Gespräch

„Godmother Of Grunge“ Susan Silver im Interview: „Ich bin glücklich, ein Teil der Bewegung gewesen zu sein”

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Susan Silver hat Soundgarden, Alice In Chains, die Screaming Trees (deren Sänger Mark Lanegan jüngst starb, Anm.) und zahlreiche andere gemanagt, außerdem hat sie Nirvana zu ihrem ersten großen Plattenvertrag verholfen. Sie war mit Chris Cornell verheiratet, die gemeinsame Tochter Lily Cornell arbeitet für ihren Mental-Health-Podcast „Mind Wide Open“ unter anderem die Traumata der Grunge-Ära auf. Ihre Mutter bezeichnet die Influencerin bei Instagram als „reigning queen of Seattle, absolute dance machine, friend to all“. Susan Silver, 63, lebt bis heute in demselben Viertel von Seattle, in dem sie geboren und aufgewachsen ist. Nach einer längeren Pause vom Musikgeschäft managt sie seit 2009 erneut die wiedervereinigten Alice In Chains und betreibt gemeinsam mit Peggy Curtis, der Frau von Pearl-Jam-Manager Kelly Curtis, und anderen den Club The Crocodile, vormals The Crocodile Cafe, in dem Nirvana, Pearl Jam, Mudhoney, Tad, aber auch die Beastie Boys, The Strokes u.v.a. auftraten. Nach einer längeren Umbaupause wird der legendäre Live-Club 2022 an einem neuen Ort mit angegliedertem Hotel und neun Floors wiedereröffnet. Interviews gibt Silver nur selten, wir erreichen sie über Zoom zu Hause in Seattle.

Musikexpress: Wie erinnerst du dich an die frühen Tage in Seattle, was war das Besondere an der Szene?

Susan Silver: Damals herrschte in Seattle ein einzigartiges Gemeinschaftsgefühl, die Leute waren solidarisch, nicht kompetitiv. Man konnte zu irgendeinem beliebigen Konzert gehen und mindestens die Hälfte des Publikums bestand aus miteinander befreundeten Musikern. Niemand verdiente Geld mit der Musik, also arbeiteten alle in denselben Copyshops, Indie-Labels, Cafés oder Clubs.

Wie bist du mit dieser Szene in Berührung gekommen?

Ich bin in Seattle geboren und war seit meinem 15. Lebensjahr auf allen wichtigen Konzerten. In den frühen Achtzigern habe ich dann das Booking für den Club The Metropolis gemacht: Alle Altersgruppen und Musik-Genres waren willkommen, auf unseren Plakaten stand: „All ages, anyone.“ Dieser Club wurde zu einem der ersten Hotspots für die Gitarrenszene von Seattle, deren Musik wir damals allerdings noch nicht Alternative nannten. Der Sub-Pop-Gründer Bruce Pavitt war einer der DJs.

Außerdem warst du Geschäftsführerin in der ersten Niederlassung des Schuhdesigners John Fluevog. Stimmt es, dass dort alle späteren Grunge-Stars ihre Dr. Martens gekauft haben?

John kam aus Kanada und hat einen ziemlich fortschrittlichen Ansatz verfolgt. Er unternahm regelmäßige Reisen nach England, um sich inspirieren zu lassen. Insofern kannte er Dr. Martens früher als alle anderen und hat sie als Erster in die USA importiert.
Die sogenannten Docs wurden später, neben Flanellhemden und Cargohosen, zum zentralen Erkennungsmerkmal für Grunge-Musiker.

Alles wegen Fluevog?

Vermutlich, ja. Damals kamen eine Menge Musiker in den Laden. Einer meiner Mitarbeiter zu der Zeit war der spätere Candlebox-Sänger Kevin Martin.

Wie wurde aus der lokalen Bookerin und Schuhladengeschäftsführerin Susan Silver eine der erfolgreichsten Managerinnen in der Geschichte der Rockmusik?

Jonathan Poneman von Sub Pop hatte verschiedene Partyreihen in den Clubs der Stadt laufen, die ich für ihn betreute. Ich lernte immer mehr Leute und 1985 schließlich erst Chris (Cornell – Anm.) und dann Soundgarden kennen. Das hat sich einfach so ergeben. Wir waren jung, gut befreundet, es waren aufregende Zeiten.

