bryan kann davon nicht die Rede sein. „

Man sollte in der Tat meinen, daß-“ ein so vorsichtigter und scheinbar weltmännischer Mann wie Ferry von professionellen Robotern umgeben ist. Das Gegenteil ist der Fall. Roboter sind eine Bedrohung. Statt des^ sen ist Ferry geradezu amateurhaft in seinen beruflichen Kontakten. Aber wenn man sich für jede Situaeinen Fluchtweg offenhalten ist es eben viel praktischer, wenn deine Partner Kumpel sind. Sie haben für alles Verständnis.

Der letzte Neuzugang in Ferrys Hofstaat ist sein Produktions-Assistent Lord John Somerset, bekannt als „Johnson“‚, ein Sohn des Herzogs von Beaufort. Er ist 20 Jahre jünger als Bryan, der auch zugibt: „Ich bin normalerweise die älteste Person im Studio.“

Ich rief Johnson an, der an dieser ewig unfertigen LP arbeitet, um ihn zu fragen, ob Bryans ständige Unzufriedenheit mit seinen Songs nicht ein sinnvolles J^SÖten unmöglich mache. „So weit ich es beurteilen kann — nein. Mit allen Dingen, die er nochmal machen wollte, habe ich übereingestimmt, also …

und diese Dinge brauchen sehr viel von… weißt du, man merkt auf einmal, daß etwas nicht stimmt… und er ist ziemlich gut in dieser Beziehung. Ich glaube nicht, äh, naja, €fitfijgc er hat hier be&irimfiwP ne… unnützen Sachen gemacht, also, äh, und deshalb war die Zusammenarbeit mii ihm auch nicht.. .schwierig.“ Danke, Johnson. Alles II .. r,:.,,, p rau l^j a b so _ Die Charaktere, uui denen sich Ferry umjgibi. sind mehr als seltsam ~ Menschen, die oft genug in sozialen Extremen leben: schwule Freunde, drogenabhängige Freunde, aristokratische Freunde. Ferry lebt andere Leben aus zweiter Hand. „Ich war immer ein gutes Publikum“, sägt er.

Und noch einmal Antony Price: „Bryan bekommt alles mit. Er hat ein Computer-Hirn, das absolut alles registriert. Ich bin mit ihm überall auf der Welt gewesen, und es gab nie eine Situation, wo dieser Computer nicht funktionierte. Nie! Im Studio stellt er gern Trennwände auf, damit er die anderen Musiker beobachte/t kann — sie aber Und NicJty Haslar& „Er ist oberkkssiger als irgendeiner, den ich kenne. V/eä er diesen Lebensstil geradezu Studien hat.“

Gleichzeitig aber fühlt er sich nicht wirklich wohl in seiner aristokratischen Haut — eine Beobachtung,’^ Ferry selbst zustimmt. „Ich möchtt oft aus England weg. Diese Klassen-Geselkcliafi finde ich manchmal äußerslör&ierend. „

Aber es ist Haß-Liebe. Du bist doch auch fasziniert…

„Ja, weil es eine Sache ist, die die Engländer so gut drauf haben, diesen gediegenen Stil des Landedelmannes. Aber das bin nicht ich.“

Du hast immerhin ein Mädchen aus der Ober-Klasse eeheiratet.

„Ich wüßte nicht, daß ich mich dafür entschuldigen muß. Und außerdem hatte sie kein Geld. „

Hast Du?

„Nicht so viel, wie du glaubst.“

Immerhin bist du ein berüchtigter Kunstsammler. Wieder erhebt er sich und geht auf und ab. „Mir ist auf einmal so kalt. Dir nicht?“, fragt er und bindet sich einen dicken WollschijLumjlm Hals. „Ich habe letzte Nacnrflfcnrgut geschlafen und ich werde inzwischen so entsetzlich anfällig. Das ist etwas, über das ich mich wirklich ärgere — ich bin physisch nicht sonderlich stark. Meine Gesundheit leidet unter den Jahren, in denen ich es übertrieben habe.

Über was haben wir doch gleich gesprochen ? Ich schwedk ab. * Deine Bilder?

„O ja, ich kann dir ein paar zeigen.“‚Was das Verlassen des Studios zur Folge hat. Wir gehen zu ihm nach Hause, einem großen, weißen Stuck-Kasten zwischen Kensington High Street und Notting Hill Gate. Über den Räumen im Inneren liegt „fin de siecle“-Schwermut und Museumsluft, die kunstvollen Kerzenhalter und opulenten Vorhänge wirken fast schon absurd. Das beeindruckenste Objekt ist ein riesiges Gemälde von Mark Gerlter. eine wunderschöne nackte Frau, die über dem Kamin im Salon hängt. „Ich habe es 1985 bei Sotheby’s gekauft“, sagt Lucy. „ohne daß Bryan es vorher gesehen hatte. Ich war etwas nervös. Anfangs mochte er es auch nicht, heute schon. “ Haben Bryan und du den gleichen Geschmack?

„Ja, wir beide lieben es, so lange wie möglich in teuren Hotels zu leben. “ Politik?

„Er ist rechter als ich. „

Magst du die Popwelt?

„Ich liebe sie! Ich versuche immer, auf Tourneen dabeizusein. Man kann überall gut einkaufen gehen. „

Wie läßt sich dieses Leben mit vier Kindern vereinbaren?

„Es geht, wenn man genug Kindermädchen im Haus hat. Momentan ist nur eine da, normalerweise haben wir zwei.“ Kein Wunder, daß Ferry mit seinem neuen Album nicht zurande kommt — wie kann man auch arbeiten, wenn zur Tea-n’me plötzlich das Geschirr in die Brüche geht.

Andererseits hat Ferry . natürlich recht, angesichts seiner kreativen Verdauungsstörungen paranoid zu sein. Der Popsong ist eine der fruchtbarsten Kunstformen des 20. Jahrhunderts, aber er ist zugleich extrem limitiert. Um populär zu sein, muß er so banal und einfach wie möglich bleiben. Ferrys Probleme entstehen dadurch, daß er in ein eigentlich seichtes, oberflächliches Medium viel zu viel Emotionen investiert. Der gemarterte Künstler fühlt sich in der Grabbelkiste eines Supermarktes einfach nicht zu Hause. Würde er Roxy Music wieder ins Leben rufen, um dem Druck der Einsamkeit zu entkommen?

„Andy Mackay und Phil Manzanera drängen mich immer dazu — ich vermute, sie sind etwas knapp bei Kasse. Aber was mich betrifft: Ich hoffe, ich kann noch die nächsten zehn Jahre oder so weitermachen, weil ich das, was ich mache, über alles liebe. Es ist Knochenarbeit, aber wenn manferiig ist, wird man mit immenser Selbstachtung belohnt — bis die nächste Platte kommt und man wieder in seine kleine, verrückte Welt abtaucht und denkt, daß es die wichtigste Sache der Welt ist. Und daß alle Außenstehenden auch nicht ansatzweise ahnen, durch welche Hölle man geht.“