House of Abhängigkeit: Ikkimel rebelliert gegen Rayes größten Wunsch
Julia Friese erklärt in ihrer neuen Kolumne, welche be(un)ruhigenden Effekte den Pop dominieren.
Drei Beobachtungen:
1. der beruhigende effekt vorgetäuschter institutionalisierung
Wenn Sie irgendetwas verkaufen wollen, aber keinen speziellen Namen für Ihr Geschäft finden, gleichzeitig aber doch den Eindruck einer gewissen Expertise vermitteln, ja, vor allem auch den Eindruck einer gewissen vorauseilenden Institutionalisierung Ihres Geschäfts erwecken wollen, dann bietet Ihnen die Gegenwart wohlwollend folgende Hülse an: „House of XY“. Oder, etwas konservativerer: „Haus des XY“.
Als Lady Gaga 2009 ihr Kreativteam „Haus of Gaga“ benannte – namentlich inspiriert von der „Bauhaus“-Bewegung, inhaltlich inspiriert von Warhols Factory – war das eine noch eher eigentümliche Bezeichnung. Die Zunahme der „House of“-Benennungen begann laut Google Trends ungefähr 2022. Also nach der von 2013-18 ausgestrahlten Erfolgsserie „House Of Cards“. Wie auf Zuruf ergab sich aus deren Ende 2019 die Franchise-Döner-Kette „Haus des Döners“, die seitdem mit ihrem geschmackvollen Rot-weiß-schwarz-Design von Konstanz bis Lübeck zu finden ist.
2022 kam dann das „Game Of Thrones“-Prequel „House Of The Dragon“ auf. Von all dem inspiriert, muss sich in Berlin dann das „House of Co“ eröffnet haben: ein Co-Workingspace. In Frankfurt eröffnete das „House of Fade“, ein Barbier, bei dem man sich die Trendfrisur des Jahres 2024 ins Haar rasieren lassen kann: den Taper Fade. Nun gibt es auch den One-Woman-Podcast „House Of Houmsi“ der Journalistin Salwa Houmsi. Und seit Dezember 2025 die „House Of Bellevue“ genannte ZDF-Serie über eine fiktionale, queere Ballroom-Szene in Berlin.
2. die drei insignien des hypes: farbe, wahrzeichen, botschaft
Beklagte der andauernde A-List-Schauspieler Timothée Chalamet auf der Pressereise zum Dylan-Biopic „Like A Complete Unknown“ (2024) in einem Podcast auf YouTube noch, dass die Menschen zunehmend sinnlos YouTube konsumierten und nicht mehr so sehr hochwertige Filme, hat er, respektive die Factory rund um den Josh-Safdie-Film „Marty Supreme“ (2026) nun versucht, Elemente des Musik- beziehungsweise des Hypemarketings auf den Film anzuwenden.
Dazu gehören:
- eine Farbe als Markenkern (Orange), vergleiche: BRAT-Grün (2024) und Barbie-Pink (2023).
- ein im Stadtbild ersichtliches, branded Wahrzeichen (orangefarbener „Marty Supreme“-Zeppelin, der L.A. überflog), vergleiche: grüne BRAT-Wand in Brooklyn und pinkfarbenes London-Eye zur Barbie-Premiere.
- eine Teilhabe anbietende Botschaft (Dream Big!), vergleiche: BRAT Summer = unperfekter Gören-Hedonismus und „Barbie ist wohl eine Feministin! Sei also auch du eine brave Konsumentin UND Feministin. JUST GÖNN DIR!“ (Mattel)
3. der eher beunruhigende effekt einer echten institution
So singspricht Ikkimel in „IDGAF“: „Früher war ich straight / aber das hält keiner aus / Sollte ich einen Typ bumsen / haut mir aufs Maul“. Diese Lyrics entsprechen einem Zeitgeist, den die „Vogue“ jüngst in einem Essay auf den Punkt brachte: Die gegenwärtige, linksliberale Frau schämt sich für die langweilige Normalität einer heterosexuellen Verpartnerung. Galt in den post-feministischen Jahren die Heirat noch als Hauptgewinn des Dating-Games, ist sie heute vor allem wieder das, was sie ist: eine konservative Institution. House of Abhängigkeit.
Farbe: Weiß
Wahrzeichen: Ring
Botschaft: Koch und gebier!
Gleichzeitig genießt die gegenwärtige, linksliberale Frau auf TikTok aber auch den Song „Where Is My Husband!“ des britischen Mehrfach-One-Hit-Wonders Raye: „I would like a diamond ring on my wedding finger (woohoo)“.
Der Sechziger R’n’B-Girl-Group-Sound wird hier nun aber gezielt als Retro-Pop verkauft. Eine Retro-Opening-Tafel im Musikvideo macht das unmissverständlich deutlich.
Nicht erwähnt wird die Handgesten-genaue Mimikry von Beyoncés Verlobungsforderung „Single Ladies“ (2008), das damals zeitgeistidentisch und „Sex And The City“-coded war. Rayes Wunsch nach einem Ring am Finger kann man heute aber nur noch als bewussten Anachronismus verkaufen …
Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 2/2026.