Nirvana, Mudhoney, Soundgarden, die Pearl-Jam-Vorgänger Green River: Wie ambitioniert waren diese Bands damals?

Anfangs reichte allen eine gewisse Underground-Bekanntheit. Das Größte für uns war ein Soundgarden-Konzert in Vancouver. In einem anderen Land zu spielen, war nahezu surreal. Soundgarden hatten damals einen alten Schulbus, mit dem ich sie auf ihrer ersten Tour durch die USA fuhr, die Clubs hatte ich mir vorher im Telefonbuch zusammengesucht.

Bevor sie explodierte, ist die Szene also über Jahre organisch gewachsen?

Das stimmt. Die ersten, die von Anfang an mehr wollten, waren Alice in Chains. In ihrer eigenen Wahrnehmung waren sie bereits Rockstars, als sie noch vor 150 Leuten in Seattle spielten. Aber auch Nirvana waren ziemlich ambitioniert. Das fand ich interessant, weil sie gleichzeitig ihren Punkrock-Wurzeln verhaftet waren. Trotzdem wollten sie unbedingt einen großen Deal.

Alice in Chains mit Susan Silver im Jahr 2006

… den sie ohne dich nicht so schnell bekommen hätten. Was genau war deine Rolle bei der Vermittlung von Nirvana an ihre spätere Plattenfirma Geffen?

Dafür muss ich ein bisschen weiter ausholen. Ich bin Managerin geworden, weil ich Musikern helfen wollte, ihre Wünsche zu verwirklichen. Als Soundgarden noch bei Sub Pop waren, wollten sie unbedingt zu dem Underground-Label SST. Also besorgte ich ihnen dort einen Vertrag.

Klingt einfach.

Blieb es aber nicht. Als daraufhin die ersten großen Plattenfirmen bei uns vorstellig wurden, haben Soundgarden sich wahnsinnig schwergetan. Alle Seattle-Bands haben mit dieser Entscheidung gehadert. Es gab endlose Beratungen, ehe Soundgarden schließlich bei A&M unterschrieben.

Womit sie die erste Seattle-Band mit großem Plattenvertrag waren. Hat das die anderen neugierig gemacht?

Danach kamen Kurt und Krist von Nirvana in mein Büro und fragten mich, ob ich sie nicht auch managen wolle. Ich war allerdings mit Soundgarden, Alice In Chains, den Screaming Trees und einigen anderen ausgelastet. Also sagte ich ab, versprach den beiden aber, ihnen zu helfen. Ein paar Wochen später trafen wir uns in L. A. und ich stellte ihnen einen Anwalt, einen Booker und einen Manager vor – das spätere Nirvana-Erfolgsteam.

„Das Management für Nirvana nicht zu übernehmen, war natürlich ein Fehler“

Nirvana wurden die erfolgreichste Seattle-Band, hast du dich später geärgert?

Es gibt nicht viele Dinge, die ich in meinem Leben bereue, aber das Management für Nirvana nicht zu übernehmen, war natürlich ein Fehler. Ich war wahnsinnig beschäftigt damals. Ich hatte bis dahin alles allein gemacht und arbeitete rund um die Uhr. Mein Ein-Frau-Unternehmen musste in Rekordzeit in eine richtige Firma umgewandelt werden. Plötzlich waren wir 25 Leute, davon acht Festangestellte. Das war eine Menge Verantwortung für mich. Ich hatte schließlich keinen Master in Rockband-Management. Ich habe mich gegen Nirvana entschieden, weil ich mich ihnen nicht im gebotenen Maß hätte widmen können.

Bei der Einführung von Nirvana in die Rock and Roll Hall of Fame hat Krist Novoselic dir dafür gedankt, die Band ins große Musikbusiness eingeführt zu haben.

Das war sehr großzügig von ihm, Krist ist der perfekte Gentleman. Wenn ich damals einen gleichberechtigten Partner gehabt hätte, wäre die Sache vielleicht anders gelaufen. Ich habe mich nach so einer Person gesehnt, sie aber nie gefunden.

Eine Weile hast du mit Kelly Curtis gearbeitet, hätte er nicht diese Person sein können?

