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Portrait

Fatima al-Fihri: Die Gründerin der allerersten Universität der Welt

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Seit 103 Jahren besitzen Frauen in Deutschland das Wahlrecht, seit 40 Jahren ist es ihnen erlaubt, ein eigenes Konto zu eröffnen, seit 24 Jahren ist Vergewaltigung in der Ehe verboten und vor vier Jahren wurde der Grundsatz „Nein heißt Nein“ gegen sexuelle Belästigung im Strafgesetzbuch aufgenommen. Fortschritt? Jein. Was progressiv klingt, ist tatsächlich ein wahrlich kleiner Nenner eines jahrhundertelangen Kampfes. Am 08. März jährte sich der Internationale Weltfrauentag, oder besser gesagt Feministischer Kampftag – und noch immer müssen sich Frauen weltweit für ihre Gleichberechtigung und Anerkennung einsetzen. Gender Pay Gap, weibliche Altersarmut sowie sexuelle Belästigung und Missbrauch gehören für die meisten Frauen nach wie vor zum Alltag. Und das im Jahr 2021!

Anstatt sich jedoch der Wut und Frustration hinzugeben, möchte die Autorin dieses Textes den Monat im Zeichen der Frau und die Zeit danach stattdessen dafür nutzen, auf all die Pionierinnen aufmerksam zu machen, die die Welt verändert haben – und in Geschichtsbüchern dennoch häufig nicht vorkommen. Willkommen zur ME-Rubrik „FLINTA*, die mit ihrer Kunst die Welt verändert haben“. Ihr habt noch nie etwas von FLINTA* gehört? No worries: Der Begriff ist relativ neu und bezeichnet alle weiblich gelesenen Personen, die im Patriarchat diskriminiert werden – somit werden darunter nicht nur heterosexuelle cis-Frauen, sondern auch homo- oder bisexuelle, intersexuelle und nicht-binäre Frauen, sowie Trans- und agender-Personen miteingeschlossen.

Diese Woche im Portrait: Fatima al-Fihri – Die Gründerin der ältesten noch lehrenden Universität der Welt

Da in dieser Rubrik eigentlich Frauen vorgestellt werden sollen, die wenig bis gar nicht in Geschichtsbüchern vorkommen, muss an dieser Stelle erst einmal ein Perspektivwechsel stattfinden: Fatima al-Fihri ist sehr wohl berühmt. Allerdings nicht in Deutschland. Die legendäre Gründerin der allerersten Universität der Welt gilt in Marokko als eine Art Heilige, in Tunesien wurde ihr zu Ehren sogar ein Preis ins Leben gerufen, bei dem Initiativen ausgezeichnet werden, die Frauen bei der Berufswahl und -ausbildung unterstützen. Hierzulande ist Fatima al-Fihri jedoch kaum jemandem ein Begriff, ja nicht einmal die von ihr gegründete Universität Al-Qarawiyyin ist hier wirklich bekannt. Dabei haben zahlreiche religiöse und philosophische Größen an dieser Bildungsstätte ihren Abschluss gemacht – darunter etwa auch Papst Sylvester II., der sein Wissen über die arabischen Ziffern nach Europa brachte und damit das Zahlensystem etablierte, auf das wir uns heute berufen. Zeit also, sich die Geschichte von Fatima al-Fihri einmal näher anzuschauen, die erst zwischen den Jahren 1310 und 1320 erstmals von Ibn Abi Zar‘ in dem Werk „The Garden of Pages“ (Rawd al-Qirtas) überliefert wurde. Bis heute wird nach wie vor darüber spekuliert, wie verlässlich der Historiker als Quelle tatsächlich war – somit ist ihre Lebensgeschichte bis heute nicht endgültig belegt.

