Highlight: Die 100 besten Stimmen der Musikgeschichte

Bestenliste

Die 50 besten Alben des Jahres 2016

Platz 30: Virginia – FIERCE FOR THE NIGHT

Ostgut Ton/Rough Trade (27.5.)
Das – die Betonung liegt einzig auf genau diesem Artikel und muss deshalb vorsichtshalber wiederholt werden: Das Disco-House-Album des Jahres also stammt aus dem Hause Ostgut Ton. Virginia, Resident in der legendären Berliner Panorama Bar, hat ein souliges Stück Ausgehmusik fabriziert und erinnert damit an die Ursprünge des Berghain-Labels. Was dabei auch deutlich wird: dass wir mittlerweile Künstler und Künstlerinnen brauchen, die Brücken zwischen scheinbar Artfremdem wie Dancefloors und Konzerthallen schlagen. In was für einer Welt leben wir eigentlich? Früher war also doch so manches besser. Jördis Hagemeier

Platz 29: Japanese Breakfast – PSYCHOPOMP

Dead Oceans/Cargo (19.8.)
Wollen Sie am Rand dieses kleinen Popspektakels stehen bleiben und ernst bemient Assoziationen runterrattern? Wie Michelle Zauner aus My-Bloody-Valentine-Schauer, The-Sundays-Gesangsmelodie und Schrammelfein ein Stück wie „In Heaven“ zusammenbaut: Ja, da könnte man mit dem Finger draufzeigen. Aber warum analysieren, wie raffiniert hier die Klangwelten von Dreampop, Shoegaze und 80s-Anspruchspop zusammengeführt werden? Man muss sich hineinwerfen in diese beherzten Songs, so wie Michelle es mit ihrer Stimmte macht! Oliver Götz

Platz 28: Preoccupations – PREOCCUPATIONS

Jagjaguwar/Cargo (16.9.)
Dass Preoccupations ihren alten Namen Viet Cong aus Gründen der politischen Korrektheit aufgeben mussten, hat ihrer Musik ein wenig die Schau gestohlen. Dabei ist das zweite Album der Kanadier ihre bisher beste Arbeit. PREOCCUPATIONS klingt nicht nach einem Neuanfang, sondern ist die Fortführung des stumpfen, beklemmenden Post-Punk von Viet Cong, ergänzt um Synthieklänge, die die Stimmung jedoch keineswegs aufhellen. Wenn die Band nicht mehr weiterweiß, ertränkt sie ihre Songs in minutenlangem, meditativem Gitarrenfeedback. Ivo Ligeti

Platz 27: Jenny Hval – BLOOD BITCH

Sacred Bones/Cargo (30.9.)
„What’s this album about, Jenny? – It’s about vampires“, heißt es einmal auf die Frage, die man bei der Norwegerin nie leicht beantworten kann. Zwischen den Krachschichten und zarten Melodien geht es um mehr: um weibliche Identität, Menstruation, Kapitalismus, Tabus und Todesklagen. Eigentlich müsste einem bei diesem Ineinanderfließen der Themen schwindelig werden. Aber was nach feministischer Theorie klingt, ist bei Hval Gefühl und Selbstoffenbarung. Ihre atmosphärisch bisher dichteste Gedankenwanderung. Annett Scheffel

Platz 26: Car Seat Headrest – TEENS OF DENIAL

Matador/Beggars/Indigo (8.7.)
Die Erstauflage dieses Albums wurde von der Presse eines Müllwagens im Lager des Labels zermalmt. Traurig, aber Teil einer Geschichte, die vermutlich den Abverkauf so stark beschleunigte, dass das nichts ausmachte: Will Toledo hatte die Erlaubnis, einen Cars-Song zu verwenden, änderte aber dessen Text. Ric Ocasek klagte. Die bereinigte Version des Albums hat immer noch ein bisschen was von den Cars. Prägnanter sind aber die Querverweise in die 90er, zu Pavement oder Superchunk. Dazu erzählt Toledo Slackerstorys von Drogen und Teeniesehnsucht. Jochen Overbeck

