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Porträt

Julie d’Aubigny: Rebellische Duellantin und Opernstar im 17. Jahrhundert

von

Seit 103 Jahren besitzen Frauen in Deutschland das Wahlrecht, seit 40 Jahren ist es ihnen erlaubt, ein eigenes Konto zu eröffnen, seit 24 Jahren ist Vergewaltigung in der Ehe verboten und vor vier Jahren wurde der Grundsatz „Nein heißt Nein“ gegen sexuelle Belästigung im Strafgesetzbuch aufgenommen. Fortschritt? Jein. Was progressiv klingt, ist tatsächlich ein wahrlich kleiner Nenner eines jahrhundertelangen Kampfes. Am 08. März jährte sich der Internationale Weltfrauentag, oder besser gesagt Feministischer Kampftag – und noch immer müssen sich Frauen weltweit für ihre Gleichberechtigung und Anerkennung einsetzen. Gender Pay Gap, weibliche Altersarmut sowie sexuelle Belästigung und Missbrauch gehören für die meisten Frauen nach wie vor zum Alltag. Und das im Jahr 2021!

Anstatt sich jedoch der Wut und Frustration hinzugeben, möchte die Autorin dieses Textes den Monat im Zeichen der Frau stattdessen dafür nutzen, auf all die Pionierinnen aufmerksam zu machen, die die Welt verändert haben – und in Geschichtsbüchern dennoch häufig nicht vorkommen. Willkommen zur ME-Rubrik „FLINTA*, die mit ihrer Kunst die Welt verändert haben“. Ihr habt noch nie etwas von FLINTA* gehört? No worries: Der Begriff ist relativ neu und bezeichnet alle weiblich gelesenen Personen, die im Patriarchat diskriminiert werden – somit werden darunter nicht nur heterosexuelle cis-Frauen, sondern auch homo- oder bisexuelle, intersexuelle und nicht-binäre Frauen, sowie Trans- und agender-Personen miteingeschlossen.

Diese Woche im Portrait: Julie d’Aubigny – Opernsängerin, Schwertkämpferin, Rebellin

Diese Woche wagen wir einen etwas gewagteren Zeitsprung – zurück ins 17. Jahrhundert. Damals lebte eine Frau in Frankreich, die aufgrund von Skandalen, Grenzgängen und unfassbarem Talent als Ikone in die Geschichte eingegangen ist. Dennoch wird bis heute längst nicht genug über sie berichtet. Sie war eine der besten Duellantinnen des Landes, ein Kritiker bescheinigte ihr während ihrer Zeit als Opernsängerin „die schönste Stimme der Welt“ zu haben, sie steckte ein Kloster in Brand um ihrer Liebhaberin die Flucht zu ermöglichen und wurde gleich zweimal (!) von König Louis XIV für ihre Taten begnadigt. Vorhang auf für Julie D’Aubigny: die talentierte Schwertkämpferin, Opernsängerin und bisexuelle Ikone, die Frankreich mit ihrer Furchtlosigkeit gänzlich auf den Kopf stellte.

Julie darf von klein auf mit den männlichen Pagen am Unterricht teilnehmen

Über Julie D’Aubignys Kindheit existieren wenig bis keine Informationen. Wenig wurde überliefert, selbst ihr genaues Geburtsdatum bleibt ein Rätsel. Sicher ist jedoch, dass Julie D’Aubigny um das Jahr 1673 herum als einzige Tochter von Gaston d’Aubigny geboren wird, der als Sekretär des Reitmeisters von König Louis XIV – der Hochadelige Louis de Lorraine-Guise, auch Graf d’Armagnac genannt – am königlichen Hof arbeitet. Zunächst lebt Julie mit ihrem Vater in der Reitschule des Tuilerienpalastes in Paris, zieht im Jahr 1682 jedoch mit dem gesamten Hofstaat in das prachtvolle Schloss Versailles. Da ihr Vater auch dafür verantwortlich ist, Pagen auf ihre Zeit am königlichen Hof vorzubereiten, darf auch Julie von klein auf an dem regelmäßigen Unterricht teilnehmen – so genießt sie eine hohe Bildung und übt sich in den Fächern Lesen, Zeichnen, Tanzen, Literatur und Duellieren. Letzteres sollte ihr Fachgebiet werden. Mit 14 Jahren beginnt Julie D’Aubigny eine Affäre mit Graf d’Armagnac, dem Vorgesetzten ihres Vaters. Um ihr Ansehen zu schützen, lässt dieser sie jedoch alsbald mit dem Sieur de Maupin verheiraten, über den sie ihren Ehenamen Julie-Émilie de Maupin erhält. Ihr frisch angetrauter Ehemann wird kurz nach der Hochzeit aus beruflichen Gründen nach Toulouse geschickt und Julie bleibt als Mätresse des Grafen in Paris zurück. Allerdings nicht lange.

