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Portrait

Marsha P. Johnson: Ein Denkmal für die legendäre Drag Queen und LGBTQI+-Aktivistin

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Seit 103 Jahren besitzen Frauen in Deutschland das Wahlrecht, seit 40 Jahren ist es ihnen erlaubt, ein eigenes Konto zu eröffnen, seit 24 Jahren ist Vergewaltigung in der Ehe verboten und vor vier Jahren wurde der Grundsatz „Nein heißt Nein“ gegen sexuelle Belästigung im Strafgesetzbuch aufgenommen. Fortschritt? Jein. Was progressiv klingt, ist tatsächlich ein wahrlich kleiner Nenner eines jahrhundertelangen Kampfes. Am 08. März jährte sich der Internationale Weltfrauentag, oder besser gesagt Feministischer Kampftag – und noch immer müssen sich Frauen weltweit für ihre Gleichberechtigung und Anerkennung einsetzen. Gender Pay Gap, weibliche Altersarmut sowie sexuelle Belästigung und Missbrauch gehören für die meisten Frauen nach wie vor zum Alltag. Und das im Jahr 2021!

Anstatt sich jedoch der Wut und Frustration hinzugeben, möchte die Autorin dieses Textes den Monat im Zeichen der Frau und die Zeit danach stattdessen dafür nutzen, auf all die Pionierinnen aufmerksam zu machen, die die Welt verändert haben – und in Geschichtsbüchern dennoch häufig nicht vorkommen. Willkommen zur ME-Rubrik „FLINTA*, die mit ihrer Kunst die Welt verändert haben“. Ihr habt noch nie etwas von FLINTA* gehört? No worries: Der Begriff ist relativ neu und bezeichnet alle weiblich gelesenen Personen, die im Patriarchat diskriminiert werden – somit werden darunter nicht nur heterosexuelle cis-Frauen, sondern auch homo- oder bisexuelle, intersexuelle und nicht-binäre Frauen, sowie Trans- und agender-Personen miteingeschlossen.

Diese Woche im Portrait: Marsha P. Johnson – Drag Queen, Sexarbeiterin, LGBTQI+-Aktivistin

Es ist Pride Month – der wichtigste Monat im Jahr für die LGBTQI+-Community, in dem es ausschließlich darum gehen soll, die Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte und bunte Vielfalt aller Mitglieder weltweit zu zelebrieren. Doch auch wenn die gleichgeschlechtliche Ehe in einigen Ländern endlich (!) erlaubt ist und „Pride“ in vielen westlichen Ländern in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein scheint, ist die Welt für die meisten homosexuellen, non-binären und trans-Menschen nach wie vor kein sicherer Ort. Diskriminierung, sexuelle und physische Gewalt sowie gesellschaftliche Ächtung und Stigmatisisierung gehören zu den Kämpfen, denen Millionen von Menschen täglich ausgesetzt sind.

Eine Person, die diese Kämpfe an vorderster Front ausgefochten und damit zu einer Pionierin der LGBTQI+-Community geworden ist, war Marsha P. Johnson. Die stadtbekannte Drag-Queen und trans-Frau war eine prominente Figur des Gay Rights Movement in den 1970er-Jahren, gründete eine Organisation zur Unterstützung von transsexuellen Jugendlichen, stand Modell für Andy Warhol und lebte fast ihr gesamtes Leben auf der Straße. Heute gilt sie als Ikone.

Mit nur 15 US-Dollar in der Tasche zieht sie nach New York

Johnson kommt als Malcolm Michaels Jr. am 25. August 1945 zur Welt. Sie ist das fünfte von sieben Kindern einer ärmlichen Arbeiterfamilie – ihr Vater ist Fabrikarbeiter, ihre Mutter Haushälterin. Schon mit fünf Jahren trägt sie gerne Frauenkleider, womit sie nach einigen Diskriminierungserfahrungen jedoch wieder aufhört, wie sie selbst später erzählt. Auch muss sie schon früh Erfahrungen mit sexueller Gewalt machen – so berichtet sie in einem Interview, sie sei als Kind von einem 13-jährigen Jungen sexuell missbraucht worden. Im Jahr 1963 schließt Johnson die High School ab und zieht – nur mit 15 US-Dollar in der Tasche – sofort nach New York. Sie ist 17 Jahre alt. In Zeiten von Rassentrennung, Kaltem Krieg und Homophobie gleicht New York damals einer Art Heimathafen für Ausgestoßene; ein Schmelzpunkt für Personen verschiedenster Kulturen und identitären Ausprägungen, die offiziell nicht zur Norm gehören. Genau der richtige Ort also für einen Schwarzen jungen Mann, der sich als Frau identifiziert.