Trotz ihrer ärmlichen Verhältnisse erhält al-Fihri eine gute Ausbildung

Fatima bint Muhammad Al-Fihriyya Al-Qurashiya, genannt Fatima al-Fihri, wird um das Jahr 800 n. Chr. in Kairouan im heutigen Tunesien geboren. Sie ist die Tochter von Mohammed Bnou Abdullah al-Fihri und wächst mit bescheidenen Mitteln auf. Al-Fihris Eltern sind sehr fromme, religiöse Muslime, die viel Wert auf die intellektuelle Bildung ihrer Kinder legen. So genießen Fatima und ihre Schwester Maryam trotz der ärmlichen Verhältnisse, in denen sie leben, eine gute Ausbildung. Der Legende nach wandert die Familie um 824 n. Chr. nach Fès in Marokko aus, wo sich Fatimas Vater durch harte Arbeit und Ehrgeiz zu einem erfolgreichen Kaufmann entwickelt. Als Grund für die Migration der Familie wird häufig die Vertreibung von Araber:innen genannt, die zu dieser Zeit in Tunesien und Cordoba, Südspanien seinen Lauf nahm. Unter der Herrschaft von Idris II. entwickelt sich Fès durch die starke Migrationswelle von Araber:innen zu einem der bedeutsamsten Zentren der arabischen Kultur im nordafrikanischen Raum: Die Stadt gilt zu der Zeit als Metropole des „muslimischen Westens“ und rühmt sich mit einer kosmopolitischen Mischung aus Tradition und Modernität. Dort, in der drittgrößten Stadt Marokkos, lässt sich Fatima al-Fihri mit ihrer Familie nieder – und heiratet schließlich.

Doch bereits kurz nach der Hochzeit mit einem (den Historiker:innen leider unbekannten) Mann kündigt sich das Unglück an: Innerhalb von kürzester Zeit versterben al-Fihris Vater, Bruder und Ehemann kurz hintereinander – und Fatima und ihre Schwester Maryam erben eine beträchtliche Summe, mit der ihre finanzielle Unabhängigkeit sichergestellt ist. Auf die große Trauer folgt somit schnell die Frage, was mit diesem Vermächtnis anzufangen ist. Sowohl Fatima als auch Maryam sind gebildete Frauen – sie wurden in der islamischen Rechtswissenschaft Fiqh und den Schriften des Propheten Mohammed ausgebildet und sind sich der Relevanz von Bildung und Wissen dementsprechend sehr bewusst. Gleichzeitig bemerken sie die hohe Zahl an muslimischen Einwander:innen – zu denen sie ja schließlich selbst gehören –, die jedoch aufgrund von fehlenden Ressourcen nicht genügend Orte zum Beten und Lernen haben. Aus diesen Gründen beschließen die Schwestern, etwas für die religiöse Gemeinschaft und die Stadt zu tun: Mit dem gewaltigen Erbe ihres Vaters bauen sie zwei Moscheen in Fès – Fatima gründet Al-Qarawiyyin, benannt nach den Einwander:innen aus ihrer Heimatstadt Kairouan, und Maryam Al-Andalus, benannt nach den Siedler:innen aus Andalusien.

Die Geschichte von Al-Qarawiyyin lässt vermuten, dass die Frauen in der Blütezeit des Islams besser ausgebildet waren, als allgemein bekannt ist

Dass eine muslimische Frau im 9. Jahrhundert überhaupt die Möglichkeit hatte, eine Moschee zu bauen oder eine Form der Rechtswissenschaften zu erlernen, mag zunächst überraschen – vor allem angesichts der Tatsache, dass marokkanische Frauen erst im Jahr 1963 das Wahlrecht erhielten und erst seit dem Jahr 2004 das Sorgerecht für ihre Kinder nach einer Scheidung bekommen können. Die Journalistin Ann Bayliss schreibt dazu, dass die Gründungsgeschichte von Al-Qarawiyyin jedoch vermuten lasse, dass die Frauen in der Blütezeit des Islams vielleicht besser ausgebildet und mächtiger waren, als allgemein bekannt ist.

Dafür nennt sie zwei Gründe: Erstens hieße es in einer Hadithe (den Überlieferungen des Propheten Mohammed, Anm. d. Red.) bereits: „Sich Wissen anzueignen, ist eine Pflicht für jeden Muslim, ob Mann oder Frau“, und zweitens gebe es Hinweise darauf, dass zumindest in Tunesien zu dieser Zeit auch Mädchen zur Schule gehen durften. So erwähnt etwa der arabische Jurist und Richter Ibn Sahnun – der von 817 bis 870 n. Chr. lebte – auch Mädchen in seinem Handbuch für Verhaltensregeln von Lehrer:innen.

