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Portrait

Josephine Baker: Nackttänzerin, Anti-Rassismus-Idol, Freiheitskämpferin

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Seit 103 Jahren besitzen Frauen in Deutschland das Wahlrecht, seit 40 Jahren ist es ihnen erlaubt, ein eigenes Konto zu eröffnen, seit 24 Jahren ist Vergewaltigung in der Ehe verboten und vor vier Jahren wurde der Grundsatz „Nein heißt Nein“ gegen sexuelle Belästigung im Strafgesetzbuch aufgenommen. Fortschritt? Jein. Was progressiv klingt, ist tatsächlich ein wahrlich kleiner Nenner eines jahrhundertelangen Kampfes. Am 08. März jährte sich der Internationale Weltfrauentag, oder besser gesagt Feministischer Kampftag – und noch immer müssen sich Frauen weltweit für ihre Gleichberechtigung und Anerkennung einsetzen. Gender Pay Gap, weibliche Altersarmut sowie sexuelle Belästigung und Missbrauch gehören für die meisten Frauen nach wie vor zum Alltag. Und das im Jahr 2021!

Anstatt sich jedoch der Wut und Frustration hinzugeben, möchte die Autorin dieses Textes den Monat im Zeichen der Frau und die Zeit danach stattdessen dafür nutzen, auf all die Pionierinnen aufmerksam zu machen, die die Welt verändert haben – und in Geschichtsbüchern dennoch häufig nicht vorkommen. Willkommen zur ME-Rubrik „FLINTA*, die mit ihrer Kunst die Welt verändert haben“. Ihr habt noch nie etwas von FLINTA* gehört? No worries: Der Begriff ist relativ neu und bezeichnet alle weiblich gelesenen Personen, die im Patriarchat diskriminiert werden – somit werden darunter nicht nur heterosexuelle cis-Frauen, sondern auch homo- oder bisexuelle, intersexuelle und nicht-binäre Frauen, sowie Trans- und agender-Personen miteingeschlossen.

Diese Woche im Portrait: Josephine Baker – Nackttänzerin, Anti-Rassismus-Idol, Freiheitskämpferin

Von all den Frauen, die bereits in dieser Rubrik vorgestellt wurden, mag Josephine Baker die bekannteste sein. Doch für viele Menschen, die mit ihrem Namen etwas anfangen können, ist sie bloß die „nackte Tänzerin im Bananenrock“ – der gefeierte und couragierte Varieté-Star im Frankreich der 1920er- und 1930er-Jahre. Sie war der Inbegriff des emanzipierten „Flapper“-Mädchens, lotete sexuelle Grenzen aus und galt zeitweise als meistgefeierte Entertainerin Europas. Doch Josephine Baker war viel mehr als das.

Neben ihrer künstlerischen Karriere kämpfte sie in den USA gegen Rassismus und Rassentrennung, trat während des Zweiten Weltkriegs der Französischen Résistance bei und sprach im Jahr 1963 gemeinsam mit Martin Luther King beim „Marsch auf Washington“. Ob als Tänzerin, Schauspielerin, Sängerin oder Aktivistin – Josephine Baker kann mitunter als eine der mutigsten Frauen des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden.

Sie ist bereit für die große Bühne

Josephine Baker wird am 03. Juni 1906 als Freda Josephine McDonald in St. Louis, Missouri zur Welt gebracht. Ihre Mutter ist eine in ärmlichen Verhältnissen lebende Wäscherin, ihr Vater haut kurz nach ihrer Geburt ab. Bakers Kindheit ist geprägt von Leid und Arbeit; bereits mit acht Jahren muss sie als Dienstmädchen arbeiten, mit nur elf Jahren erlebt sie in ihrer Heimatstadt ein Progrom mit, bei dem knapp hundert Afroamerikaner*innen ermordet werden. Diese traumatische Erfahrung wird sie ihr ganzes Leben prägen. Im Alter von nur 13 Jahren wird das junge Mädchen mit dem viel älteren Willie Wells zwangsverheiratet, ihre Mutter hofft auf ein nun einfacheres Leben für ihre Tochter. Doch Josephine Baker hat keinerlei Interesse daran, nur die Ehefrau zu spielen. Nach nur wenigen Wochen wird die Ehe beendet – und Baker tritt dem „Booker Washington Theatre“ in St. Louis als Komparsin bei. Sie ist bereit für die große Bühne.