Platz 25: Blood Orange – FREETOWN SOUND

Domino/GoodToGo (19.8.)
Um dem Groove dieser Platte gerecht zu werden, sei Folgendes empfohlen: der Besitz des Original „Beat It“-Buttons von Michael Jackson von 1984. Oder aber die Aufführung eines ausgiebigen Schattentanzes mit großen Schritten, hochgekrempelter Anzughose und Sexytime-Slimfit-Tanktop, während im Hintergrund eine gigantische Neonleuchtwand flimmert. Doch so cool wie Dev Hynes wird man dadurch immer noch nicht, weil niemand den funkigsten 80er-R’n’B so lässig ins Hier und Jetzt herbeiflirten kann wie Blood Orange. Jördis Hagemeier

Platz 24: Iggy Pop – POST POP DEPRESSION

Caroline/Universal (18.3.)
Iggy Pop war immer dann am besten, wenn er wie David Bowie klang. Also von 1977 bis ca. 1982 und 2016. POST POP DEPRESSION ist nicht nur wegen der unsentimentalen Berlin-Rückschau „German Days“ ein Tribute für den alten Freund, der zwei Monate vor der Veröffentlichung starb, ein Garagen-„Wüsten“-Punkpop-Album, auf dem die „Allstar-Band“ mit Josh Homme, Dean Fertita und Matt Helders das intelligente, verspielte Backing liefert. Hommes furztrockene Produktion gibt den Rahmen für die vielleicht beste Songsammlung in Iggys Karriere. Albert Koch

Platz 23: Whitney – LIGHT UPON THE LAKE

Secretly Canadian/Cargo (3.6.)
Eines Morgens, so singt Julien Ehrlich am Albumanfang, wachte er in L.A. auf. Das passt, denn dazu spielt der Rest seiner Band eine kalifornisch wirkende Melange aus Blue-Eyed Soul, AOR und Yachtrock – aber recht verwaschen, als hätte man zwischen Musikern und Auditorium eine Milchglasscheibe eingezogen. Im weiteren Verlauf des Albums wird die Band konkreter. „I keep searching for these golden days“, heißt es, und danach spielt die Gitarre ein seltsam schmeichelndes Solo, das 1974 vom selben Laster fiel wie die einsetzenden „Nanana“-Chöre. Jochen Overbeck

Platz 22: Skepta – KONNICHIWA

Boy Better Know/Sony (6.5.)
„Wenn David Bowie heute zuschauen könnte, würde er wollen, dass Skepta gewinnt“, behauptete Jarvis Cocker in seiner Mercury-Prize-Laudatio. Ob das stimmt, werden wir nicht erfahren, doch Skeptas Sieg, seine ausverkauften Shows, die Nummer-zwei-Platzierung des Albums, das „Boy Better Know“-Tattoo, das Drake sich hat stechen lassen: All das zeigt, dass es für den besten MC diesseits des Atlantiks doch noch späte Gerechtigkeit gibt. Wenn man sich dieses kratzbürstige Grime-Meisterwerk anhört, muss man gestehen: Er hat es verdient. Ivo Ligeti

Platz 21: Die Höchste Eisenbahn – WER BRINGT MICH JETZT ZU DEN ANDEREN

Tapete/Indigo (26.8)
Anfangs noch als Auffangbecken ehemaliger Indiesternchen abgetan, etablierte sich die Band 2016 mit ihrem zweiten Album als feste Größe in der hiesigen Musiklandschaft. In Kennerclubs wie dem Kreuzberger Monarch erspielte sie sich mit klugem Singer-Songwriter-Pop, der statt – wie sonst immer, immer, immer – zu verzagen auf Melodien und große Refrains setzt, ein Publikum, das ihr im selben Bezirk heute zweimal das 1500 Besucher fassende Astra füllt. „Bist noch mal gewachsen/ Und ich kann jetzt mehr verstehen“, singt Francesco Wilking in „Lisbeth“. Es musste höchste Eisenbahn werden, dass die Zeit dieser Männer nun gekommen ist. Stephan Rehm

