ME.HELDEN

Jim Morrison ist der Pin-up-Boy der Rebellion

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Den Jim Morrison jener Tage müssen wir uns als einen vollkommen ironiefreien Menschen vorstellen. Zumindest seine Selbsterfindung verfolgt er mit einem glühenden Ernst, der die Aufbruchsstimmung seiner Ära widerspiegelt. In „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ erklärt Nietzsche zwei griechische Götter zu den entscheidenden Polen des Lebens: Hier der rauschhafte, urwüchsige und zügellose Urwille, verkörpert in Dionysos; da die gestaltende, harmonische, ebenmäßige Kraft, verkörpert in Apoll. Laut Nietzsche existiert der Mensch im Spannungsfeld zwischen dem Dionysischen und dem Apollinischen. Das Motto „Sex, Drugs und Rock’n’Roll“ war in den Sechzigerjahren nicht nur das Credo der noch jungen Rockmusik, es war im Wesentlichen eben auch dionysisch. Jim Morrison, äußerlich von durchaus apollinischer Schönheit, muss Nietzsches Worte über das Dionysische wie eine direkte Regieanweisung gelesen haben, als eine Blaupause für sein künstlerisches Dasein, als eine Blaupause für jenen Urtyp des ersten, echten Rockstars.

Diese Kunstwerkwerdung gehört, siehe Lady Gaga, heute zum oberflächlichen Grundwortschatz des Pop – Jim Morrison hat sie als einer der ersten Künstler ernsthaft betrieben. Das Düstere, Abgründige dabei muss den Hippies entgangen sein, die in ihm einen ihrer Säulenheiligen erkennen wollten. So manisch Morrison seine Selbsterfindung betrieb, so zielgerichtet ging er dabei zu Werke. Es ist viel geschrieben worden über eine legendäre Fotoserie, in der Morrison frappierend den Abbildungen glich, die es auf Münzen oder als Statuen vom makedonischen Feldherrn Alexander dem Großen gibt. Dieser soll an der Ermordung seines Vaters beteiligt gewesen sein und seine Mutter begehrt haben. Er eroberte Griechenland und den Nahen Osten, marschierte in Ägypten ein, unterwarf Persien und unternahm Expeditionen bis nach Afghanistan und Indien, bevor er – viel zu jung und wahrscheinlich nach einem exzessiven Besäufnis – in Babylon starb. Morrison kannte die Abbildungen von Alexander, und für die Fotos ließ er sich eigens die Haare so ondulieren, wie Alexander sie trug. Ironischerweise drehte der Regisseur Oliver Stone nicht nur „The Doors“ mit Val Kilmer in der Hauptrolle, sondern einige Jahre später auch „Alexander der Große“ – mit Val Kilmer als dessen Vater Philipp.

Bei Auftritten schlüpfte Morrison gerne in die Rolle eines Schamanen.
Bei Auftritten schlüpfte Morrison gerne in die Rolle eines Schamanen.

Neben seiner bewusst erotischen Inszenierung als junger griechischer Halbgott bemühte sich Morrison aber auch auf sprichwörtlich geistiger Ebene um Glaubwürdigkeit. So schlüpfte er auf Konzerten in die Rolle des Schamanen, der im primitiven Tanz einen Kontakt zur Welt der Geister und Dämonen herstellen kann. Nun ist der Schamane, wie Morrison zweifelsohne wusste, in primitiven Kulturen eine Art Proto-Priester, der initiiert werden muss. Sein eigenes Initiationserlebnis sei es gewesen, im Alter von vier Jahren zum Zeugen eines blutigen Verkehrsunfalls geworden zu sein, bei dem, irgendwo zwischen Albuquerque und Santa Fe, ein Lastwagen voller Indianer sich überschlagen hatte, die nun sterbend auf der Straße lagen. Er selbst schilderte das traumatische Erlebnis so: „Das Auto bremste ab und stoppte. Das war das erste Mal, dass ich Angst verspürte. Ich muss so um die vier Jahre alt gewesen sein – Mann, wie ein Kind, das wie eine Blume ist und seinen Kopf in einer Brise wiegt. Die Folge davon ist, dass ich heute zurückblicke und überlege – das sind die Seelen der Geister dieser toten Indianer … vielleicht einer oder zwei von ihnen … die damals ausgeflippt herumrannten und in meine Seele sprangen. Und dort sind sie noch immer.“

Zwar widersprach Morrisons Familie dieser Darstellung des Vorfalls. Frühkindliche Erinnerungen aber haben eine eigene Dynamik. Die Geschichte erinnert in ihrer emotionalen Wucht an den legendären Mythos von Ur-Blueser Robert Johnson, der an einer Kreuzung in Coahoma County seine Seele an den Teufel verkauft haben soll. Morrison jedenfalls überließ auch hier nichts dem Zufall.

Michael Ochs Archives


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