Engel mit Herz


Fassbinder ist tot. Kluge kaltgestellt, Schlöndorff dreht fürs US-Fernsehen, Herzog an entlegenen Schauplätzen der Exotik. Dafür ist der verlorene Sohn des Neuen Deutschen Films heimgekehrt: Nach zehn Jahren hat Wim Wenders mit „Der Himmel über Berlin“ wieder einen Film in Deutschland gemacht. Ein sehr deutscher Film, intellektuell und introvertiert, poetisch und provokativ. In Cannes wurde er euphorisch gefeiert, bei uns wird er für etlichen Diskussionsstoff sorgen.

Der Himmel über Berlin ist grau. Wie sollte es anders sein, in einem Film in schwarz-weiß, in einem Film über die Frontstadt der Republik, die Grenzstadt zwischen Ost und West. Farbe in die tristen Bilder bringt allein die Liebe. Sie, die universelle Kraft des Daseins, verspricht noch Hoffnung. „Der Himmel über Berlin“ ist ein gleichzeitig naives wie irritierendes Werk.

Ein modernes Märchen: Zwei Engel langweilen sich in den wolkenverhangenen Lüften; sie sind arbeitslos geworden, niemand bedarf noch ihrer Hilfe. Da verliebt sich einer der beiden in eine Trapezkünstlerin vom Zirkus. Damiel (Bruno Ganz) beschließt Mensch zu werden, verläßt das Grau des himmlischen Alltags und erfährt, wie bunt die Realität auf Erden ist. Er lernt eine Welt kennen, die ihm als Engel bisher immer versagt blieb: Ins Innere der Menschen durfte dieser irdische E.T. bereits in seiner früheren Existenz blicken, jetzt aber erlebt er auch deren Gefühle.

Wenders setzt die Akzente anders: Seine Außerirdischen sind keine putzigen Maskottchen, sondern leibhaftige Engel. Sie reden nicht mit Engelszungen, sondern in der stilisierten Sprache von Peter Handkes Dialogen. Fantasy wird durch Phantasie ersetzt, nicht Effekte verblüffen, sondern die Unwahrscheinlichkeit der Geschichte. „Der Himmel über Berlin“ hat auch nicht den verbindlichen Charme von Hollywoods Engelfilmen aus den 30er und 40er Jahren. Es ist eine Reise, vorbei an der Historie und ihren Stätten, in die deutsche Befindlichkeit von heute. Zeitgeist-Kino wider den Zeitgeist. Ein Film, der sich bewußt gegen das gängige Genre- und Erzählkino stellt. Sich darauf einzulassen ist nicht leicht, aber es lohnt sich. Der englische Kult-Star und Berlin-Fan Nick Cave ist mit seiner Band Bad Seeds in einem Gastauftritt zu sehen.