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Portrait

Mary Wollstonecraft: Revolutionäre Autorin im Schatten ihrer Tochter

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Seit 103 Jahren besitzen Frauen in Deutschland das Wahlrecht, seit 40 Jahren ist es ihnen erlaubt, ein eigenes Konto zu eröffnen, seit 24 Jahren ist Vergewaltigung in der Ehe verboten und vor vier Jahren wurde der Grundsatz „Nein heißt Nein“ gegen sexuelle Belästigung im Strafgesetzbuch aufgenommen. Fortschritt? Jein. Was progressiv klingt, ist tatsächlich ein wahrlich kleiner Nenner eines jahrhundertelangen Kampfes. Am 08. März jährte sich der Internationale Weltfrauentag, oder besser gesagt Feministischer Kampftag – und noch immer müssen sich Frauen weltweit für ihre Gleichberechtigung und Anerkennung einsetzen. Gender Pay Gap, weibliche Altersarmut sowie sexuelle Belästigung und Missbrauch gehören für die meisten Frauen nach wie vor zum Alltag. Und das im Jahr 2021!

Anstatt sich jedoch der Wut und Frustration hinzugeben, möchte die Autorin dieses Textes den Monat im Zeichen der Frau und die Zeit danach stattdessen dafür nutzen, auf all die Pionierinnen aufmerksam zu machen, die die Welt verändert haben – und in Geschichtsbüchern dennoch häufig nicht vorkommen. Willkommen zur ME-Rubrik „FLINTA*, die mit ihrer Kunst die Welt verändert haben“. Ihr habt noch nie etwas von FLINTA* gehört? No worries: Der Begriff ist relativ neu und bezeichnet alle weiblich gelesenen Personen, die im Patriarchat diskriminiert werden – somit werden darunter nicht nur heterosexuelle cis-Frauen, sondern auch homo- oder bisexuelle, intersexuelle und nicht-binäre Frauen, sowie Trans- und agender-Personen miteingeschlossen.

Diese Woche im Portrait: Mary Wollstonecraft – die revolutionäre Schriftstellerin und Frauenrechtlerin im Schatten ihrer Tochter

Fast jede:r kennt „Frankenstein“; den im Jahr 1818 veröffentlichen Schauerroman von Mary Shelley. Die Geschichte über Viktor Frankenstein, der einen künstlichen Menschen erschafft, gilt als erster Science-Fiction-Roman aller Zeiten und wurde über die Jahrhunderte hinweg zu einem Klassiker der modernen Literatur. Zahlreiche Filme, Serien und Theaterstücke widmen sich nach wie vor dem in die Popkultur eingegangenen Werk – und auch dem Leben seiner berühmten Autorin, die zeitlebens durch ihre unkonventionelle Lebensweise aufgefallen ist. Was jedoch nicht viele Menschen wissen: Mary Shelleys nonkonforme Haltung zum Leben wurde stark von den revolutionären Denkweisen ihrer Mutter Mary Wollstonecraft beeinflusst. Wollstonecraft hatte sich schon früh vorgenommen, nicht zu heiraten – ihre höchste Priorität war die intellektuelle Weiterbildung, ihre Wissbegierigkeit war ihre größte Stärke. Ende des 18. Jahrhunderts ging sie nach Frankreich, um die Französische Revolution zu unterstützen und verliebte sich Hals über Kopf in einen amerikanischen Geschäftsmann, der ihre Prinzipien kurzzeitig zum Einsturz brachte. Und sie schrieb ein feministisches Manifest, dessen Wirkkraft und revolutionärer Inhalt seiner Zeit weit voraus war. Vorhang auf für Mary Wollstonecraft, die immer im Schatten ihrer berühmten Tochter stand – und dabei eigentlich immer deren großes Vorbild war.