 

Platz 20: Golf – PLAYA HOLZ

Styleheads/Groove Attack (13.5.)
Aus Köln kommt in diesem Jahr viel Gutes, darunter auch die vier Boys von Golf, deren Hubba-Bubba-Synthiepop im ersten Moment ein bisschen platt, dann – gegen das erleuchtende Moment kann man sich gar nicht wehren – irrwitzig klug daherkommt. Allein schon die Tracklist ihres Debüts hat es in sich und muss mit Titeln wie „Macaulay Culkin“, „Ping Pong“ und „Rot ist die Farbe of Love“ auch dem letzten Zweifler das Gefühl von Urlaub in Südfrankreich in pastellfarbenem Ballonseidenhöschen mit Piña Colada in der einen und iPhone in der anderen Hand herbei-, mindestens aber ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Jördis Hagemeier

Platz 19: The Avalanches – WILDFLOWER

XL/Beggars/Indigo (8.7.)
16 Jahre haben die Sampling-Wilderer für ihr zweites Album gebraucht. Und dann reicht dieses WILDFLOWER seinem Vorgänger so selbstverständlich die Hände zum Tanz, dass einem die Zeit dazwischen vorkommt wie eine Tüte Bonbons, die man eben mal so weggelutscht hat. Nur mehr gerappt wird hier, ein paar Hitmomente haben dickere Comic-Outlines, von Stargästen wie Danny Brown oder Father John Misty gucken dafür oft nur die Füße raus auf diesem souldiscofunkyfolkigsoftpsychedelischen Trip – dem Summer-Extended-Mix 2016! Oliver Götz

Platz 18: Angel Olsen – MY WOMAN

Jagjaguwar/Cargo (2.9.)
Angel Olsen foppt uns. Auf ihrem dritten Album legt die US-Amerikanerin, die in einem früheren Leben Backgroundsängerin von Will Oldham war, ihren Pop ständig anders an. Mal hören wir die kalifornische Bettschwere einer Lana Del Rey, mal die Widerborstigkeit der Blake Babies, mal muss man an Sharleen Spiteri von Texas denken. Und doch hält Olsen all das mit der Art zusammen, mit der sie sich durch die Gnadenlosigkeit des Zwischenmenschlichen textet. Es geht also um Küsse, um Beischlaf und darum, dass all das irgendwann ein Ende hat. Wer das banal findet, möge „Pops“ hören, den traurigsten Song des Jahres. Jochen Overbeck

Platz 17: BadBadNotGood – IV

Innovative Leisure/Rough Trade (8.7.)
Wenn du nachts nach Hause kommst, predigten die Eltern früher immer, dann nimmst du möglichst den beleuchteten Heimweg, auch wenn der länger ist! Natürlich hat man das nie getan, und das war aufregend. Noch aufregender wäre es aber gewesen, hätte man im Discman damals schon IV gehabt, das den perfekten Soundtrack fürs Irrweg-Nehmen liefert. Dudelnde Bläser, verquere Melodien, alles pumpt und blubbert: Mit ihrem Indiejazz schüren die Kanadier Angst vor und Neugierde auf das, was das Undurchsichtige bereithalten kann. Jördis Hagemeier

Platz 16: Gold Panda – GOOD LUCK AND DO YOUR BEST

City Slang/Universal (27.5.)
Disharmonie. Wenn Gold Panda dieses Wort hört, flattern Schmetterlinge in seinem Bauch. Anders lässt sich kaum erklären, woher seine Faszination für absurde Geräusche aus unterschiedlichsten Weltteilen rührt, die er in seiner Musik aneinanderrubbeln und einander abstoßen lässt. Was zunächst wie Liebe zur vererbten Briefmarkensammlung klingt, artet bei dem Londoner in wärmste Wirrwarr-Electronica aus. Wichtigste Regel: Melodien tun sich gegenseitig weh, um danach wieder einen Grund zum Schmusen zu haben. Jördis Hagemeier