Mehr als 100 Mal verhaftet und sogar einmal angeschossen worden

Dies bedeutet jedoch nicht, dass Johnson es einfach hatte. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1963 gilt öffentliches Tanzen eines gleichgeschlechtlichen Paares noch als verboten, homosexuellen Personen dürfen in Bars und Kneipen kein Alkohol ausgeschenkt werden und Crossdressing steht unter dem strafrechtlichen Terminus „abnormales Sexualverhalten“. So wundert es auch wenig, dass Marsha P. Johnson – als schwarze Drag-Queen – zunächst wenig Möglichkeiten hatte, sich ein Leben in der Metropole aufzubauen. Unter dem Namen „Black Marsha“ beginnt sie deshalb bald damit, als Prostituierte zu arbeiten, was sie häufig in lebensgefährliche Situationen bringt. Sie selbst erzählt später, dass sie insgesamt mehr als 100 Mal verhaftet und einmal sogar angeschossen wurde.

Doch anstatt sich dem gesellschaftlichen System aus Angst zu beugen und anzupassen, bleibt sie sich treu: Sie nimmt den Namen Marsha P. Johnson an und kleidet sich fortan ausschließlich in Frauenklamotten. Ihre Kleidung besteht häufig aus Stoffen und Klamotten, die sie in Secondhand-Läden gekauft oder auf der Straße gefunden hat. Am liebsten trägt sie Blumenkränze wie Kronen im Haar, bunte Schmuckstücke und Perlen sowie auffälliges Make-Up und Plastik-High-Heels. Das „P“ in ihrem Namen steht – laut eigenen Aussagen – für „Pay It No Mind“, auf deutsch: „Beachte es nicht“.

Bei den „Stonewall-Unruhen“ kämpft sie an vorderster Front

Aus heutiger Sicht könnte Marsha P. Johnson als trans-Frau bezeichnet werden – ein Begriff, der damals jedoch nicht benutzt wurde. Sie selbst benutzte weibliche Pronomen, bezeichnete sich ihr Leben lang jedoch als Transvestitin, homosexuell und Drag Queen. Im Jahr 1969, im Alter von nur 23 Jahren, wird Johnson ein historischer Moment zuteil. Sie und ihre gute Freundin Sylvia Rivera – eine puerto-ricanische trans-Frau, die schon mit elf Jahren nach New York gezogen war – halten sich in den frühen Morgenstunden des 28. Juni 1969 in der Nähe der bekannten Schwulenbar „Stonewall Inn“ auf, als die Polizei eintrifft und beginnt, die Anwesenden zu verhaften. Es ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Die Gäste und Bewohner:innen rund um die Christopher Street – dem Zentrum der damaligen LGBTQI+-Community – schlagen zurück, möchten gegen die Ungerechtigkeit und Gewalt, der sie ständig ausgesetzt sind, endlich ankämpfen. Aus einer geplanten Razzia entwickelt sich so ein tagelanger Aufstand, der heute unter dem Titel „Stonewall-Unruhen“ in die Geschichte eingegangen ist. Und Marsha P. Johnson ist mittendrin.