Kurz nachdem Fatima al-Fihri passendes Land erwirbt, beginnt sie zu Beginn des Ramadan-Monats im Jahr 859 n. Chr. mit dem Bau der Al-Qarawiyyin-Moschee. Dies ist auch das offiziell anerkannte Gründungsdatum der Al-Qarawiyyin-Universität, die von UNESCO und Guiness World Records als älteste noch aktive Universität der Welt ausgezeichnet wurde. Zwei Jahre lang investiert Fatima al-Fihri immer mehr Zeit und Geld in den Ausbau ihrer Madrasa; d.h. einer Schule, in der Islamwissenschaften unterrichtet werden. Laut mehreren historischen Quellen soll Fatima al-Fihri bis ins kleinste Detail in den Bauprozess der Moschee involviert gewesen sein und immer mehr Land erworben haben, um ihre Bildungsstätte auszubauen. Zudem soll sie darauf bestanden haben, die Ressourcen für den Bau aus ihrem eigenen Grundstück zu generieren, um sie nicht der Stadt und ihren Bewohner:innen wegzunehmen. So schreibt etwa der Historiker Hassan Hosni Abdelwahab: „Sie verpflichtete sich, nur das Land zu nutzen, das sie gekauft hatte… um nicht als extravagant zu erscheinen, weil sie zu viele Ressourcen nutzte.“

Al-Fihri soll vom ersten Tag des Baus bis zur Fertigstellung der Bildungsstätte durchgehend gefastet haben

Angrenzend an die Moschee entsteht so auch die Al-Qarawiyyin-Bibiothek – die wohl älteste Bibliothek der Welt, die einige der wertvollsten und wichtigsten Manuskripte und Dokumente des Islam beherbergt. Laut einigen Historiker:innen soll al-Fihri vom ersten Tag des Baus bis zur Fertigstellung der Bildungsstätte durchgehend gefastet haben, damit das Bauprojekt erfolgreich zuende geführt werden kann. Während ihres Lebens wird al-Fihri auch der Spitzname „Mutter der Jungen“ zugesprochen. Laut des Historikers Mohammed Yasser Hilali „rührt dieser Spitzname wahrscheinlich von ihrer Wohltätigkeit und der Tatsache her, dass sie Schüler unter ihre Fittiche nahm.“ Welches Geschenk sie der Stadt Fès und den Generationen nach ihr mit dem Bau von Al-Qarawiyyin gemacht hat, wird Fatima al-Fihri zu ihren Lebzeiten dennoch wohl nie erfahren haben. Sie stirbt um das Jahr 878 n. Chr. herum – belegt ist dieses Datum jedoch nicht, da fast alle Aufzeichnungen über sie und ihr Leben in einem Brand des Archivs von Al-Qarawiyyin im Jahr 1323 vernichtet wurden.

Wenn auch schon vorher eine Madrasa mit Bildungscharakter, wird aus Al-Qarawiyyin erst im 10. Jahrhundert offiziell eine ‚Universität‘ und lockt zahlreiche Studierende und Wissenschaftler:innen an. Zu den berühmtesten Personen, die an der Al-Qarawiyyin-Universität ihren Abschluss gemacht haben, gehören der jüdische Philosoph, Jurist und Arzt Maimonides, der von 1135 bis 1204 lebte, Nicolas Clénard, der im 16. Jahrhundert als Professor an der christlichen Universität von Leuven in Belgien lehrte sowie der bereits genannte Papst Sylvester II.

Bis heute trägt Al-Qarawiyyin den Ruf, eine entscheidende Rolle im kulturellen Austausch und Wissenstransfer zwischen dem arabischen und europäischen Raum innegehabt zu haben. Fatima al-Fihri hat ihren Platz in den Geschichtsbüchern mehr als verdient: Sie hat schon früh erkannt, wie immens wichtig Bildung ist und nutzte ihre Religiösität und Innovationskraft, um den Grundstein für eine bahnbrechende Institution zu legen. Dass die allererste Universität der Welt von einer muslimischen Frau gegründet wurde, ist schon unglaublich genug. Doch dass dies hier fast niemand weiß, ist noch viel unglaublicher.


Frances Marion: Kriegskorrespondentin, Drehbuchautorin, Frauenrechtlerin
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