Das war er anfangs. Wir waren Partner und haben uns gemeinsam um Alice In Chains gekümmert. Sein vorheriger Partner war Ken Deans, die beiden managten Mother Love Bone, und ich im selben Büro Soundgarden. Dann hatten wir den tragischen Tod von Andy Wood zu verkraften und danach haben Ken und Kelly nicht mehr zusammen weitergemacht. Ken brachte mich mit Alice In Chains zusammen und Kelly entschied sich, eine neue Band zu übernehmen, die eine kurze Zeit lang Mookie Blaylock hieß – und danach Pearl Jam. Der Rest ist Geschichte.

Chris Cornell war als Soundgarden-Sänger nicht nur dein Klient, sondern auch dein Freund, späterer Ehemann und der Vater deiner Tochter. Wie hast du gewährleistet, dass ihr Privates und Berufliches trennt und sich die anderen Bandmitglieder nicht vernachlässigt fühlten?

Ich bin mit zwei jüngeren Brüdern aufgewachsen, eine gute Schule. Darüber hinaus habe ich ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Ich habe also darauf geachtet, alle gleich zu behandeln. Ob mir das zu jeder Zeit gelungen ist? Für Soundgarden war es bestimmt nicht immer leicht. Sie waren sicher nicht immer mit allen Management-Entscheidungen einverstanden, Chris ebenfalls nicht. Er war gut in Auseinandersetzungen, mit ihm konnte man prima streiten. Aber wir haben beide darauf geachtet, die geschäftlichen Themen nicht mit nach Hause zu nehmen.

Susan Silver mit ihrem damaligen Mann Chris Cornell 1992 bei der Premiere von „Weiblich, ledig, jung sucht…“

Aus heutiger Sicht könnte man die Seattle-Szene als „woke“ bezeichnen, trotzdem gab es kaum prominente Frauen im Grunge. Hast du dafür eine Erklärung?

Es gab und gibt haufenweise großartige Frauen in Seattle, Musikerinnen, Promoterinnen, Clubbetreiberinnen, Journalistinnen. Das sind die unbekannten Heldinnen dieser Zeit, denen ihr Platz in den Geschichtsbüchern zu Unrecht verwehrt blieb. Nehmen wir etwa Megan Jasper. Sie leitet Sub Pop seit über 25 Jahren. Bruce Pavitt und Jonathan Poneman sind natürlich die Aushängeschilder, aber sie schmeißt den Laden. Nicht alle von diesen Frauen konnten damals von ihrer Arbeit leben oder waren erfolgreich, aber das bedeutet nicht, dass sie weniger brillant oder kreativ waren.

Das bestätigt aber ja nur die in meiner Frage implizierte These, dass selbst eine eher linke Rockszene wie Seattle letztlich patriarchalisch organisiert war.

Es war und ist ein sehr weiter Weg, bis wir Frauen endlich die Anerkennung in dieser Branche bekommen, die uns zusteht. Wir müssen doppelt so hart arbeiten wie Männer, um ähnlich wertgeschätzt zu werden, das war damals eine simple Tatsache und ist es zum Teil heute noch. Innerhalb der Szene selbst haben wir aber nicht so gedacht.

Du hast als Pionierin für Frauen in dieser Branche Beträchtliches geleistet.

Ich hatte aber wirklich auch eine Menge Glück. Wir haben einen Nerv getroffen. Die guten Leute in dieser Industrie, die es ja auch gibt, haben erkannt, dass dieser neue Sound wichtig war, wir haben überall auf der Welt offene Türen eingerannt. Und ich hatte wiederum die Unterstützung einiger wunderbarer Frauen, ohne die ich nicht so erfolgreich hätte werden können.

Wen würdest du hervorheben wollen?

Die Bedeutung von Sharon Osbourne als meine Mentorin kann ich gar nicht hoch genug einschätzen. Sie hat mir beigebracht, wie man den Job mit Stärke und einer gewissen Strenge macht – beides ist essenziell – und trotzdem nicht verhärtet. „Mach einen guten Job und zeig es allen, mach keine Gefangenen, aber begib dich niemals in Konkurrenz“, das habe ich von ihr gelernt.

