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Kolumne

Gedanken zum Gegenwärtig*innen, Folge 1: Hits Anders

von
Julia Friese
Julia Friese

Die Hits der Sechziger. Siebziger. Vielleicht noch Achtziger. Das ist der größte Vorwurf gegen den Musikjournalismus. Und die ihm zu Grunde liegende Annahme, alles, was Bedeutung hat, sei schon passiert. Was gerade ist, ist nichts. Der Mensch neigt dazu, das Gestern aufzublasen, das Jetzt dagegen kaum wahrzunehmen. Denn es ist verfügbar statt nostalgiefähig. Also egal. Gerade ist genau das anders. Unsere Gegenwart scheint nun später tatsächlich Geschichte zu werden. 2020 hat es gezeigt, 2020 „hit different“ (SZA). Zeit also, sich die popkulturelle Gegenwart genau anzugucken. Was passiert. Und wie und warum hängt das alles zusammen? Drei Beobachtungen.

1.auf den Punkt

Literatur erscheint 2021 gegenwärtig, wenn sie einfarbig ist und von geometrischen Formen kontrastiert wird. Diese Covergestaltung ist eine Wiederkehr aus 2011. Sowohl Tino Hanekamps als auch Leif Randts Hit-Romane erschienen damals weiß und mit Viereck auf dem Cover. Randts mittlerweile nostalgie­fähige Gegenwartsbeschreibung „Allegro Pastell“ (2020) erschien mit einem Sechseck auf goldenem Grund. Auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises standen Dorothee Eleminger mit pink pulsierendem Ei auf Orange, sowie Olivia Wenzel mit Punkten auf gelbem Grund. In diesen Tagen erscheinen nun Hengameh Yaghoobifarah mit roter Kreis auf Pink, sowie Juliane Liebert mit verrutschtem Rot auf Flieder-Grund.

2. choose your fighter

Auch musikalisch kristallisieren sich gerade zwei Kontraste heraus. Zwei Arten, von der Gegenwart zu singen. Künstler*innen lassen sich in Aktivist*innen und Hedonist*innen einteilen. Zu den Hedonist*innen gehört Lana Del Rey. CHEMTRAILS OVER THE COUNTRY CLUB heißt ihr neues Album. Chemtrails sind eine der Hit-Verschwörungstheorien der Neunzigerjahre. Herkömmlichen Kondensstreifen am Horizont wird angedichtet, genau das nicht zu sein. Sondern eine absichtliche Absonderung von Chemikalien. Eine Vergiftung. Wie ein Virus. Oder ein Impfstoff. Im Videoclip beobachtet Del Reys Protagonistin die Chemtrails aus nächster Nähe. Mit Freundinnen. Im sorglos umzäunten Country Club. Ihre Handschuhe sind nicht Latex, sie sind Spitze. Hedonist*innen besitzen eine höhere Anonymität Querdenker*innen zu werden. Denn die brauchen eine Rechtfertigung für ihre inaktuelle Haltung: gemeinsam abhängen. Damit sind sie offenfür Okkultes und Esoterisches, das sie ganz (heil-)praktisch mit dem „Natürlichen“ verwechseln. Del Reys Protagonistin verwandelt sich gen Ende des Song zu einer wild feiernden Werwölfin. Feiern ist heute anders. Ist ziviler Ungehorsam – und der war nur gestern links. Die hedonistische Erzählperspektive der Krise erregt Kritik – und so Aufmerksamkeit. Viel mehr als die der Aktivist*innen wie Ani DiFranco, die auf ihrem neuen Album REVOLUTIONARY LOVE singt: „I will see no stranger. Only parts of myself, I don’t know yet.“ Zeilen, die das Miteinander im Abstand sehen und langweiliger wirken, weil sie Schulterschluss mit dem Staat bedeuten, der heute Vernunft bedeutet. Denn mein gesunder Körper wird dein gesunder Körper sein.

3. weiche Ziele

Wenn plötzlich alles anders ist, sucht man Schutz. In Berlin tragen die Menschen zu aufgeblasenen Airbag-Jacken Schals, die um Hals wie Kopf gewickelt werden. Wie ein Foulard. Wie Audrey Hepburn in den Fünfzigern, die das Tuch einst vom Schmutz-Abweiser zum ItPiece umdeutete. Ilgen-Nur wickelte sich schon vergangenen Herbst ein Tuch um den Kopf und Brexit-Kritiker Slowthai wurde mit Union-Jack-Sturmhaube zum Gegenstand jüngster Pop-Ikonographie. Auf Instagram schickt man sich nun Anleitungen, wie man sich eine Balaklawa – also eine Sturmhaube – strickt, die wie der Foulard den Mund freilässt. Halb Slowthai, halb Hepburn. Haare sind nicht mehr sichtbar, der Kopf ein bunter Punkt. Ein Cover aus Wolle und FFP2. Lana Del Reys Hedonistin im Country Club wiederum trägt privilegierte Verweigerung: einen durchlässigen Mundnasenvorhang aus Diamanten. Einen, den sie immer wieder absetzt.

Julia Frieses Kolumne „gedanken zum gegenwärtig*innen“ erscheint seit der Ausgabe 03/2021 monatlich zuerst im gedruckten Musikexpress.


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