Highlight: Mittelmäßige Rocker und Comedians: Die Foo Fighters besitzen die Coolness von bierseligen Lehramtsstudenten

Popkolumne, Folge 8

Posthume Jogginghosen-Witze, Bilderbuch, True Fruits, „Umbrella Academy“ und mehr: Die Popwoche auf einen Blick

LOGBUCH: Kalenderwoche 08/2019

Endlich den zu Weihnachten geschenkten Spiralschneider ausprobiert. So kann man sein tägliches Pfund Nudeln mit Zucchini-Streifen strecken. Kurz Panik bekommen, dass ich so doch noch das Rentenalter erreichen könnte. Weia, das wird natürlich bitter ohne Altersvorsorge. Daher nun tagsüber mit Rauchen begonnen.

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TOD DER WOCHE: Karl Lagerfeld (†19.02.2019)

Die unzähligen Postings zum Tode Lagerfelds sagten in den allermeisten Fällen nichts über den Verstorbenen, sondern lediglich über Social Media im Allgemeinen und die Humorverfasstheit des jeweiligen Users im Speziellen aus. Die Folge war ein dämlicher, redundanter Newsfeed, der sich anfühlte wie eine Kampagne für mehr Zeit jenseits des Bildschirms.

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LAUCHS DER WOCHE: True Fruits

Der heiß umgekämpfte Smoothie-Markt lässt seine Protagonisten anscheinend ziemlich verrohen. So wurde die Bonner Klitsche True Fruits schon mehrfach für ihre „freche“ (lies: diskriminierende) Werbung angegangen. Jüngst äußerte man sich seitens des Saftladens, wie „dumm“ man die Anfeindungen fände, dass Quoten die eigentliche Diskriminierung von Frauen seien und dass man gefälligst weitermachen werde wie bisher.

Kooperation

Wer sich gern von toxischen Smoothie-Herstellern triggern lassen möchte, dem empfehle ich dringend die gerade inflationär verfassten Stellungnahmen von True Fruits.

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AUSGELESENES BUCH DER WOCHE: FIL TÄGERTS „Mitarbeiter des Monats“

FIL gilt im nerdigen Big-Styler-Kosmos als mindestens so lustig wie Studio Braun. „Mitarbeiter des Monats“ (Rowohlt) ist nach „Pullern im Stehen“ sein zweiter Roman an der Schwelle zur Autobiographie. Die pulsierend geschlechtsreife, jugendliche Hauptfigur arbeitet bei McDonald’s. Wer Fils Comics („Didi & Stulle“) kennt, kann in etwa erahnen, wie auch im Buch hier vermeintlich vorhersagbare Situationen lustvoll und manisch immer wieder ins Absurde gedreht werden. So sehen sich stets Erwartungshaltungen gesprengt und begonnene Gedanken kommen am Ende eines Absatzes absichtlich nicht dort an, wo sie eigentlich hinsollten. Auch dieses neue Buch kann ich nur empfehlen.

„Alle Manager trugen im Store ständig feinsten Zwirn. Da der Fettgeruch niemals aus den Klamotten rausging, ruinierten sie sich das Zeug doch. Und wofür? Für uns? Dass wir sahen: ‚Oh, là, là, beeindruckende Aufmachung. Klasse. Ja, die Chefs sind besser als wir‘? Das dachten wir natürlich nicht. Wir dachten: Die Idioten.“

 

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MEME DER WOCHE

Quelle: DeutschRap Memes

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SERIE DER WOCHE: „The Umbrella Academy“

„The Umbrella Academy“ ist eine neue Serie auf Netflix – und die ganz beflissenen Stubenhocker bingen das sofort weg und fabulieren uns dann einen Mikro-Hype zusammen. Dabei ist es nichts weiter als Stockholm-Syndrom, wenn man auf diese Sendung wirklich abgeilt. Versprochen wird eine Mischung aus „Royal Tenenbaums“, „X-Men“ und „Watchmen“. Kein Wunder, dass man bei solchen Vorschusslorbeeren die Chipstrommel entsichert und sich elegant wie ein See-Elefant auf die Couch wuchtet.

Die Story ist ja auch nicht mal schlecht: Unter mysteriösen Umständen geborene Kinder (#unbefleckte_empfängnis) wurden von einer Art Professor Xavier adoptiert und treffen bei dessen Beerdigung wieder zusammen. Alle haben Probleme und Superkräfte.

Anschauen muss man sich das dennoch nicht. Denn jede Szene ist zugemüllt mit der dümmsten Emotions-Verstärker-Soßen-Mucke – von dem Kaffeewerbungs-Weichzeichner auf den Bildern gar nicht zu reden. Selbst ein Fantasy-Quatsch-Sidekick wie der Affenbutler (!) muss ständig bedeutungsschwere Sätze sagen und die gerade erst verklungenen Geigen setzen schon wieder ein.

Ein interessanter Plot kommt hier unter die Räder. Grund dafür sind die Zugeständnisse an einen filterlastigen Zeitgeist sowie an die unterstellte Doofheit des Zuschauers, dem der aufdringliche Soundtrack noch jede kitschige Gefühlsregung diktieren will. Von dem Mist spricht in vier Wochen niemand mehr. Lasst ihn an Euch vorüberziehen.