Mary Wollstonecraft wird am 27. April 1759 in London geboren, sie ist das zweite von sieben Kindern einer mittelständischen Familie. Ihr Vater – wenn auch recht wohlhabend – verhält sich unter Alkoholeinfluss gewalttätig und investiert das meiste seines Geldes in spekulative und unsichere Projekte. So kommt es, dass die Familie ständig umziehen muss und nach einigen Jahren über kaum mehr finanzielle Rücklagen verfügt. Schon damals agiert Mary selbstbestimmter und mutiger als viele andere Mädchen zu ihrer Zeit – so soll sie sich nachts vor die Tür ihrer Mutter gelegt haben, um sie vor den Gewaltausbrüchen des Vaters zu beschützen.

In dieser turbulenten Zeit gehören ihre beiden Schwestern Everina und Eliza zu ihren engsten Vertrauten, zu denen sie ihr Leben lang ein fast schon mütterlichen Verhältnis pflegt, sowie ihre zwei Freundinnen Jane Arden und Fanny Bloods. Beide frühkindlichen Freundschaften eröffnen Mary zum allerersten Mal einen Zugang zu Bildung und Literatur, sie selbst schreibt ihrer Freundin Fanny sogar später zu, dass sie ihren Geist geöffnet habe. Gemeinsam verbringen die Mädchen all ihre Zeit damit, Bücher zu wälzen und Vorlesungen von Ardens Vater, einem Philosophen und Wissenschaftler, zu lauschen.

Sie träumen von einer „weiblichen Utopie“ ohne männliche Abhängigkeit

Im Jahr 1778 – sie ist gerade 19 Jahre alt – verlässt Wollstonecraft ihre Familie, um als Pflegekraft für eine Witwe in Bath zu arbeiten. Doch nur zwei Jahre später kehrt sie überstürzt nach Hause zurück, da ihre Mutter im Sterben liegt. Der Tod ihrer Mutter lässt Mary verunsichert zurück, ohne Job und Zukunftsaussicht beschließt sie, zu ihrer engen Freundin Fanny Bloods und deren Familie zu ziehen. In den folgenden zwei Jahren, die Mary bei Fanny verbringt, träumen die beiden jungen Frauen von einer schwesterlichen Gemeinschaft, einer „weiblichen Utopie“, in der sie sich gegenseitig finanziell unterstützen – ohne die Abhängigkeit eines Mannes. Doch aus der Wunschvorstellung wird nichts: Zu groß ist die finanzielle Bürde, die Mary und Fanny alleine nicht stemmen können. So beschließen die beiden Freundinnen, sich anderweitig unabhängig zu machen und gründen gemeinsam mit Marys Schwestern eine Schule in Newington Green.

Doch gerade, als Mary Wollstonecrafts Traum von einer eigenen Bildungsstätte wahr zu werden scheint, ändert eine Entscheidung alles: Fanny Bloods verliebt sich, heiratet und zieht mit ihrem Mann nach Lissabon, um sich um ihren immer schwächer werdenden Gesundheitszustand zu kümmern. Als es nicht gut um ihre Freundin steht, bricht Mary in England die Zelte ab und reist Fanny hinterher, um sie zu pflegen. Leider zu spät: Im Jahr 1785 stirbt Fanny Bloods – und als Mary Wollstonecraft gebrochen nach England zurückkehrt, muss sie feststellen, dass ihre Schwestern die gemeinsame Schule in den Ruin getrieben haben.

Der Tod ihrer besten Freundin inspiriert die nun 26-Jährige zu ihrem ersten Roman „Mary: A Fiction“ (1788), in dem sie ihre Trauer verarbeitet. Wieder arbeitslos beginnt sie gezwungenermaßen eine Stelle als Gouvernante bei den Töchtern der anglo-irischen Familie Kingsborough in Irland. Ihre Erlebnisse dort wird sie später in dem Werk „Gedanken zur Erziehung der Töchter“ (1787) und „Originalgeschichten aus dem wirklichen Leben“ (1788) – ihrem einzigen Kinderbuch – verarbeiten.