Um ihre Geliebte aus dem Kloster zu befreien, schmiedet sie einen unglaublichen Fluchtplan

Im Jahr 1687 – demselben Jahr ihrer Hochzeit – verliebt sich die junge Frau in ihren Fechtlehrer Séranne und brennt bald darauf mit ihm nach Marseille durch. Um sich finanziell über Wasser zu halten, tritt das Paar für einige Zeit mit Fechtvorführungen und Gesangsdarbietungen auf Marktplätzen oder Jahrmärkten auf – wobei Julie ausschließlich Männerklamotten trägt. Eine Legende besagt sogar, dass ein Zuschauer während einer ihrer Performances verlautbart habe, dass Frauen doch unmöglich so gut duellieren könnten wie sie, woraufhin Julie ihm nur stumm ihre Brüste gezeigt haben soll. Trotz ihres wachsenden Erfolgs als wandernde Fecht- und Gesangskünstler*innen erlischt die Liebe zwischen Julie und Séranne schnell und die junge Frau geht nach Marseille, um sich dort der Operntruppe von dem Komponisten Pierre Gaultier anzuschließen. Bei einem ihrer Konzerte verliebt sie sich in die Tochter eines örtlichen Kaufmanns, die im Publikum sitzt, und die beiden beginnen eine Beziehung. Als die Eltern des Mädchens von der Liebschaft erfahren, bringen sie ihre Tochter in einem Kloster in Avignon unter. Davon lässt sich Julie aber nicht abschrecken und sie beginnt damit, einen genialen Fluchtplan zu schmieden: Kurz nachdem eine ältere Nonne stirbt, schleust sie sich in das Kloster ein, legt den Leichnam auf das Bett ihrer Geliebten und zündet das Kloster an. So können sich die beiden heimlich davonstehlen. Als das Nationalgericht ihre wahre Identität aufdeckt, wird Julie D’Aubigny in Abwesenheit zum Tode verurteilt – die Anklagepunkte lauten Entführung, Leichenraub und Brandstiftung.

Die berüchtigte Duellantin erhält mit nur 17 Jahren ein Engagement an der Pariser Oper

Nach nur drei Monaten endet die Beziehung zwischen D’Aubigny und ihrer Liebhaberin und die junge Frau begibt sich auf die Suche nach Mentoren, um ihr gesangliches Handwerk zu verbessern. So trifft sie auf einen alten Schauspieler namens Maréchal, der ihr Gesangsunterricht gibt. Als sein Alkoholismus jedoch immer schlimmer wird, verlässt sie ihn und zieht nach Paris, wo sie sich den Opernsänger Gabriel-Vincent Thévenard als Liebhaber nimmt. Thévenard ist von Julies Gesang begeistert und bringt die Pariser Oper dazu, ihr ein Vorsingen zu gewähren. Die Verantwortlichen der Oper wiederum erkennen D’Aubignys Talent sofort und bringen den König dazu (gemeinsam mit ihrem ehemaligen Geliebten Graf d’Armagnac), das Todesurteil gegen sie aufzuheben. So kommt es, dass die berüchtigte Duellantin im Jahr 1690 mit nur 17 Jahren ein Engagement an der berühmten Pariser Opéra erhält. Noch in demselben Jahr debütiert sie in der Rolle der Pallas Athene in Jean-Baptiste Lullys bekannter Oper „Cadmus et Hermione“. Obwohl sie nie gelernt hatte, Noten zu lesen, wird aus der rothaarigen Schönheit schon bald ein Opernstar: Mehrere Jahre tritt sie unter dem Namen „Mademoiselle de Maupin“ in der Opéra auf, zunächst in Paris, später in Brüssel. Im Jahr 1701 bezeichnet der Marquis de Dangeau ihre Stimme sogar als „die schönste der Welt“.