Platz 15: Katie Gately – COLOR

Tri Angle/Cargo (14.10.)
Viel gute Musik kommt von Menschen, die sich nicht primär als Musiker definieren. Katie Gately ist so eine Nichtmusikerin, und genau das hat COLOR zu einer der aufregendsten Platten des Jahres gemacht. Es ist ein antizyklischer Entwurf zum Minimalismus in der elektronischen Musik, die Künstlerin aus L.A. legt multiple Schichten aus Samples und Field-Recordings aufeinander. Electropop, House, Vaudeville, Kunstlied, Prog, industrielle Kühle, Neoclassical: Alles ist da, aber alles ist auch vage. Das Gesamtkunstwerk Katie Gately ist nicht zu fassen. Albert Koch

Platz 14: Kanye West – THE LIFE OF PABLO

GOOD/Def Jam/Tidal (14.2.)
Präsidentschaftsambitionen, Schwebebühnen und ständige Korrekturen bereits veröffentlichter Alben: Kanye Wests Jahr war wunderbares Chaos, The Life of Pablo nichts anderes. West bietet ein All-you-can-Eat seines Schaffens, das für federleichten Gospel und Balladen Platz hat wie für uninspirierte Dance-Experimente und schwachsinnige Skits. Gerade diese Konzeptlosigkeit macht die Platte zu einem ermüdenden, aber unglaublichen Stück: Wer hätte gedacht, dass wir Chris Brown und Arthur Russell je auf demselben Album singen hören würden?
Ivo Ligeti

 

Platz 13: Kate Tempest – LET THEM EAT CHAOS

Caroline/Universal (7.10.)
„England! England! Patriotism! And you wonder why kids want to die for religion?“ In ihren Erzählungen von sieben exemplarischen Londonern, die um 4.18 Uhr keinen Schlaf finden, stellt Kate Tempest ewig gültige Zusammenhänge her. Der zitierte Song, „Europe Is Lost“, war mehr als ein halbes Jahr vor dem Brexit-Votum erschienen. Nach den Kritikern erreichte die Spoken-Word-Künstlerin 2016, insbesondere in Deutschland, auch die Massen, die im Chaosjahr 2016 nach keiner weiteren tröstenden, sondern nach einer erklärenden Stimme suchten. Stephan Rehm

Platz 12: Nicolas Jaar – SIRENS

Other People/Rough Trade (14.10.)
Weil inzwischen jeder bemerkt haben dürfte, dass Nicolas Jaar seit Jahren einer der wichtigsten Innovatoren elektronischer Musik ist, wollen wir an dieser Stelle eine Lanze für den Sänger brechen: Er wird immer besser darin, mit Geräuschen Geschichten zu erzählen, er weiß aber auch, wie er seine sanfte Stimme in diese Bilder einfügen und wie viele Effekte er ihr zumuten kann. Dass Jaar in letzter Zeit viel Suicide gehört hat, macht die Platte nur besser. SIRENS hat die Tränen, die 2014 wegen des frühen Endes von Darkside flossen, getrocknet. Ivo Ligeti

Platz 11: Anohni – HOPELESSNESS

Anohni - HOPELESSNESS (VÖ: 6.5.)Rough Trade/Beggars/Indigo (6.5.)
Einer der radikalsten Neuanfänge der Popgeschichte: Mit Mitte 40 entschied sich Antony Hegarty, sein Leben fortan als Frau zu führen, vollzog with a little help from her friends Hudson Mohawke und Oneohtrix Point Never den Sprung vom Kammerpop zu einer Musik, die man noch in Jahren als futuristisch bezeichnen wird. Inhaltlich ist HOPELESSNESS dabei direkt in der Gegenwart verortet. Wir tanzen zu Erderwärmung, Tiersterben, islamistischem Terrorismus, ferngesteuerten Kriegen und der enttäuschten Hoffnung Barack Obama. Stephan Rehm

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