Johnson und Rivera gründen die Organisation STAR für wohnungslose non-binäre Jugendliche

Die 1970er-Jahre läuten ein neues Zeitalter für die LGBTQI+-Community ein. Die „Stonewall Unruhen“ sind ein Wendepunkt im Kampf gegen die Unterdrückung von queeren Menschen, aus dem bald die ersten „Pride Parades“ und Demonstrationen des gay rights movement entspringen. Marsha P. Johnson engagiert sich zunächst leidenschaftlich bei der der neu gegründeten „Gay Liberation Front“, nimmt an Kundgebungen und Protestaktionen teil. Doch schon bald bemerkt sie, dass sich die Lesben- und Schwulenbewegung primär auf weiße homosexuelle Frauen und Männer ausrichtet und sowohl afroamerikanische als auch trans-Menschen dabei auf der Strecke bleiben. Frustriert wendet sich Johnson daraufhin an ihre gute Freundin Sylvia Rivera, die ihr eine Idee vorstellt: Gemeinsam gründen die beiden die „Street Transvestite Action Revolutionaries“ (STAR), die junge wohnungslose non-binäre Jugendliche unterstützen soll.

Sowohl Johnson als auch Rivera wohnen ihr Leben lang hauptsächlich auf der Straße, kommen in Kinos, Autos oder bei Freund:innen unter – ein Schicksal, das viele trans-Personen damals teilten. Zunächst kommen Johnson, Rivera und einige Jugendliche in einem verlassen geglaubten Van unter – bis dieser eines Tages doch abgeholt wird. Daraufhin mieten die beiden Freundinnen ein Mietshaus in der 213 East Second Street, das als neue Heimat für die Mitglieder von STAR fungieren soll. Gemeinsam kümmern sie sich darum, dass jeden Tag Essen auf dem Tisch steht und nehmen eine Art Mütterrolle für die jungen trans-Mädchen und-Jungs ein. Doch nach acht Monaten können Johnson und Rivera die Miete nicht mehr bezahlen, das Geld fehlt. So löst sich das Wohnprojekt auf, doch die Organisation bleibt bis ins Jahr 1973 bestehen.

Andy Warhol lichtet sie für sein Projekt „Ladies and Gentlemen“ ab

Sowohl ihre Präsenz bei den „Stonewall-Unruhen“ als auch die Aufmerksamkeit, die sie als Drag Queen und Aktivistin auf sich gezogen hat, machen sich in den 1970er-Jahren immer mehr bemerkbar. Marsha P. Johnson entwickelt sich zu einer prominenten Figur in Greenwich Village und findet Freund:innen im gesamten Viertel. Ihre auffällige Erscheinung und ihr stets freundliches und hilfsbereites Auftreten brachten ihr den Spitznamen „Saint Marsha“ ein. Im Jahr 1975 zieht sie auch die Aufmerksamkeit von Andy Warhol auf sich, der sie für sein Projekt „Ladies and Gentlemen“ ablichtet – ein Portfolio mit Fotos von Drag Queens und trans-Personen im Club „The Gilded Grape“. Zudem beginnt sie im Jahr 1972, gemeinsam mit der Drag-Performance-Gruppe „Hot Peaches“ aufzutreten. Doch es läuft nicht alles positiv in ihrem Leben: Anfang der 1970er-Jahre erlebt Johnson den ersten von einigen Nervenzusammenbrüchen und wird vorübergehend in eine psychiatrische Klinik gebracht. Es wird nicht das letzte Mal sein. Einige Zeitzeug:innen erinnern sich, dass sie teilweise nackt und verwirrt durchs Viertel lief, unter Konzentrationsstörungen litt, als männliche Persona Malcolm zu Gewaltausbrüchen neigte und teilweise sogar Schlägereien begann. Johnson selbst sagte einmal über ihre mentale Gesundheit: „I may be crazy, but that doesn’t make me wrong.“

„Sie nennen mich eine Legende meiner Zeit“

Das Jahr 1980 kann als Meilenstein in ihrem Leben angesehen werden: Zum allerersten Mal darf Marsha P. Johnson im vordersten Wagen bei der jährlichen „Gay Pride Parade“ in New York vorfahren – eine große Ehre, die einer Verbeugung vor ihren aktivistischen Errungenschaften gleicht. Im selben Jahr zieht sie in das Haus ihres guten Freundes und gay rights-Aktivist Randy Wicker und kümmert sich um dessen an HIV erkrankten Geliebten David Combs. Sein Tod im Jahr 1990 und viele weitere Todesfälle ihrer Freund:innen, die durch AIDS ihr Leben verlieren, treffen Marsha hart. Immer mehr engagiert sie sich gegen AIDS und nimmt an Treffen der AIDS-Lobby-Gruppe ACT UP teil. Dann, im Jahr 1992, macht Johnson öffentlich, dass sie selbst seit zwei Jahren an HIV erkrankt sei. Sie sagt: „Sie nennen mich eine Legende meiner eigenen Zeit, weil bereits so viele Queens weg sind, dass ich als eine der wenigen Queens aus den 70er- und 80er-Jahren übrig bin.“