Sie wird ein zweites Mal von König Louis XIV begnadigt – aufgrund von Charme und Überredungskunst

Trotz ihres nun hohen sozialen Ansehens wendet sich die Sängerin immer wieder ihrem Lieblings-Zeitvertreib zu – dem Duellieren. So wird ihre Karriere in Paris abrupt unterbrochen, als sie sich als Mann verkleidet auf einen Ball begibt, dort eine Frau küsst und von drei Männern zum Duell aufgefordert wird, die sie kurzerhand alle besiegt. Insgesamt sollen in verschiedenen Duellen mehr als zehn Männer ihrem Schwert erlegen sein. Der Staat macht ihr daraufhin kurzen Prozess: Julie D’Aubigny wird ein weiteres Mal zum Tode verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt existieren in Frankreich strenge Gesetze mit dem Ziel, illegale Duelle zu verhindern. Doch obwohl die Lage für D’Aubigny in diesem Moment mehr als aussichtslos erscheint, ist ihre Geschichte hier noch längst nicht zuende: So schafft sie es mit ihrem Charme und genug Überredungskunst, eine zweite Begnadigung von König Louis XIV zu erhalten – mit der Begründung, jene Gesetze würden ausschließlich nur für Männer gelten, da die Nation zu dieser Zeit noch davon ausging, dass Frauen unmöglich kämpfen könnten. Dieser Logik muss sich der König geschlagen geben.

Mit nur 33 Jahren stirbt D’Aubigny zurückgezogen in einem Kloster in der Provence

Nach ihrer Freilassung geht Julie D’Aubigny an die Oper in Brüssel, wo sie eine Affäre mit dem Kurfürsten von Bayern beginnt. Nachdem sie sich bei einem Auftritt einen Dolch in den Körper rammt, wird es ihm jedoch zu viel und er bietet ihr 40.000 Francs dafür, dass sie ihn in Ruhe lässt. Wütend zieht sie nach Madrid, wo sie für eine kurze Zeit als Zofe für die Gräfin Marino arbeitet – einer Geschichte zufolge soll sie die Gräfin so sehr gehasst haben, dass sie ihr vor einem großen Ball Radieschen in die Haare geschmiert hat. Daraufhin ist „La Maupin“ wieder an verschiedenen Opernhäusern tätig, singt einmal sogar am Königshof in Versailles und spielt in einigen der größten und bekanntesten Opern-Produktionen ihrer Zeit mit. Im Jahr 1703 verliebt sich Julie D’Aubigny in die berühmte und wohlhabende Madame la Marquise de Florensac, die damals als „schönste Frau Frankreichs“ galt. Zwei Jahre lang sollen die beiden eine sehr harmonische Beziehung geführt haben, bis Florensac im Jahr 1705 an einem Fieber stirbt. Noch in demselben Jahr beendet „La Maupin“ ihre Opernkarriere und zieht sich in ein Kloster in der Provence zurück, wo sie im Jahr 1707 im Alter von nur 33 Jahren stirbt.

„Julie war weniger ein Produkt ihrer Zeit als vielmehr eine Frau, die es verstand, die Zeit, in die sie hineingeboren wurde, zu nutzen“

Julie D’Aubignys Biographie liest sich wie eine über Jahrhunderte hinweg zusammengeschusterte Legende. Und sicherlich: Viele Informationen, die Historiker*innen heute über sie erzählen, können nicht hundertprozentig validiert werden. Dies liegt primär auch daran, dass D’Aubigny zeitlebens viele verschiedene Namen trug und sie etwa in manchen Briefen Émilie, in anderen Julia oder Julie genannt wurde. Trotz einer gewissen Unsicherheit, was nun Wahrheit und was Humbug ist, lässt sich Julie D’Aubignys historische Einzigartigkeit nicht verkennen. Sie war eine rebellische Duellantin, eine offen bisexuell lebende Star-Opernsängerin, die mit den Ranghöchsten des Landes verkehrte und dem Tod mehrfach von der Schippe sprang. Unter König Louis XIV‘ Motto „Kunst macht Politik“ war Frankreich im 17. Jahrhundert zwar relativ tolerant, was sexuelle Freiheiten anging – dennoch setzte sich D’Aubigny stets über bestehende Grenzen hinweg. Wie es auf der Geschichts-Plattform „Medium“ heißt: „Julie war weniger ein Produkt ihrer Zeit als vielmehr eine Frau, die es verstand, die Zeit, in die sie hineingeboren wurde, zu nutzen, um die Person sein zu können, die sie wirklich war.“

domaine public, Wikipedia Commons Collection Michel Hennin : Estampes relatives à l'Histoire de France.

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