Mit den gewaltigen Erfolgen von Soundgarden, Nirvana, Alice In Chains und Pearl Jam trat die dunkle Seite des Grunge in den Vordergrund: Drogen, psychische Probleme, Zerwürfnisse. Drei der vier Sänger dieser Bands sind nicht mehr am Leben. Wie erklärst du dir diese Häufung?

Das versuche ich immer noch vergeblich, um ehrlich zu sein. Ich bin persönlich viel zu sehr betroffen, um damit klarzukommen. Es waren ja nicht nur diese drei: Andrew Wood, mein eigener kleiner Bruder, John Baker Saunders, Shannon Hoon, Stefanie Sargent … unzählig viele junge, talentierte Menschen. Es ist unfassbar schmerzhaft, das mitzuerleben und darüber nachzudenken. Insbesondere, weil Chris’ Tod und seine Effekte auf unsere Tochter und die gesamte Familie noch nicht lange her sind.

In dieser Szene gab es viele feinfühlige Menschen mit Depressionsneigung, für die Drogen kein Partyvergnügen, sondern zuerst Selbstmedikation zu sein schienen.

Das fasst es perfekt zusammen. Genau das ist es, was ich heute jungen Leuten zu vermitteln versuche. Meine Tochter setzt sich in ihrem Podcast für einen aufgeklärten Umgang mit psychischen Erkrankungen ein und ich versuche, sie darin zu unterstützen. Ich war so viele Jahre mit Sucht konfrontiert, dass ich heute sagen kann: Die Drogen haben meist tiefer sitzende Probleme und Krankheiten überdeckt. In der Öffentlichkeit wurden diese Leute aber über ihre Sucht definiert. Als Junkies, die eine gute Zeit haben wollten und nun eben die Konsequenzen tragen mussten.

Mitte der Neunzigerjahre standen alle großen Grunge-Bands vor den Trümmern ihrer Karriere oder zogen sich radikal zurück. Es war vorbei. Ich kann mich noch an ein Soundgarden- Konzert 1996 erinnern, bei dem die enorme Anspannung in dieser Band förmlich in der Luft lag. Selbst als Zuschauer fühlte ich mich unbehaglich.

Es war ein Horror. Das muss eins der letzten Konzerte gewesen sein. Beide Bands waren 1996 und 1997 in einem schrecklichen Zustand. Soundgarden haben praktisch nicht mehr miteinander gesprochen. Ich habe absolut alles versucht, die Stimmung zu verbessern, aber zu dieser Zeit bin ich nicht zu ihnen durchgedrungen. Alice versanken parallel im Drogensumpf, nicht nur Layne (Staley – Anm. d. Autors), die ganze Band.

Du hast dich danach für einige Jahre aus dem Musikgeschäft zurückgezogen, richtig?

Ich hatte keine aktiven Klienten mehr. Ich habe weiterhin die Kataloge verwaltet, aber ansonsten rückten andere Dinge in den Vordergrund. Nachdem wir einige Jahre vergeblich versucht hatten, eine Familie zu gründen, geschah ein Wunder und unsere großartige Tochter Lily wurde geboren. Gleichzeitig wurden Chris’ Depressionen immer schlimmer. Er war unzufrieden mit der Entwicklung seiner Karriere, war permanent unterwegs und rutschte immer tiefer in die Depression, während er seinen Drogenkonsum ziemlich clever vor mir verborgen hat. Als mir klar wurde, was mit ihm los war, war er mehrfach in Entzugskliniken, brach aber jedes Mal ab. Es ging ihm immer schlechter und all diese Dinge passierten vor und nach der Geburt unserer Tochter. Es war die Hölle auf Erden.

Sein damals erschienenes erstes Soloalbum, EUPHORIA MORNING, spricht diesbezüglich Bände.

Es strotzt vor Selbsthass, Projektionen und Wut. Und die ganze Zeit über hat er sich vorgemacht, er hätte ein gutes Leben.

30 Jahre später: Worin liegt in deiner Wahrnehmung das Vermächtnis des Grunge?

Grunge war die letzte richtig große, regionale musikalische Bewegung vor dem Internet. So etwas wird in dieser Form nie wieder möglich sein. Ich bin glücklich, ein Teil davon gewesen zu sein.

Dieses Interview erschien ursprünglich in unserem großen Special „30 Jahre Grunge“ im Musikexpress 11/2021.

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