Ein Leben zwischen Gewalt und Popularität

Nur ein paar Tage nach diesem Interview wird Marsha P. Johnsons lebloser Körper aus dem Hudson River geborgen. Sie wird nur 47 Jahre alt. Das Urteil der Polizei: Selbstmord. Alle ihre Freund:innen dementieren die Vermutung. Keine:r ihrer Bekannten stuft sie als selbstmordgefährdet ein, trotz psychischer Probleme. Stattdessen merken sie die enorme Wunde auf dem Hinterkopf der Leiche an, worauf die Polizei jedoch nicht näher eingehen möchte. Erst im Jahr 2012 wurde der Fall aus dem Archiv hervorgekramt und die Ermittlungen wieder aufgenommen. Seither wird der mysteriöse Todesfall von Marsha P. Johnson ein weiteres Mal untersucht, bisher jedoch ohne Ergebnisse. Marsha P. Johnson lebte ein Leben zwischen Gewalt und Popularität, zwischen Diskriminierung und Ansehen. Im Greenwich Village war sie eine bekannte und beliebte Figur, ihre Freundlichkeit und ihr Selbstbewusstsein wurde von vielen Menschen bewundert. Und dennoch verbrachte sie weite Teile ihres Lebens auf der Straße, verdiente ihr Geld durch Sexarbeit und musste immer für ihre Legitimität und Existenz kämpfen.

Ihr Erbe trägt sich weiter

So kann es als bittersüß bezeichnet werden, dass ihre Leistungen für die LGBTQI+-Community erst jetzt immer mehr anerkannt werden: Im Jahr 2019 wurde etwa bekannt gegeben, dass sowohl Johnson als auch Sylvia Rivera mit Denkmälern in der Nähe des Stonewall-Clubs geehrt werden sollen. Damit sind sie die allerersten transgender Aktivist:innen aller Zeiten, die ein Denkmal erhalten. Und auch in Johnsons Heimatstadt Elizabeth, New Jersey soll an Stelle der Statue von Christopher Columbus ein Monument für sie errichtet werden. Zudem hat New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo Anfang 2020 bekannt gegeben, dass der „East River State Park“ in Brooklyn Johnson zu Ehren umbenannt werden wird. Ihr Erbe trägt sich weiter. „Marsha P. Johnson könnte als die am stärksten marginalisierte aller Menschen wahrgenommen werden – schwarz, queer, gender-nonkonform, arm“, wird Susan Stryker, Professorin für Gender Studies an der Universität von Arizona, in einem Artikel der „New York Times“ zitiert. „Man könnte erwarten, dass eine Person in einer solchen Position zerbrechlich, geschunden und niedergeschlagen ist. Stattdessen hatte Marsha diese Lebensfreude, eine Fähigkeit, Freude in einer Welt des Leidens zu finden. Sie kanalisierte sie in politisches Handeln und tat es mit einer Art Wildheit, Anmut und Heiterkeit, mit einer abgedrehten, absurden Reaktion auf all das.“

Die Pride-Parade wurde 2020 wegen der COVID-19-Pandemie abgesagt. Stattdessen versammeln sich Mitglieder der LGBTQI+ Community zur Kundgebung anlässlich des 50. Jahrestages des Stonewall-Aufstandes und zur Unterstützung der Black-Lives-Matter-Bewegung. In der Hand halten sie Pride Puppets von Künstler Chris Williams, die Marsha P. Johnson, Sylvia Rivera, Billy Porter, Laverne Cox, Janelle Monae abbilden.
Pacific Press Pacific Press/LightRocket via Getty Images

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