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„Es“-Kritik: Ein Horrorclown rettet Hollywood und Stephen Kings Ehre

Wer hätte gedacht, dass der Heilsbringer des Kinojahres 2017, der nach einem besucherschwachen Sommer wieder die Kinos füllt, so widerlich aussehen würde? Gefletschte Zähne, bizarres Make-up und dämonische Augen hat Pennywise, der Horrorclown, der in der zweiten Verfilmung des King-Romans „Es“ vom eher unbekannten Bill Skarsgård gespielt wird und die ikonische Rolle von Tim Curry übernimmt. Dabei ist der Clown an sich der unwichtigste Aspekt von „Es“, nicht viel mehr als eine Fantasie und visuelle Notlösung für die Themen, die King in dem Buch anging. Um einen Hype zu kreieren ist die grinsende Fratze allerdings perfekt. Die halbe Welt kennt den Clown, selbst wenn sie weder den Roman gelesen oder die erste Verfilmung aus den 1990ern gesehen hat.

Kokain war Stephen Kings Co-Autor

Bilder von Pennywise und seinen roten Luftballons geistern seit Monaten durch die sozialen Netzwerke, der Trailer zum Film stellte einen neuen Klickrekord auf. Finanziell wäre „Es“ für das Studio Warner Bros. wohl auch ein ein gigantischer Erfolg geworden, wenn der Argentinier Andrés Muschietti ihn nur seelenlos und auf den schnellen Horror abzielend abgedreht hätte. Hat er aber zum Glück nicht – ganz im Gegenteil: „Es“ strahlt eine Leidenschaft zur hier erzählten Geschichte aus, die im heutigen Blockbuster-Segment oft abhanden kommt. Weil Superhelden eben nur Stichwortgeber für Computereffekte sind und sich die Geschichten von „Star Wars“ und anderen großen Franchises im Kreis zu drehen scheinen.

Aus Stephen Kings Roman könnte man wahrscheinlich etliche Filme, allesamt mit einem anderen Tonfall und anderen Schwerpunkten, ableiten. 1.500 Seiten hat das Buch, es erzählt zugleich aus den 1950ern und den 80ern, wirft Rückblenden in verschiedene Jahrhunderte ein. „Es“ verwandelt sich darin in einen Leprakranken, der einem kleinen Jungen Oralsex anbietet, der Ehemann einer Protagonistin erinnert sich mit Genuss daran, wie er sie mit nackter Gewalt in die Ehe geprügelt hat, Kinder an der Schwelle zur Pubertät haben eine Orgie im Dreck der Kanalisation, gefühlt 80 Figuren bekommen zumindest einen Abriss eines gesamten Lebens zugeschrieben. King hat es mit „Es“ in jeder Hinsicht übertrieben, seine damalige Kokain-Sucht müsste eigentlich als Co-Autor auf dem Cover stehen.

Die Produzenten der Neuverfilmung mussten also gehörig ausmisten. Die vielen Momente, in denen King in Perversionen abdriftete, sind weg, einige unnötig lang erklärte Hobbys und Charakterzüge der Protagonisten ebenfalls. Oder hat sich irgendjemand dafür interessiert, dass Stan Uris Hobby-Ornithologe ist? Am wichtigsten war aber der Entschluss dazu, die Geschichte in zwei Filme aufzuteilen und 2017 ausschließlich die Geschichte der sieben Kinder zu erzählen, die in der Kleinstadt Derry den Club der Loser gründen, ihre Ängste überwinden und „Es“ in das Loch prügeln, aus dem es gekommen ist. 2019 folgt dann ein zweiter Film, in dem die Loser erwachsen sind und nach Derry zurückkehren. Die erste Verfilmung des Stoffes verhob sich bei dem Versuch, Vergangenheit und Gegenwart zu verbinden und scheiterte dramaturgisch lehrbuchartig. Generell ist „Es“ aus dem Jahr 1990 ein völlig verklärter Film: Bis auf Tim Curry als Pennywise hatte er nichts zu bieten, Effekte und vor allem die Dialoge der erwachsenen Darsteller um John Ritter waren unterirdisch.

Ein Drama mit untypischer Geduld

Muschiettis Neuverfilmung fühlt sich nur selten an wie ein Horror-Film, sondern vielmehr wie „Stand By Me“, ebenfalls eine King-Adaption. Damit die Zuschauer leichter nostalgisch werden, wurde die Storyline der Kinder von den 50ern in die 80er verlegt. Der Clown ist sowieso nur eine Illusion, deshalb konzentriert sich „Es“ mit für die Generation YouTube untypischer Geduld auf das Formen von Bev, Stan, Ritchie, Bill, Ben (der heimliche Star), Mike und Eddie. Die Neuverfilmung dichtet die Kinder im Vergleich zur Buchvorlage zwar ein wenig um, nimmt sich aber auch Zeit für die Teils schrecklichen Elternhäuser oder ganz gewöhnlichen Ängste, die sie zu Außenseitern machen. Kinderdarsteller – oft der Kuss des Todes für einen ernsten Film – waren lange nicht mehr so gut und glaubwürdig wie hier. Muschietti beschäftigt sich ausgiebig mit den Ängsten der Kinder, die sich dann eben im Clown und den anderen Illusionen des mystischen Wesens manifestieren, das die Stadt Derry heimsucht.

„Es“ war zu Großteilen ein Roman über kaputte Kindheiten, genau diesen Aspekt übernimmt das Remake bravourös, selbst wenn nicht jede Szene funktioniert. Henry Bowers – ein Schulschläger, der bei King ähnlich viel Schrecken verbreitet wie Pennywise – ist im Film zu schablonenhaft, die „Die apokalyptische Steinschlacht“, in der die Loser gegen ihre Peiniger aus der Schule aufbegehren, entfaltet keine emotionale Wucht. Die gravierendste und vielleicht einzig nennenswerte Schwäche des Films sind allerdings die Szenen, in denen „Es“ dann tatsächlich Horror verbreiten soll. Wenn dem kleinen Georgie in der berühmten Anfangssequenz der Arm abgerissen wird, als Pennywise ihn in die Kanalisation locken möchte, ist der Film herrlich düster und der Vorlage entsprechend kompromisslos. In den folgenden schaurigen Momenten, in denen die Zuschauer durch blankes Entsetzen in den Sessel gedrückt werden möchten, setzt der Film allerdings auf die im Mainstream-Horror üblichen Jumpscares, in denen laute Geräusche Schrecken erzeugen sollen– leider vergeblich.

Dennoch – und das wird vor allem Stephen King freuen – bleibt „Es“ eine der besten Verfilmungen seiner Bücher. In den 80ern und frühen 90ern kamen viele überhastet produzierte TV-Filme mit seinen Geschichten auf den Markt, zuletzt wurden „The Mist“ (als TV-Serie) und „Der Dunkle Turm“ mehr als enttäuschend verfilmt. King wurde zur Ein-Mann-Werbearmee für die lieblose Verfilmung seines Lebenswerkes und büßte einen Teil seiner Reputation ein. „Es“ ist nun genau der Film, den der Autor braucht. Und Hollywood und das Publikum sowieso.


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