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Porträt

Anna May Wong: Der erste chinesisch-amerikanische Hollywoodstar

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Seit 103 Jahren besitzen Frauen in Deutschland das Wahlrecht, seit 40 Jahren ist es ihnen erlaubt, ein eigenes Konto zu eröffnen, seit 24 Jahren ist Vergewaltigung in der Ehe verboten und vor vier Jahren wurde der Grundsatz „Nein heißt Nein“ gegen sexuelle Belästigung im Strafgesetzbuch aufgenommen. Fortschritt? Jein. Was progressiv klingt, ist tatsächlich ein wahrlich kleiner Nenner eines jahrhundertelangen Kampfes. Am 08. März jährte sich der Internationale Weltfrauentag, oder besser gesagt Feministischer Kampftag – und noch immer müssen sich Frauen weltweit für ihre Gleichberechtigung und Anerkennung einsetzen. Gender Pay Gap, weibliche Altersarmut sowie sexuelle Belästigung und Missbrauch gehören für die meisten Frauen nach wie vor zum Alltag. Und das im Jahr 2021!

Anstatt sich jedoch der Wut und Frustration hinzugeben, möchte die Autorin dieses Textes den Monat im Zeichen der Frau stattdessen dafür nutzen, auf all die Pionierinnen aufmerksam zu machen, die die Welt verändert haben – und in Geschichtsbüchern dennoch häufig nicht vorkommen. Willkommen zur ME-Rubrik „FLINTA*, die mit ihrer Kunst die Welt verändert haben“. Ihr habt noch nie etwas von FLINTA* gehört? No worries: Der Begriff ist relativ neu und bezeichnet alle weiblich gelesenen Personen, die im Patriarchat diskriminiert werden – somit werden darunter nicht nur heterosexuelle cis-Frauen, sondern auch homo- oder bisexuelle, intersexuelle und nicht-binäre Frauen, sowie Trans- und agender-Personen miteingeschlossen.

Diese Woche im Portrait: Anna May Wong – Der erste chinesisch-amerikanische weibliche Hollywoodstar

Es ist schon erstaunlich, welche Menschen über Jahrzehnte im kollektiven Gedächtnis der Welt erhalten bleiben und welche konsequent aus der Geschichtsschreibung weggelassen werden. Man denke an weibliche Hollywoodstars – welche Personen fallen einem da ein? Marilyn Monroe, Elizabeth Taylor, Grace Kelly und Audrey Hepburn sicherlich. Doch was ist mit Dolores Del Río, der mexikanischen Schauspielerin, die einen Stern auf dem Walk Of Fame erhalten hat? Oder Hattie McDaniel, die als erste Schwarze Schauspielerin einen Oscar als „Beste Nebendarstellerin“ erhielt? Eben. Das kulturelle Erbe von BIPoC-Schauspielerinnen – so bekannt sie zu ihren Lebzeiten auch waren – wurde längst nicht so versiert weitergetragen wie das ihrer weißen Kolleginnen. Ein Schicksal, das auch Anna May Wong teilt – obwohl sie als erste chinesisch-amerikanische Schauspielerin die Filmlandschaft in einer Zeit revolutionierte, als Hollywood noch tief von Rassismus durchdrungen war.

„Das großartige Spiel war, sich um meine Schwester und mich zu scharen und uns zu quälen“

Anna May Wong wird unter dem Namen Wong Liu Tsong im Jahr 1905 geboren und wächst in Lo Sang – dem „Chinatown“ von Los Angeles – auf. Schon früh werden Wong und ihre Schwester Loulou rassistisch beschimpft, wie die Schauspielerin später erzählt: „Das großartige Spiel war, sich um meine Schwester und mich zu scharen und uns zu quälen.“ Die Fremdenfeindlichkeit, die asiatischen Immigrant*innen Anfang des 20. Jahrhunderts entgegenschlug, kann unter anderem auf den „Chinese Exclusion Act“ aus dem Jahr 1882 zurückgeführt werden, in dem die Einwanderung chinesischer Bürger*innen in die USA stark beschränkt wurde. Nachdem die Anfeindungen zu groß werden, wechseln Wong und ihre Geschwister von einer gemischten auf eine chinesische Schule. Trotz der nun besseren Umstände interessiert sich das junge Mädchen eher wenig für schulische Leistungen – stattdessen besucht Wong nach der Schule häufig Drehorte in Hollywood und beobachtet die Schauspieler*innen am Set. Zuhause stellt sie sich daraufhin vor den Spiegel und ahmt das Gesehene nach. Ihre Faszination mit dem Filmgeschäft wächst.

