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Von Ponys und Dollars

Ein Dokumentarfilm über das Spannungsfeld zwischen kulturellem Anspruch und Wirtschaftlichkeit in der Festivalindustrie

Popkolumne, Folge 116

Koksspaß und Bumslaune – Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Während man in Köln noch früh zu Hause sein muss, um dann die Hände über der Bettdecke behalten zu müssen, ist in Berlin schon Sexpower pur angesagt und deswegen fuhr ich hin. Okay, ich bin natürlich wegen was anderem hin, bitte schickt keine fiesen DMs wegen Coronatourismus oder so. Aber es war schon seltsam, im über Brücken einfahrenden Zug zu sitzen und damit über hunderten angetrunkenen unbemaskten Leuten zu schweben.

Als ich dann ausstieg, wurde ich mit meiner Maske komisch angeguckt, kurz habe ich überlegt, ob ich mir das alles (Pandemie) nur eingebildet hatte. Naja, es war Pfingsten und die Außengastronomie wieder auf und alle bewegten sich so selbstverständlich durch die Biergärten und Straßen und vor den Spätis, als wären sie nur eine Weile im Freeze gewesen.

Während manche Menschen genau dort anknüpfen können, wo sie vergangenen Herbst aufgehört haben, gibt es aber nicht wenige, denen das Angst macht. Weil sie durch die Skandalisierung jeder Mini-Info in ständiger Panik leben und diese nicht so einfach loswerden, weil sie ahnen, dass es noch nicht vorbei ist oder weil sie jetzt keine allgemein akzeptierte Ausrede mehr haben, um irgendwo nicht hin zu müssen. Habe das jetzt schon von vielen so gehört, natürlich sagen sie das hinter vorgehaltener Hand und schämen sich, weil ein Teil von ihnen irgendwie länger Pandemie will, nur ohne die Krankheit und das Sterben, aber doch eben irgendwas, um sich aus dem Rädchen entfernen zu können. Das ist vollkommen okay und wir sollten drüber reden, warum das so ist. Und nee, niemand sollte sofort und überhaupt immer funktionieren müssen.

Geil der Woche: ESC

Man kann sich auch erstmal ganz entspannt vorm Fernseher angeilen lassen. Das taten viele, es war schließlich ESC.

Ausgehungert posteten auch die zynischsten, langweiligsten Rockonkel, dass sie in diesem Jahr dann doch mal dabei sind und so gut wie alle waren sich auch einig, dass die Siegerband aus Italien, Måneskin, total hot und lässig ist. Niemand hat sich beschwert, alle fanden den Gewinn berechtigt. Es verschwammen auch sexuelle Präferenzen, alle waren bereit, sich von den Italiener*innen … na ja. Doch dann das!

Während es erst durch Twitter als Joke herum ging, waren spätestens am nächsten Morgen alle sicher: Der Sänger hat sich ’ne Line Koks live on air geballert. Natürlich war es nicht so, er hat einfach nur auf den Boden geguckt, weil ein Glas kaputt gegangen ist. Die Band war entsetzt über die Koks-Vorwürfe, es gab direkt ein Statement in den sozialen Medien und auf der Pressekonferenz und man wollte sich einem Drogentest unterziehen, um zu beweisen, dass das mit der Kokserei nicht stimmt und überhaupt sind ja Drogen auch schlecht, buhu. Es gab sogar irgendwelche Analyseleute, die Videos drehten, in denen ganz genau erklärt wurde, dass es nicht sein kann, weil der Gegenstand xy so und so im Raum steht und die Hände die und die Bewegung machen, blablabla.

So kann man einen schönen Witz, ein lustiges Bild und einen schnellen Kultstatus auch kaputtmachen. Blödes Besserwisserinternet. Wenigstens bleibt die Geilheit, wobei mir persönlich die Leutchen von Måneskin zu jung sind und zu sehr nach gecasteten Models für ein Biopic über eine 70er-Jahre-Band aussehen, aber wenn mehr Leute ihre Queerness entdecken, ist das doch was.

Generationsterminus der Woche: „Cheugy“

Okay, also irgendwo stand, dass „cheugy“ zu erklären bereits „cheugy“ wäre und da ich es ohnehin nicht begreife, beziehungsweise die ganze Sache darauf angelegt zu sein scheint, dass man es nicht versteht, ist wahrscheinlich eh alles egal. Hä?

Noch mal anders: Es gibt ein neues Wort, das man gerade versucht zu etablieren und das heißt „cheugy“. Im Grunde bedeutet es eigentlich nichts anderes als out. Aber es wird dann doch sehr konkret und bezieht sich zum Beispiel auf Sachen wie Minion-Memes, Motivationssprüche auf Shirts und Tafeln, Starbucks und Lasagne (?).