Schon früh hat Baker ihr Talent für Gesang und Tanz entdeckt, nun soll es ihr Freifahrtsschein werden. Sie möchte raus aus dem Armutsviertel, in dem sie aufgewachsen ist und zieht nach New York, um bei dem Musical „Shuffle Along“ am Broadway aufzutreten – der ersten von Schwarzen Künstler*innen komponierten Musical-Produktion aller Zeiten. Im Jahr 1921 heiratet sie den Zugbegleiter Willie Baker. Die beiden bleiben nur vier Jahre zusammen, seinen Nachnamen wird sie jedoch den Rest ihres Lebens tragen. Mit 19 Jahren ist Josephine Baker bereits eine etablierte Tänzerin in New York, als ihr eines Abends von der wohlhabenden Talentförderin Caroline Reagan ein Engagement bei der allerersten komplett Schwarzen Revue in Paris angeboten wird – der „La Revue Nègre“. Unglaubliche 1.000 Dollar im Monat soll Baker für ihre Auftritte dort erhalten. Die junge Tänzerin sagt sofort zu.

Jean Cocteau nennt sie ein „Idol aus dunklem Stahl und Bronze, Ironie und Gold“

Am 02. Oktober 1925 feiert „La Revue Nègre“ im Théatre des Champs-Elysées in Paris Premiere. Josephine Baker kommt auf die Bühne – lediglich mit ein paar Perlen und Federn bekleidet – und tanzt so frei, so ungezügelt, wie das Publikum es noch nie gesehen hat. Die pulsierenden, kreisenden Bewegungen ihres Körpers sind verrucht, die Grimassen ihres Gesichts auf der komödiantischen Höhe eines Charlie Chaplins. Die feministische Schriftstellerin Janet Flanner bezeichnet sie als „die exquisite Statue aus Ebenholz“, der Autor und Regisseur Jean Cocteau nennt sie ein „Idol aus dunklem Stahl und Bronze, Ironie und Gold“.

Über Nacht wird Josephine Baker zum Star. Innerhalb eines Jahres hat sie ihren eigenen Nachtclub „Chez Joséphine“ in der Rue Fontaine, sie verkehrt mit den prominentesten Personen Frankreichs, feiert die Nächte durch, lernt französisch, italienisch und russisch. Mit ihrer unbekümmerten Art, der freizügigen Selbstinszenierung und ihrer „exotischen“ Herkunft wird sie zur gefeierten Ikone der künstlerischen Avantgarde-Szene in Paris. Wie ihre Biographin Mona Horncastle zusammenfasst: „Sie hat 1925 erkannt, dass sie ein Klischee bedient, nämlich sexy, schwarz und amüsant. Und dass sie damit Erfolg haben kann.“

Im Januar 1926 reist sie mit „La Revue Nègre“ das erste Mal nach Berlin, es soll nicht das letzte Mal gewesen sein. Bei ihren Besuchen in der deutschen Hauptstadt verbringt sie viel Zeit mit dem bekannten Dichter Karl Gustav Vollmoeller, den sie bereits aus ihrer Zeit in New York kennt. Trotz wenigen bis keinen Schauspielkenntnissen spielt sie in vier französischen Filmen mit – „Sirenen der Tropen“ (1927), „ZouZou“ (1934), „Prinzessin Tam Tam“ (1935) und „Falscher Alarm“ (1940). Im Jahr 1927 heiratet sie erneut – diesmal den Sizilianer Giuseppe Pepito Abatino, der daraufhin auch ihr Manager wird. Immer stärkere Provokationen (zeitweise geht sie sogar mit einem Geparden spazieren!) ihrerseits führen dazu, dass Städte wie Wien, München und Budapest ihre extraordinären Auftritte verbieten – ein Faktor, der Josephine Bakers Popularität nur noch weiter in die Höhe treibt. Sie selbst hält ihre Kunst weder für vulgär, noch für angriffslustig. So sagte sie einmal: „Ich war nie wirklich nackt. Ich hatte einfach keine Kleidung an.”