Im Alter von nur 14 Jahren kann Anna May Wong aufgrund ihres Talents bereits ihre erste kleine Rolle ergattern – und das gleich neben der bekannten russisch-amerikanischen Schauspielerin Alla Nazimov in dem Film „The Red Lantern“ (1919). Nur zwei Jahre später bricht Wong die Schule ab um sich nun voll und ganz auf ihre Schauspielkarriere konzentrieren zu können. „Ich war fest entschlossen, mir zehn Jahre Zeit zu geben, um erfolgreich zu werden“, so die Schauspielerin zu ihrer Entscheidung. Doch so lange dauert es nicht. Bereits mit 17 Jahren spielt Anna May Wong ihre erste Hauptrolle in dem Film „The Toll of the Sea“ (1922) – einem der ersten Farbfilme aller Zeiten. In dem Werk schlüpft Wong in eine Rolle, auf die sie ihr Leben lang reduziert werden sollte: Die „China Doll“, auch „Lotusblüte“ oder „Geisha Girl“ genannt. Der Ausdruck „China Doll“ bezeichnet eine rassistisch-stereotypische Darstellung von asiatischen Frauen als „exotisch“, unterwürfig und sexuell fügig, die sich aus unerfüllter Liebe zu einem weißen Mann häufig zum Ende hin selbst opfert.

Zu dieser Zeit wurden asiatische Rollen meistens von weißen Darsteller*innen gespielt

Die Figur ist selbstverständlich stark degradierend gegenüber asiatischen Frauen und entspricht einem weißen Narrativ – dennoch ist es kein Wunder, dass Anna May Wong so häufig in diese Rolle schlüpfen musste, da asiatisch-stämmige Schauspieler*innen oft keine Wahl hatten. Zu der Zeit, in der Wong auf der Bildfläche erschien, wurden asiatische Rollen in Hollywood-Filmen meistens von weißen Darsteller*innen gespielt, deren Gesichter gelb oder braun angemalt und Augen mit Tesafilm abgeklebt wurden (ja, leider richtig gehört!). Dieses Prozedere wird heute auch als „yellowfacing“ bezeichnet. Jene „asiatischen“ Charaktere waren karikativ überzeichnet, klischeehaft aufgeladen und sprachen mit einem starken Akzent. Somit muss sich Anna May Wong bereits zu Beginn ihrer Karriere die Frage stellen: Lasse ich weiterhin weiße Darsteller*innen asiatische Rollen spielen? Oder übernehme ich sie selbst, auch wenn ich damit rassistische Stereotype reproduziere? Sie entscheidet sich wohl oder übel zunächst für Letzteres.

Anna May Wong entwickelt sich Anfang der 1920er-Jahre zu einer der erfolgreichsten Schauspielerinnen ihrer Zeit. Im Jahr 1924 macht sie aufgrund eines freizügigen Kostüms in Douglas Fairbanks‘ Film „Der Dieb von Bagdad“ medial auf sich aufmerksam und avanciert dadurch zur Stilikone. Ihr Markenzeichen: kurz geschnittene Ponyfransen. In demselben Jahr übernimmt Wong die Rolle der Tiger Lily in „Peter Pan“ und taucht in einem Laurel & Hardy-Film auf. Doch je öfter die Schauspielerin Rollen annimmt, desto häufiger wird ihr ihre prekäre Lage bewusst: So passiert es mehrfach, dass ihr asiatische Rollen vorenthalten bleiben und stattdessen an weiße Darstellerinnen gehen. Zudem sieht sie sich mit dem „Hays Code“ konfrontiert, in der ihr sexuelle Beziehungen mit einem weißen Partner vor der Kamera verboten werden – sodass sie ausschließlich in Nebenrollen auftreten darf. Bei dem „Hays Code“ handelt es sich um moralische Richtlinien, an die sich Filmemacher*innen bis in die 1960er-Jahre halten mussten. Darunter fiel ein Verbot von expliziten Darstellungen von Sexualität, Kriminalität – und eben sogenannte „Mischbeziehungen“ zwischen weißen und nicht-weißen Schauspieler*innen.

Die Schauspielerin wandert nach Europa aus – und ist glücklich

Das Jahr 1928 ist ein Wendepunkt für Anna May Wong. Als sie für die asiatische Hauptrolle in dem Film „The Crimson City“ abgelehnt wird und stattdessen der gecasteten weißen Darstellerin erklären soll, wie sie Stäbchen benutzt, hat sie genug. Die Schauspielerin beschließt kurzerhand, nach Europa auszuwandern. Zunächst geht sie nach London, wo sie unter anderem mit dem berühmten britischen Schauspieler Laurence Olivier in dem Theaterstück „Der Kreidekreis“ mitspielt. Daraufhin zieht sie nach Berlin, wo sie als großer Hollywoodstar in Empfang genommen wird. Als die Stummfilm-Ära langsam zu einem Ende kommt, lernt Wong fließend Deutsch und Französisch sprechen und spielt in gleich drei Filmen von Richard Eichberg mit. Während ihrer Zeit in Berlin befreundet sich Wong mit vielen deutschen Bekanntheiten, darunter auch Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl. Einige Biograph*innen schreiben ihr sogar eine Affäre mit beiden Frauen zu. Anna May Wong ist in Berlin glücklich. Insbesondere der avantgardistische und hedonistische Lebensstil in den Künstler*innen-Kreisen sowie die Toleranz gegenüber Minderheiten schenken ihr ein bisher unbekanntes Freiheitsgefühl.

