Kolumne

Gedanken zum Gegenwärtig*innen, Folge 7: … … Zucker, Puppe

von
Julia Friese
Julia Friese

Drei Beobachtungen:

1. tongue-in-cheek-tronic

Urlaub nennt man auf Instagram nicht mehr Urlaub, sondern Urli. Drangsal hat derweil mit EXIT STRATEGY Urli von sich selbst genommen. Hat den Postpunk hinter sich gelassen, um eine Platte aufzunehmen, die Schlager, Pop-Punk und Tocotronic eint. Angenehm verlowtzowte Verse („Ich will Ungeheuer streichen, die Dunkelheit bleichen“) treffen auf Drangsals Intonation, die wie immer an Farin Urlaub erinnert.

Weswegen der Titel seiner Single „Urlaub von mir“ auch als Tongue-in-cheek-Kritik an seinen Kritiker*innen gelesen werden kann. „Liedrian“ klingt mit seinem „Scheißegal, ich liebe dich“-Refrain wie 2000er-Rock mit Stückchen, die mal Wolfgang Petrys waren. „Mädchen sind die schönsten Jungs“ hingegen ist mit Tocotronics „Zucker“ (2015) verwandt. Dem Song über einen gender-bending Liebesakt: „Du bist aus Zucker, du bist zart, du schmilzt dahin, du wirst nicht hart“. Drangsal singt nun: „Betrachtet in Hormonspiegeln, bist du ein Buch mit sieben Siegeln, komm sag dich frei von x and y“. Die lyrische Verwandtschaft kommt nicht von ungefähr: Dirk von Lowtzow hat an EXIT STRATEGY mitgeschrieben.

2. nutri score der lust

Weibliches Begehren im Spiegel der Ernährung ist in der Literatur gerade Thema. In Dorothee Elmigers „Aus der Zuckerfabrik“ (2020) wird Tocotronics „Zucker“ zitiert, um das unerfüllte Verlangen der namenlosen Protagonistin zu illustrieren. Beim Bachmann-Wettbewerb lasen in diesem Jahr gleich zwei Autorinnen Texte, in denen Sehnsüchte über Nahrung verhandelt werden. In Julia Webers „Ruth“ wird eine vom Alltag geschundene Frau nach einem Himbeer-Regen zwischen den Schenkeln einer anderen zu Butter. In Dana Vowinckels Text „Gewässer im Ziplock“ werden „Alte“ und „Neue Welt“ über das Frühstück erzählt: „Joghurt mit Stückchen von etwas, das mal eine Kirsche gewesen sein soll“ (Jüdische Großeltern in Chicago) vs. „Pfeffermakrele und cremiger Fetakäse“ (Jüdische Eltern in Berlin).

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Um einen Joghurt in der „Neuen Welt“ geht es auch in dem Roman „Muttermilch“ (2021) von Melissa Broder, der Essen als die einzig mögliche Lust im L.A. Office Life beschreibt. Leider ist die Protagonistin aber eine Frau, weswegen ihr zum Exzess
nur der Subway-Salat „ohne Sauce“ sowie ein Peanutbutter-Geschmack emulierender, fettfreier Joghurt bleibt. Der orthodoxe Joghurtverkäufer befüllt den Joghurtbecher zum Glück nur bis zum Kalorien-kalkulierten Strich. Aber dann übernimmt seine Schwester – die „schlechte Jüdin“ -, überfüllt den Becher und garniert ihn mit Zuckerstreuseln. Und auf „Zucker“ folgt auch hier „Mädchen sind die schönsten Jungs“: Es kommt zum Tongue-on-Clit.

3. fallobst

Dass Kinder in Deutschland keinen hohen Stellenwert genießen, weiß man spätestens seit Corona und den fehlenden Luftfiltern in Kitas und Schulen. Man kann ihren Stellenwert aber auch an der zögerlichen Aufklärung von sexueller Gewalt in Kinderheimen und Kirche ablesen. „Immer auf die Kleinen“ (Peter Alexander) – das ist deutscher Pop. Margarete Stokowski fragt in ihrer „Spiegel“-Kolumne: Woher kommt der Kinderhass? Und findet die Antwort: aus der Misogynie.

Till Lindemann – der die deutsche Seele seit Jahren so brachial wie treffend vertont – stimmt ihr in seiner Single „Ich hasse Kinder“ zu. Er macht das durch den Spiegel der Nahrung: „Der Schreihals turnt jetzt her und hin. Die Mutter spricht stumm zum Kind, während sie liest und dabei einen Apfel isst.“ Natürlich, der Apfelbiss! Deswegen ist weibliches Begehren Sünde, deswegen fettfreier Joghurt und deswegen sollen auch die Früchte weiblicher Lenden auf dem Boden der Gesellschaft vergären. Wo ist die EXIT STRATEGY, um Adam und Eva zu entkommen?

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 09/2021.


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