Trotz ihres respektablen Jobs beginnt Mary Wollstonecrafts Frustration in dieser Zeit zu wachsen, insbesondere die begrenzten Karrieremöglichkeiten für Frauen zu dieser Zeit verärgern sie zutiefst. So entschließt sie sich zu einem mutigen Schritt: Nach nur einem Jahr als Gouvernante hängt sie den Job an den Nagel und strebt nun ein Leben als Schriftstellerin an. Zu jener Zeit gab es kaum weibliche Autorinnen, geschweige denn erfolgreiche; ihre Entscheidung kann somit durchaus als revolutionärer Akt verstanden werden. Um ihrer Karriere Aufschwung zu geben, zieht Mary Wollstonecraft nach London und schließt sich den intellektuellen Kreisen rund um den liberalen Verleger Joseph Johnson an, der ein enger Vertrauter von ihr werden sollte. Sie schließt Kontakte zu bekannten Philosoph:innen und Schriftsteller:innen, lernt französisch und deutsch und schreibt Buch-Rezensionen für Johnsons Zeitschrift „Analytical Review“. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sie sich, als sei sie angekommen.

Sie reist mitten ins Epizentrum der Französischen Revolution

Für Mary Wollstonecraft war schon früh klar, dass sie die Ehe für ein veraltetes Konzept hält. Als sie während ihrer Zeit in London jedoch eine Affäre mit dem verheirateten Künstler Henry Fuseli eingeht, muss sie schnell feststellen: Die britische Gesellschaft ist noch nicht so weit. Um einer gesellschaftlichen Ächtung zu entgehen, reist sie daraufhin nach Frankreich – mitten ins Epizentrum der Französischen Revolution. Kurz zuvor hatte sie ihren ersten literarischen Erfolg feiern können – mit der Streitschrift „Verteidigung der Rechte der Männer“ (1790), in der sie Kritik an der Schrift von Parlamentsmitglied Edmund Burke über die Französische Revolution übt. In ihrem Werk spricht sie sich unter anderem für den Republikanismus im Gegensatz zur Monarchie aus und bemängelt Burkes Befürwortung von erblichen Privilegien. In Frankreich angekommen schließt sie sich den Girondins an – einer weniger radikalen politischen Fraktion als die Jakobiner – und wird Zeugin, wie König Ludwig XVI vor Gericht gestellt wird. In der Französischen Revolution sieht die junge Frau einen Befreiungsschlag, eine „glorreiche Chance, mehr Tugend und Glück zu erlangen, als bisher unseren Globus gesegnet hat“, wie sie selbst schreibt. Ende 1792 nimmt sie einige Themen aus ihrer „Verteidigung der Rechte der Männer“ wieder auf – und schreibt ihr wichtigstes literarisches Werk: „Eine Verteidigung der Rechte der Frau“ (Originaltitel: „A Vindication of the Rights of Woman“).

In ihrem Essay schreibt sie ein philosophisches Plädoyer für mehr Frauenrechte und betont, dass der Staat die Bildung der Frauen verbessern müsse. Als Argument dafür hebt sie hervor, dass gebildete Frauen nicht nur bessere Mütter und Ehefrauen wären, sondern auch bessere Bürgerinnen. Als Frankreich im Jahr 1793 England den Krieg erklärt, bleibt Mary Wollstonecraft in Frankreich – trotz der großen Gefahr, in die sie sich als Britin und Anhängerin der Girondins begibt. Doch dann passiert etwas Unvorhergesehenes: Sie verliebt sich in den amerikanischen Geschäftsmann Gilbert Imlay und wird von ihm schwanger.

Seit Marie Antoinette hingerichtet wurde und die Periode der Schreckensherrschaft begonnen hat, wird es für Wollstonecraft und Imlay jedoch immer gefährlicher: Die meisten ihrer Freund:innen wurden umgebracht oder festgenommen und die Jakobiner regierten mit harter Hand. Um sich zu schützen ziehen sich Mary Wollstonecraft und Gilbert Imlay in die ländliche Idylle von Le Havre zurück und am 14. Mai 1794 kommt ihre gemeinsame Tochter Fanny Imlay zur Welt – benannt nach ihrer ehemaligen besten Freundin. Trotz ihrer Mutterschaft schreibt und publiziert Wollstonecraft weiter und Fanny wächst gesund heran. Doch auf das kurze Familienglück folgt die große Enttäuschung: Gilbert Imlay ist mit der Beziehung unzufrieden und lässt die junge Mutter und das Kind in dieser ungewissen Zeit alleine in Frankreich zurück. Infolgedessen verfällt Mary Wollstonecraft in eine tiefe Depression – selbst als die Jakobiner fallen und die Reisesperre aufgehoben wird.