Im Jahr 1931 kehrt Anna May Wong in die USA zurück und dreht dort gemeinsam mit Marlene Dietrich den Film „Shanghai Express“. Zum ersten Mal in ihrer Karriere wird die von ihr dargestellte Figur nicht während des Films ermordet, sondern bleibt am Leben – ein Durchbruch. Bis heute gilt „Shanghai Express“ als Wongs bester und wichtigster Film. Doch ihr Karriereglück hält nicht lange an: Bereits im Jahr 1935 wird die Schauspielerin wieder mit Rassismus konfrontiert. Bei dem Film „Die gute Erde“ wird ihr ein weiteres Mal die asiatische Hauptrolle verweigert, stattdessen sollen zwei Deutsche das chinesische Ehepaar im Film mimen. Wong wird bloß die Nebenrolle als weiblicher Bösewicht angeboten. Nun hat sie endgültig genug. Im Jahr 1936 lässt sie Hollywood hinter sich und beginnt sie eine neunmonatige Reise durch China.

Sie spürt die Unzugehörigkeit, die sie ihr Leben lang begleitet hat

In China beschäftigt sich Anna May Wong das erste Mal intensiv mit der chinesischen Kultur und spürt das Gefühl der Unzugehörigkeit, das sie ihr Leben lang begleitet hat: Während sie im Westen immer als „die Asiatin“ vermarktet wurde, gilt sie in China vor allem als unverheiratete „Amerikanerin“, die asiatische Stereotype im Film reproduziert. Auf ihrer Reise wird sie meist kritisch beäugt, manchmal sogar mit Hass konfrontiert. Nach ihrer Rückkehr in die USA schließt Anna May Wong einen Exklusiv-Deal mit Paramount ab, der ihr eine nuanciertere und sympathischere Darstellung von asiatischen Rollen verschafft. Während des zweiten China-Japan-Kriegs setzt sie sich verstärkt für China ein und nutzt ihre Popularität, um Geld für die China-Hilfe zu sammeln. Als jedoch der Zweite Weltkrieg beginnt, gerät ihre Karriere ins Stocken. Sie wird depressiv, fängt an zu trinken. Und auch nach dem Krieg wird es für die Schauspielerin nicht besser: Mit dem Einsetzen des Kalten Krieges verstärkt sich der antichinesische Rassismus in den USA wieder, Anna May Wongs Rollen schwinden. Erst im Jahr 1960 wirkt sie wieder in einem Film mit – es sollte ihr letzter sein. In demselben Jahr stirbt Anna May Wong im Alter von 56 Jahren an einem Herzinfarkt.

„Ich war die Rollen, die ich zu spielen hatte, so satt“

So unglaublich es klingt: Die moderne Filmgeschichtsschreibung hat Anna May Wong erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts wiederentdeckt. Dabei gehörte die Schauspielerin zeitweise zu den bekanntesten Hollywood-Größen ihrer Zeit, war eine Stilikone und ebnete den Weg für zahlreiche asiatisch-stämmige Schauspielerinnen, die nach ihr kommen sollten. Dennoch ist ihr kulturelles Erbe natürlich nicht unproblematisch zu betrachten: Viele Rollen, die Wong spielen musste, sind rassistisch und stereotypisch geprägt – so etwa die verführerische „China Doll“ oder manipulative „Dragon Lady“. Innerhalb der asiatisch-amerikanischen Community ruft die Schauspielerin deshalb noch immer gemischte Gefühle hervor. Nichtsdestotrotz darf auch nicht die Zensur vergessen werden, der Anna May Wong unterlegen war: Um überhaupt als Schauspielerin arbeiten zu können, musste sich Wong in vielen Fällen den patriarchalischen und rassistischen Einstellungen der Filmemacher unterwerfen. Trotz diverser Hindernisse hat sich Anna May Wong zeitlebens dafür eingesetzt, das Image von Asiat*innen im Kino zu verbessern. So sagte sie schon in einem Interview im Jahr 1931: „Ich war die Rollen, die ich zu spielen hatte, so satt. Warum ist der Leinwandchinese immer der Bösewicht? Und so ein plumper Bösewicht: ein Mörder, ein Verräter, eine Schlange im Gras. So sind wir nicht. Wie könnten wir auch, mit einer Zivilisation, die so viel älter ist als der Westen?“


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