Bestenliste

Die 50 besten Alben des Jahres 2016


Ja, 2016 war nicht sehr nett zu uns. Trotzdem: Gute Alben sind auch dieses Jahr erschienen. Hier sind unsere 50 Favoriten.

Platz 1: Bon Iver – 22, A MILLION

Jagjaguwar/Cargo (29.9.)
Bon Iver boten 22, A MILLION einige Male live dar. In Justin Vernons Heimatstadt, Eaux Claires, aber auch zweimal in Berlin. Der Rezensent war vor Ort, als Vernon und seine Band die neuen Songs vor einer Schar ausgewählter Branchenvertreter und einigen Musikerkollegen im Innenhof eines Berliner Hotels spielten. Aufgehängte Papierlampen flatterten laut im Wind, sie legten einen ganz eigenen Klang über diesen Abend, was enorm schön war und gut passte. Denn das Magische an 22, A MILLION ist schnell erklärt: Das scheinbar Störende stört hier nicht.

Justin Vernon, der Typ, der einst aus einer Waldhütte zauselige Klagegesänge über das Ende der Liebe sandte, hat ebenjenen Waldhüttenfolk auseinandergenommen wie einen Oldtimer vor der Vollrestauration. Und dann hat er ihn wieder zusammengesetzt, aber mit den Mitteln der Gegenwart. Obwohl, ganz stimmt das nicht: Die Gerätschaften und Programme, mit denen Vernon auf dieser Platte arbeitet – Auto-Tune und andere Stimmmodulatoren, Drumcomputer, Sampler, Sequencer –, gab es größtenteils auch vor 15 Jahren schon. Aber Vernon hat einen Umgang damit gefunden, der neu ist, weil er zumindest für den Hörer so wirkt, als ob er keinen gängigen Regeln, sondern eher der Intuition folgt.

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Wo man beispielsweise bei James Blake, der formal gesehen ähnlich modernistisch arbeitet, zwar begeistert, aber nur selten überrascht wird; wo man bei Frank Ocean die Nähe zur Avantgarde an konkreten Songs festmachen kann, entzieht Bon Iver sich elegant jeder Deutung: Nach Belieben schwellen die Songs an oder ab, wechseln intime Momente und Trommelfeuer, wirkt die Musik doch recht analog und dann wieder völlig digital. „8 (Circle)“ mag hier als bestes Beispiel dienen. Aus beinahe esoterisch wirkenden Synthie- und Bläserflächen, die über einem kargen Höhenbeat laufen, entspinnt sich so eine Art Gospel, der völlig unbeeindruckt von Stör- und Hintergrundgeräuschen in einen Refrain mündet, dem ein Saxofonpart folgt, der wiederum Grundlage für den großen Chor bildet. Das alles klingt niedergeschrieben ungemein kompliziert, aber das Komplexe dieses Songs wirkt keine Sekunde lang artifiziell oder gar distinktionsgetrieben. Es schadet niemals der Prägnanz des Werks. Im Gegenteil, die Art, wie Vernon seine Spitzen setzt, die Art, wie er zwischen verschiedensten Traditionen aus Folk, Jazz, Gospel auf der einen und modernen Modulationen davon auf der anderen Seite wechselt, schafft diese Prägnanz überhaupt erst.

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34 Minuten dauert die Platte. Sie verteilen sich auf zehn Songs, in denen, man kann es nicht anders sagen, rasend viel passiert. Im Opener, „22 (OVER S∞∞N)“, tauchen Spuren einer alten Mahalia-Jackson-Aufnahme auf. „10 d E A T h b R E a s T ⚄ ⚄“ ist das Gegenstück, brutal ächzende Maschinenmusik, die Maschine scheint zudem kaputt zu sein. In „33 „GOD““ singt im Hintergrund ein hochgepitcher Zwergenchor, in „____45_____“ haben wir es nur mit Vernons Stimme und einem Saxofon zu tun, das so klingt, als könnte es ein neues Blättchen vertragen; später stößt noch eine Orgel dazu. Der letzte Track wiederum, „00000 Million“, atmet stringent feierliche Grandezza, baut aber auch ein kleines Sample ein: Hier ist es Fionn Regan, den wir plötzlich „The days have no numbers“ murmeln hören.

22, A MILLION ist neue Musik im besten Sinne des Wortes. Sie erweitert die kontemporäre Musiksprache, indem sie ihr  eine bisher unbekannte Grammatik hinzufügt. Das ist nicht nur großartig anzuhören, sondern wird für die Popmusik der Zukunft von immenser Bedeutung sein. Jochen Overbeck