„Die Fantasie der Weißen hat es wirklich in sich, wenn’s um Schwarze geht“

Trotz ihres unglaublichen Erfolgs in Frankreich, Deutschland und weiteren Ländern in Europa ist auch Josephine Baker nicht vor Rassismus gefeit. Sei es die Presse, die sie für „dieses ganze Höllengelichter aus dem Urwald“ anpries oder ihren Po als „schokoladener Grieß-Flammerie an Beweglichkeit“ bezeichnete – oder seien es die Sondergottesdienste, die vor ihren Auftritten abgehalten wurden; „als Buße für schwere Verstöße gegen die Moral, begangen von Josephine Baker”. Zunächst nimmt sie die unverhohlen rassistischen Kommentare noch mit lakonischer Gelassenheit: „Die Fantasie der Weißen hat es wirklich in sich, wenn’s um Schwarze geht“, wird sie von ihrer Biografin Phyllis Rose zitiert. Je stärker der aufkeimende Nationalismus und Faschismus in Europa jedoch Einzug in die Politik nimmt, desto mehr wird auch sie zur Zielscheibe. Zwar erhält sie mit ihrer vierten Ehe mit dem jüdischen Industriellen Jean Lion im Jahr 1937 die französische Staatsbürgerschaft – diese beschützt sie jedoch auch nicht vor der doppelten Stigmatisierung, unter der eine Schwarze Frau und ein jüdischer Mann in diesen Zeiten leiden müssen.

Aufgrund dieser Ungerechtigkeit beginnt in Josephine Baker ein Kämpferinnen-Geist zu erwecken. Sie möchte etwas verändern. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs trifft sie eine mutige Entscheidung: Sie macht einen Pilotenschein und beginnt, für einen Korps fliegender Krankenschwestern vom französischen Roten Kreuz zu arbeiten. Doch das ist noch längst nicht alles: Ab 1940 tritt sie der Résistance bei und arbeitet für den französischen Geheimdienst – so schreibt sie etwa Nachrichten mit unsichtbarer Tinte auf Notenblätter, die sie dann wiederum verschickt. Vier Jahre später steigt sie zur Propaganda-Offizierin bei der Luftwaffe des Freien Frankreich auf. Für ihre Verdienste während des Kriegs wird sie später mit dem „Croix de Guerre“ der „Rosette de Légion d’honneur“ ausgezeichnet.

„Ich möchte, dass ihr alle die Chance habt, das zu erleben, was ich erlebt habe“

Im Jahr 1947 heiratet sie ein erneut – diesmal den französischen Orchesterleiter Jo Bouillon. Es soll ihre am längsten andauernde Ehe werden. Mit Beginn der 1950er-Jahre beobachtet Josephine Baker mit Schrecken den verstärkten Rassismus unter der streng konservativen McCarthy-Ära in ihrem Heimatland. Sie beschließt, ein Zeichen setzen zu wollen. Bei ihren Auftritten in den USA stellt sie sich gegen die Rassentrennung und weigert sie sich, vor einem separierten Publikum aufzutreten – und hat Erfolg. Damit ist Josephine Baker eine der ersten Künstler*innen, die sich mit ihrem Einfluss erfolgreich gegen die Rassentrennung durchsetzen können.

