ME.HELDEN

Jim Morrison ist der Pin-up-Boy der Rebellion

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Seinen legendären Bühnen-Look hatte er sich vom Hollywood-Stylisten Jay Sebring entwerfen lassen, der übrigens später beim Massaker in Sharon Tates Villa erstochen wurde: Ein unschuldig weißes Hemd, eine verrucht enge Lederhose – und ein sogenannter Navajo-Gürtel mit metallenen Conchos, wie ihn auch die Ureinwohner trugen. Dieser Wildheit suggerierende Rocker-Look prägt das Image von Jim Morrison noch heute, abgedruckt auf Millionen von T-Shirts, Tassen und Postern, romantisch und rebellisch, bis in den Tod und darüber hinaus.

Frauen wollten ihn, und Männer wollten sein wie er

Dies alles floss ein in die Performance der Doors, mit denen es unterdessen steil aufwärts ging. Ihr Debüt (The Doors, 1967) mit der Single „Light My Fire“ erregte so viel Aufmerksamkeit, dass es für den Nachfolger (Strange Days, 1967) bereits 500.000 Vorbestellungen gab. Ihre TV-Auftritte gestalteten sich skandalös genug. In der Ed-Sullivan-Show sang Morrison das Wort „higher“, um ein Publikum hellhörig zu machen, das genau auf eine solche Band gewartet hatte. Im Prinzip lieferten die Doors einen handelsüblichen, aber flexiblen Bluesrock, mal wuchtig, mal verspielt. Sie hatten ein Händchen für Pop, entwickelten aber vor allem dann einen fast beängstigenden Sog, wenn sie ihren psychedelischen Neigungen nachgaben. Dazu kamen die Texte eines Sängers, der sich als Dichter sah und tiefer gründeln wollte, als es damals üblich war. Eben erst hatte Bob Dylan die Lyrics als Kunstform quasi erfunden, da führte Morrison so unterhaltsame Themen wie den Ödipuskomplex in die Rockmusik ein: „Father! Yes, son? I want to kill you! Mother, I want to …“ sang er in „The End“, und solches hätte heute noch kein geringes Skandalpotenzial. Schließlich war da der Sänger selbst, mit einem Bariton wie ein Bärenfell, rau, aber warm. Frauen wollten ihn, und Männer wollten sein wie er. Die dicken schwarzen, langen Haare, die weiße Haut, die blaugrauen Augen, die hohlen Wangen, die spöttischen Lippen. Diese sinnlichen, sarkastischen Texte, die sich so lasen und anhörten, wie James Dean aussah. In Vietnam tobte der Krieg, in Ohio wurden demonstrierende Studenten von der Nationalgarde erschossen, und die Doors lieferten den düsteren Soundtrack zu dieser düsteren Zeit. Sie entführten ihr stetig wachsendes Publikum nicht nach Happy-Hippie-Land, sondern in die feuchten Verliese des Unterbewussten, des Begehrens und des Verfalls. Über seinen eigenen Tod sagte der zeitlebens vom Sterben Besessene damals: „Ich möchte wissen, wie es sich anfühlt. Ich möchte es schmecken, hören, riechen. Der Tod ist etwas, das dir nur ein einziges Mal zustößt. Ich möchte es nicht verpassen.“

The Doors' WAITING FOR THE SUN erschien am 3. Juli 1968.
The Doors‘ WAITING FOR THE SUN erschien am 3. Juli 1968.

Spätestens mit WAITING FOR THE SUN hatte Jim Morrison den Schauspieler Marlon Brando als Sexsymbol seiner Generation abgelöst. Und trotzdem liefen die Dinge ab hier aus dem Ruder. Ein Problem könnte nun gewesen sein, dass Morrison lieber als Arthur Rimbaud des 20. Jahrhunderts wahrgenommen worden wäre. Er zog endlich die schreckliche Lederhose aus, ließ sich einen Bart wachsen, ließ seinen Alkoholproblemen freien Lauf und legte daher deutlich an Gewicht zu. Sein – wie immer – ernsthafter Versuch, als ernst zu nehmender Lyriker wahrgenommen zu werden, scheiterte an der Sachlichkeit der Literaturkritik, die ihm gerade mal „ein gewisses Talent“ zugestehen mochte. Und er scheiterte fatal bei einer Lesung im Fernsehen, die als Fiasko endete. Ihm fehle die „notwendige Sicherheit“ der Musik, erklärte er noch, bevor er aus dem Studio schlich. Seinen Gedichtband „An American Prayer“ verlegte er schließlich selbst und verschenkte ihn an Freunde.

The Doors – The End (Toronto, 1967) auf YouTube ansehen

Dieser misslungene Flirt mit dem Establishment trieb ihn endgültig in die Arme der Gegenkultur. Als dessen Ikone tat er nun alles, um das Establishment zu brüskieren: „Ich bin an allem interessiert, was mit Revolte, Ungehorsam und Chaos zu tun hat – speziell an Aktivitäten, die keinen Sinn zu ergeben scheinen. Ich glaube, das ist der einzige Weg zur Freiheit. Statt im Inneren anzufangen, fange ich im Äußeren an und erreiche das Geistige durch das Physische.“



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