Zum ersten Mal tauchte das Wort bereits vor Jahren auf, jetzt versuchen es TikToker*innen noch mal richtig in die Welt zu katapultieren, aber es wird wahrscheinlich aufgrund seiner Schwammigkeit schwierig. Ich glaube, es sind irgendwie Sachen gemeint, die in den 10ern gehypt und zu viel vermarktet wurden, die aber voll basic sind, also irgendwie mainstreamig, und damit zu uncool für superurbane junge hippe Leute, die genug Kohle für den richtigen Vintagestuff ausm Second-Hand-Laden haben und einfacheren Zugang zu kulturellem Kapital. Bin ja sonst Fan von jeder Generationskonkurrenzkasperei, aber dieses krampfige Konstruieren von Phänomenen und Wörtern ist hoffentlich etwas, was die Generation Z eines Tages von ihren Nachfolger*innen vorgeworfen bekommt.

Aber vielleicht werdet ihr schneller schlauer. Dieser Instagram-Account sammelt Sachen die „cheugy“ sind:

 

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Buch der Woche: Jia Tolentino – „Trick Mirror“

Apropos Generationen. Dieses Buch ist eine Millennial-Offenbarung. Klingt erstmal nach einem Alptraum, ist aber gut. Jia Tolentino, New Yorker Autorin, beschreibt in dieser Essay-Sammlung, was das Internet mit uns macht, vor allem mit uns, die in ihrer Kindheit noch relativ analog (mit Kassetten und so) aufgewachsen sind, nur um dann als Teenie komplett im Internet aufzugehen und von ihm bestimmt zu werden.

In „Trick Mirror“ geht es vor allem darum, dass es für unsere Generation nicht mehr auseinanderzuklamüsern ist, was wir selbst und das eigene ist und was das Bild von uns, die Darstellung. Unsere Identitäten und Persönlichkeiten gestalten das Internet und andersrum und wir können uns selbst kaum noch ohne den Blick der Welt auf uns betrachten. Dabei wird’s hier und da schwierig noch zu unterscheiden, was echt ist und was nicht und wo wir verpasst haben, zu merken, dass wir nicht nur konsumieren, sondern selbst konsumierbar geworden sind. Ziemlicher Mindfuck, erschreckend und so. Und trotzdem ist Tolentino nicht moralisch und dystopisch, auch wenn sie deutlich macht, dass es da eigentlich keinen einfachen Weg mehr raus gibt.

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Außerdem beschreibt sie das Dilemma, das ich mit ihr teile: Ohne das Internet und seine Vermarktungsscheiße hätten wir beide wahrscheinlich heute nicht den Job, den wir jetzt haben. Ohne es gemerkt zu haben, weil wir eben als ganze Generation da reingerutscht sind, haben wir uns für die Außendarstellung optimiert und können uns nicht mehr komplett offline denken. Und auch politischer Aktivismus verkommt zu einem Tool der Selbstdarstellung und -vermarktung. Hat man ja in den vergangenen Wochen und dem oberflächlichen Umgang in den sozialen Medien mit dem Nahostkonflikt gesehen, wo teilweise so getan wird, als müsste man sich für eine Fußballmannschaft entscheiden und sich dann als Fan darstellen. Ich bin aber etwas optimistischer als Tolentino und glaube, wir können es da raus schaffen, aber das geht halt nur durch die Bewusstwerdung, zu der sie mit „Trick Mirror“ einen großen Teil beigetragen hat. Ich muss nun für eine Weile in die Berge, nachdenken.

Serientipp der Woche: „WandaVision“

Ihr könnt euch bis dahin schon mal „WandaVision“ gönnen, wobei ihr zumindest die letzten beiden „Avengers“-Filme gesehen haben solltet um was zu raffen. Die Serie ist komplett verrückt, aber sehr entzückend, deep, schön und so.

Wanda (Elizabeth Olsen) hat sich eine heile Sitcom-Welt errichtet, um ihren verstorbenen Liebsten Vision (Paul Bettany – fast 20 Jahre älter als die weibliche Protagonistin, warum machst du das ständig, Marvel?), zu konservieren und mit ihm das Leben zu führen, das sie sich erträumt hatten. Dafür hat sie die Stadt „Westview“ okkupiert und alle dort Lebenden müssen mitspielen und werden kontrolliert. Obwohl in der „echten“ Welt nur Tage vergehen, vergehen in der Serie Jahre beziehungsweise Jahrzehnte, zumindest ästhetisch. Es gibt Serienanspielungen auf „Alf“, „That 70s Show“, „Full House“, die Kardashians und viele viele mehr.

Natürlich gönnt man beim FBI Wanda ihre schöne Welt nicht und versucht Kontakt zu den Insassen von Westview aufzunehmen und dann wird auch noch Vision misstrauisch. „WandaVision“ ist damit irgendwie ein Mix aus Truman-Show, Pleasantville und eben allen amerikanischen Sitcoms. Aber es sind vor allem Elizabeth Olsen und Kathryn Hahn (die Wandas Nachbarin spielt), die das ganze zur bisher besten Serie des Jahres machen. Und natürlich der Umstand, dass selten so ausführlich und ungewöhnlich Trauer in so einem Superheldenkosmos thematisiert wurde.

Und zum Schluss: Habe lustigen Satz gelesen, von dem man nicht mehr nachvollziehen kann, wer ihn zuerst geschrieben hat, aber das ist heutzutage öfter mal so. Er geht so: „Bitcoin is astrology for men“.

Hehe.

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