Im Jahr 1963 reist sie ein weiteres Mal in die USA, um bei dem Marsch in Washington neben Martin Luther King zu sprechen. In ihrer Rede sagt sie: „Wie ihr wisst, bin ich immer den steinigen Weg gegangen. Ich habe es nie auf die einfache Tour gemacht, nur als ich älter wurde, habe ich versucht, ein paar Steine wegzuräumen, um das Laufen nicht so beschwerlich zu machen. Aber es sollte nicht nur für mich, sondern auch für euch einfacher werden. Ich möchte, dass ihr alle die Chance habt, das zu erleben, was ich erlebt habe.”

Aufgrund ihres politischen Engagements beschließt Josephine Baker, den Kampf gegen Rassismus auch auf die persönliche Ebene zu verlagern. Gemeinsam mit ihrem nun fünften Ehemann adoptiert Josephine Baker zwölf (!) Waisenkinder aus der ganzen Welt und lebt mit ihrer selbstbezeichneten „Regenbogenfamilie“ in dem Schloss Les Milandes in Südfrankreich. Sie denkt, mit ihrem Entschluss zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen zu haben; einerseits kann sich Baker so ihren lang ersehnten Kinderwunsch erfüllen – der ihr aufgrund ihrer Unfruchtbarkeit lange verwehrt blieb –, andererseits kann sie sich gleichzeitig politisch positionieren. Und ihr Plan geht auf – jedenfalls zum Teil. Josephine Bakers neue Großfamilie ist in aller Munde, die Presse reißt sich um Exklusivfotos und -geschichten. Doch unter all dem geplanten Kalkül und der Sensationsbegeisterung beginnt Baker, eine Sache aus den Augen zu verlieren: die Familie selbst.

Sie stirbt kurz nach ihrem 50. Bühnenjubiläum

Während sie als gefeierte Künstlerin weiterhin auf Tournee geht und aus verschiedenen Ländern immer mehr Kinder mitbringt, kümmert sich Jo Bouillon auf dem Schloss um die Kindeserziehung. Zahlreiche Nannys werden eingestellt und wieder gefeuert. Das Ehepaar hat kaum noch Zeit für sich, die „Regenbogenfamilie“ ähnelt einem Kinderheim. Eine tickende Zeitbombe. Im Jahr 1957 trennt sich Jo Bouillon von seiner Frau und zieht nach Buenos Aires – zwei seiner Adoptivkinder sollen im später folgen. Obwohl Baker im Jahr 1956 ihre Bühnenrente verkündet, steht sie im Jahr 1961 aufgrund von Geldsorgen bereits wieder auf der Bühne. Ende der 1960er-Jahre müssen Josephine Baker und ihre zwölf Kinder das Schloss aufgeben. Das Geld ist weg. Sie ziehen in eine Villa, die ihnen von Grace Kelly alias Gracia Patricia von Monaco geschenkt wird. Am 08. April 1975 zelebriert Josephine Baker ihr 50. Bühnenjubiläum mit der Show „Joséphine“ in Paris, einige Tage später stirbt sie im Alter von 69 Jahren an einer Gehirnblutung.

Josephine Baker hat zahlreiche Leben gelebt. Wie viele andere Künstler*innen vor und nach ihr hat sie sich ständig selbst neu erfunden, war immer auf der Suche. Während ihre Karriere so schillernd war wie sie selbst, kann man dasselbe bei ihrem Privatleben nicht unbedingt behaupten: Fünf Ehen und zwölf Kinder sind das Endergebnis einer stetigen Suche nach Liebe, Zuneigung und Wiedergutmachung. So sagte sie bereits im Jahr 1927: „Ich habe dieses künstliche Leben satt. All die Intrigen um einen Star ekeln mich an. Ich möchte noch drei bis vier Jahre arbeiten und dann abtreten. Ich werde heiraten, ich werde Kinder haben.“ Was sie antrieb, war ihr Kampfgeist, ihr Gerechtigkeitssinn. Josephine Baker nutzte ihre Popularität um für das Gute einzustehen, kämpfte ihr Leben lang gegen Rassismus, Faschismus und Ungerechtigkeit. Sie bloß als „Tänzerin im Bananenrock“ abzustempeln wäre nicht nur einseitig – es wäre grundlegend falsch.

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