Ihre zweite Tochter Mary wird geboren – die Frau, die später mit dem Roman „Frankenstein“ weltberühmt werden sollte

Um Gilbert Imlay zurückzuerobern reisen Mutter und Tochter im Jahr 1795 nach London, doch werden ein weiteres Mal von dem Geschäftsmann abgewiesen. Es ist der Tiefpunkt in Mary Wollstonecrafts Leben. In den folgenden zwei Jahren versucht sie zweimal, sich das Leben zu nehmen, wird aber beide Male gerettet. Erst ein Jahr später erholt sich die Schriftstellerin von der schmerzhaften Trennung und umgibt sich wieder verstärkt mit ihren alten Freund:innen.

In dem literarischen Kreis rund um Joseph Johnson lernt sie so auch bald den bekannten Philosophen William Godwin kennen, der ein großer Verehrer ihrer Werke ist – es sollte die zweite große Liebe ihres Lebens werden. Bald ist sie von Godwin schwanger und die beiden heiraten, um das gemeinsame Kind zu schützen. Für diese Entscheidung wird das Schriftsteller:innen-Paar stark kritisiert, so hatten sich doch beide in ihren Werken stets gegen die Ehe ausgesprochen. Am 30. August 1797 kommt ihre zweite Tochter Mary zu Welt – die Frau, die später mit dem Roman „Frankenstein“ weltberühmt werden sollte. Doch bei der Geburt gibt es Komplikationen: Die Plazenta bricht durch und infiziert sich, Mary Wollstonecraft stirbt nur elf Tage später an Kindbettfieber. Sie wird nur 38 Jahre alt. Nach ihrem tragischen Tod schreibt William Godwin an einen Freund: „Ich glaube fest daran, dass es auf der Welt nicht ihresgleichen gibt. Ich weiß aus Erfahrung, dass wir geschaffen wurden, um uns gegenseitig glücklich zu machen. Ich habe nicht die geringste Erwartung, dass ich jetzt jemals wieder Glück erfahren kann.“

Mary Wollstonecraft war ihrer Zeit weit voraus – ihre Gedanken bezüglich der Gleichstellung der Frau waren bahnbrechend, ihre negative Haltung gegenüber Institutionen wie der Ehe und der Monarchie wahnsinnig modern. Und dennoch galt sie in intellektuellen Kreisen länger als ein Jahrhundert lang als verpöhnt, exzentrisch und eher durchgeknallt. Warum?

Um seine verstorbene Ehefrau zu ehren, veröffentlichte William Godwin posthum ihre Memoiren, in denen er jedes kleinste Detail über ihr Leben preisgab – darunter ihre außerehelich geborene Tochter Fanny, ihre Affären mit verheirateten Männern und ihren zwei Selbstmordversuchen. Die öffentliche Offenbarung von Mary Wollstonecrafts „dunklen Geheimnissen“ führte zu einer öffentlichen Ächtung der Schriftstellerin, die länger als ein Jahrhundert lang andauern sollte. Erst, als die Frauenbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts an Aufschwung gewann, erstrahlte das Leben und Werk der Autorin in einem neuen Licht.

Heute gilt Mary Wollstonecraft als eine der ersten modernen Feministinnen, die mit ihrer politischen Brisanz und unkonventioneller Lebensweise nicht nur die Generationen nach ihr prägen sollte – sondern auch ihre eigene Tochter Mary, deren Werk „Frankenstein“ sie zu einer der erfolgreichsten Autorinnen der Moderne machte.


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