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VORSCHAU DER WOCHE: „The Dirt“

Ganz ehrlich, die Lektüre der politisch überhaupt nicht korrekten Mötley-Crüe-Band-Biographie „The Dirt“ hat mich durch die tristen Neunziger begleitet. Schonungslos, asozial, super-verwichst und mega-verdrogt. Eine einzige Selbstanzeige. Immer wieder wurde mit einer Verfilmung gedroht, nun gibt es einen ersten Trailer. Man sieht zwischen all dem Ausstattungs-Porn dabei sehr deutlich, dass es allerdings der titelgebende Schmutz nicht ins Projekt geschafft hat. Werde ich mir sicher ansehen – und es hassen. Was soll man machen!

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CLIP DER WOCHE: Friedemann Weise – „In der Kantine (gibt es heute Currywurst)“

Friedemann Weise ist Comedian, Songwriter und Vollbart. In dieser Woche hat er uns Menschen ein so unterhaltsames Video freigeschaltet, dass es glatt hier gehighlightet werden muss. Wer sein Unbewusstsein vor einem frohsinnig halbdebilen Langzeit-Ohrwurm verschließen möchte, sollte aber unbedingt NICHT klicken. Der Rest kann ja mal die prominenten Gastauftritte zählen. Ich esse persönlich kein Fleisch, habe allerdings gelesen, die Currywurst in diesem Song sei nur eine Metapher für das schöne Leben, oder so. Hoffe, das stimmt auch! In jedem Fall ab 22.02. erhältlich als Digital-Single beim Staatsakt-Label.

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PLATTE DER WOCHE: Bilderbuch – „Vernissage My Heart“ (VÖ 22.02.2019)

Im aufgebrezelten Zirkus der postironischen Hipster wird gerade vor Wonne gebrummt. Denn die Betreuer für die farbenfrohen und komische-Ketten-tragenden Studis sind aus dem Raucherzimmer zurückgekommen: Bilderbuch veröffentlichen – nur drei Monate nach MEA CULPA – ein neues Album. Und alle fühlen sich so doll gemeint, dass sie bei Social Media in diese Promo-Aktion mit dem Europapass ihre Fressen reinhalten und das dann auch noch teilen.

Nun ja, Ehre, wem Ehre gebührt. Bilderbuch sind eine Ausnahmeband, aber spätestens mit VERNISSAGE MY HEART in ihrer experimentellen Phase angekommen. Statt auf den Punkt cocky und geschmeidig zu sein, lässt man hier nun die Leine länger. Songausdehnungen an die zehn Minuten und sessionartige Instrumental-Parts sind die Folge. Ich hoffe, bei der Produktion dieses Ungetüms wurden viele Drogen verstoffwechselt. Klingt zumindest so.

Wobei ihr neuer Trademark-Sound, diese leicht schief modulierten Keyboards, zu MEA CULPA stabil geblieben ist. Ein sehr starker Wiedererkennungswert, auch wenn man hier „Macaulay Culkin“ von der Gruppe Golf heraushören kann. Dort konnte man jenen Schrägklang bereits vor etlichen Jahren antreffen. Das raubt Bilderbuch dennoch nichts an ihrer Sonderstellung im kontemporären Pop. Dafür zelebrieren sie ihre proto-erotische Spleenigkeit zu ausgiebig.

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DER VERHASSTE KLASSIKER: GORILLAZ

Gorillaz
„Gorillaz“
(VÖ 26.03.2001)

„…und die Musiker unserer Band – Achtung, jetzt kommt’s – das sind dann so Comic-Charaktere!“

Nicht unwahrscheinlich, dass man nach der ersten Flasche Wein so einen Stuss für eine total geniale Idee hält. Schließlich besitzt sie all das, was man als angesoffener Heini für smart hält: eine Cartoonband, die dem oberflächlichen Musikbiz den Spiegel vorhält. Oha! Am nächsten Tag mit dickem Kopf sollte man sich aber spätestens besinnen, dass es sich hierbei bloß um einen prätentiösen Haufen postmodernen Stuhls handelt.

Damon Albarn und seine Leute haben diesen Wake-Up-Call allerdings mutwillig verpasst und die Gorillaz Anfang der Nuller ins ranzige Game geschickt. Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber ich denke, es ist korrekt zu sagen, dass die Platte „Gorillaz“ 9/11 erst möglich gemacht hat.

Doch selbst wenn nicht: Wie anstrengend eitel alles darauf ist! Die total gefällige Inszenierung mit den Cartoon-Figuren als so mega-subversiv zu verkaufen, allein das nervt ja schon. Überhaupt alle Kapitalismuskritik, die sich dieses Projekt so bereitwillig überstülpen lässt, kann man einfach an der bloßen Tatsache messen, dass schon die allererste Single „Clint Eastwood“ noch im Erscheinungsjahr Soundtrack für einen Opel-Werbespot wurde. Aber „Clint Eastwood tröt-tröt-tuftä-wie-geil-es-ist!“ Ja, beruhigt euch. Dieses Stück ist in Wahrheit gar nicht super-abgehangen und lässig, sondern bloß super-rumpelig und verkifft.

Heute kann man das Album überhaupt nicht mehr hören, aber auch damals musste man über sehr schlechte Popkenntnisse verfügt haben, um diesen niedertourigen Laubbläser für einen Geniestreich gehalten zu haben.

– Linus Volkmann („Musikjournalist“)

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Linus Volkmann im Überblick.


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