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Kritik

„I Am Not Okay With This“ auf Netflix: Zynische Sci-Fi-Serie im Vintage-Look

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Eine Coming-of-Age-Geschichte mit ein paar Mordfantasien – das hatte auch schon die 2017 gestartete Brit-Serie „The End of the Fucking World“ ausgemacht. In dem neuesten Netflix-Original von dem Engländer Jonathan Entwistle kommen dieses Mal noch ein paar unlenkbare übernatürliche Fähigkeiten hinzu. Und genau diese frische Mischung macht „I Am Not Okay With This“ zu einem echt unterhaltsamen zweieinhalbstündigen Binge-Erlebnis.


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Grüße gehen raus an Stephen Kings „Carrie“

Gleich in der ersten von sieben knapp 22-minütigen Folgen setzt Protagonistin Sydney Novak (Sophia Lillis, bekannt aus „Es“ und „Sharp Objects“) den Ton fest. Aus dem Off hören wir den knackigen Satz: „Dear diary, go fuck yourself!“ Dazu sehen wir die 17-Jährige von oben bis unten mit Blut besudelt eine leere Straße entlanglaufen. Ganz so, als würde es sich hier um ein Remake der Stephen-King-Story „Carrie“ handeln. Aber anstatt uns hier einen klassischen Horror über Satans jüngste Tochter zu präsentieren, zeigt schon die nächste Szene einen Normalo-Schultag eines Mädchens, das nicht weiter auffallen möchte. In der Schule gehört sie zu den Außenseitern, ihr Vater hat sich im hauseigenen Keller das Leben genommen und so richtig sicher ist sie sich noch nicht, was ihre Sexualität angeht – das alles reicht Syd, um sich weniger um das Außen und lieber mit ihrem Inneren zu beschäftigen. Seit Neuestem eben in Tagebuchform.

In dieses Tagebuch schreibt sie dann auch hinein, was für Ausmaße neuerdings ihre schlechte Laune annimmt. Denn wenn die Wut hochbrodelt, kommt es vor, dass die Dinge auf ihrem Schreibtisch zu schweben beginnen oder sogar ein Tier stirbt. Beunruhigende Entwicklungen, die Syd mit niemandem teilen will. Nicht mal mit ihrer besten Freundin Dina (Sofia Bryant). Doch da hat sie nicht mit Stan (Wyatt Oleff in bester Timothée-Chalamet-Manier) gerechnet, der ein Auge auf sie geworfen hat und ihr quasi auf Schritt und Tritt folgt. Aber anstatt sich vor ihren Superhelden-Fähigkeiten zu fürchten, befeuert er diese und schnell entsteht so etwas Ähnliches wie eine Freundschaft zwischen den beiden.

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Oft genug bedient die Serie Coming-of-Age-Klischees – unsere Hauptfigur ist eine Eigenbrötlerin, die wenig Freund*innen hat, sich schlecht mitteilen kann und speziell mit dem Schulliebling aneinandergerät. „I am Not Okay With This“ lebt aber nicht von dem Erfüllen der Stereotype, sondern von den Sci-Fi-Momenten, die immer dann dazwischen schießen, wenn es zu highschool-schmusig wird. Sachen, die im Supermarkt aus den Regalen fallen, sind da die harmloseste, aber visuell schon mal sehr effektive Variante. Sehr bald wird es auch blutiger und gemeiner. Ohne spoilern zu wollen: Eine zweite Staffel mit noch weitaus heftigeren Szenarien sollte bei dem Cliffhanger nach Episode 7 gesichert sein.



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