Highlight: Die 50 besten Songs des Jahres 2017

Mensch, Maschine: Ein Besuch bei Damon Albarn, dem Chefarchitekten der Gorillaz

Wer im Nordwesten des Londoner Stadtteils Kensington arbeitet, muss sich manchmal ein wenig verrückt vorkommen. Hier, wo aus Wohnvierteln langsam ein Industriegebiet wird, verirrt sich selten eine Menschenseele hin. Selbst die örtliche Kirchengemeinde wirbt auf einem Plakat damit, dass die Messen neuerdings live gestreamt werden, damit auch ja niemand den Weg durch diesen grauen Einheitsbrei aus Autowerkstätten, Möbelherstellern und Bürogebäuden auf sich nehmen muss. Wer es trotzdem tut, hat dafür realistische Chancen, einem Popstar zu begegnen: Grace Jones, Vince Staples, De La Soul und Pusha T waren alle im vergangenen Jahr zu Besuch in einem unscheinbaren Malerbetrieb, dessen Chef jeden Morgen um 9 Uhr zur Arbeit kommt und um 17 Uhr wieder geht.

„Der Vorteil ist, dass man nie aufhört, Musik zu machen“, sagt Damon Albarn, Hausherr des gut getarnten Studios, über sein strenges Arbeitsethos. „Der Nachteil ist, dass man zu nichts anderem mehr kommt.“ Hier, in einer der langweiligsten Ecken seiner Heimatstadt, hat er sich ein Haus voller Studios eingerichtet, das er sich inzwischen mit anderen teilt: Die mittleren Etagen sind von verschiedenen Produzenten belegt. Sein eigenes Studio befindet sich im Erdgeschoss, sein gemütlicher Aufenthaltsraum unter dem Dach, verbunden durch ein enges, hellblaues Treppenhaus, das am Tag unseres Besuchs intensiv nach Zimt riecht. An den Wänden hängen Bilder von arktischen Eislandschaften und dem Stonehenge, daneben ein Filmplakat – und eine gigantische Moderationskarte von David Letterman, mit der er einst einen Gorillaz-Auftritt in seiner „Late Show“ ankündigen sollte.

Albarn hat sich Fehler eingestanden

Als Zeichner Jamie Hewlett und Blur-Sänger Damon Albarn vor 17 Jahren die fiktive Band Gorillaz konzipierten, war das Projekt nur die Schnapsidee zweier Mitbewohner. Beide hatten sich frisch von ihren Freundinnen getrennt, waren wütend über die Substanzlosigkeit des Musikfernsehens und beschlossen, ihrem Ärger Luft zu machen: mit einer fiktiven Band, die gefeiert werden sollte wie eine echte. Heute sind Gorillaz ein Ventil, durch das Damon Albarn Popmusik veröffentlichen kann, ohne selbst Popstar sein zu müssen. „Durch die Animationen hat das Projekt immer ein zusätzliches Publikum erreicht, das mit meinen musikalischen Wurzeln nichts zu tun hatte“, sagt Albarn. „Ich mag es, wenn Musik und Visuals zusammen funktionieren.“ Dass das 2010 und 2011 bei den Alben PLASTIC BEACH und THE FALL nicht mehr der Fall war, hat sich Albarn bereits eingestanden. Besonders in der Live-Show spielten Hewletts Zeichnungen nur eine untergeordnete Rolle, das Verhältnis der beiden begann zu bröckeln.

Kooperation

Inzwischen scheint die fiktive Band im gesamten Gorillaz-Konzept wieder präsenter zu sein: Die Musikvideos wirken aufwendiger als bisher, und auf dem Instagram-Account der Band wurde über Wochen die komplette Geschichte der Gorillaz in kurzen Clips nacherzählt. Schon die Quantität von Hewletts Input ist enorm gestiegen. Doch inwiefern die Visuals noch mit Albarns Musik zusammenhängen, ist nicht immer ersichtlich. Albarn betont zwar, dass Hewlett auch in musikalische Entscheidungen involviert ist – und er selbst in visuelle – doch man merkt ihm an, dass er die neue Gorillaz- Platte HUMANZ, ein „Album für ungewisse Zeiten“, nicht länger als das Werk eines Duos sieht. Gerade die zwei anderen Produzenten, Twilite Tone und Remy Kabaka, sind Teil des Kernprojekts geworden. „Ich mag vielleicht der Architekt sein“, sagt Albarn, „aber ich kann das Gebäude nicht alleine bauen.“

Musikexpress: Bevor THE MAGIC WHIP herauskam, hast du mehrfach gesagt, es würde kein neues Blur-Album geben. Bei Gorillaz war es ähnlich: Es hieß, die Band habe keine Zukunft, und Jamie und du seien zerstritten. Jetzt seid ihr auf einmal zurück. Kann man diese beiden Prozesse miteinander vergleichen?

Albarn: Nein, es war ganz anders. THE MAGIC WHIP hatten wir nie wirklich geplant. Es war ein ungewolltes Baby. Aber am Ende hat man ja alle seine Kinder gleich lieb. Trotzdem: An diesem hier habe ich seit Januar letzten Jahres konzentriert gearbeitet. Ich wollte auf jeden Fall ein schnelles, elektronisches Album machen. Und wenn ich ein elektronisches Album aufnehme, kann ich ja gleich ein Gorillaz-Album draus machen.

Wann hast du zum ersten Mal Kontakt mit Jamie aufgenommen?

Wir haben schon ein Jahr vorher darüber gesprochen. Es ist jedes Mal eine sehr ungewisse und schwer planbare Sache. Als wir angefangen haben, waren wir Mitbewohner. Dann haben wir nur noch in derselben Stadt gelebt, und heute leben wir in verschiedenen Ländern (Hewlett ist nach Paris gezogen – Anm. d. A.). Es ist also mehr eine Fernbeziehung als eine tägliche Angelegenheit. Wir haben uns jedenfalls die Frage gestellt: Wie wird die Welt in einem Jahr aussehen? Und auf Grundlage dieser Ideen ist das Album entstanden, gleichermaßen schmerzhaft, spaßig und sehr eindringlich.

Was dachtet ihr denn, was mit der Welt geschehen werde?

Damon Albarn

Ich war fest davon überzeugt, dass Trump Präsident wird. Und ich habe mich gefragt, wie eine Welt mit ihm aussehen würde. Das war eine Art Antrieb für die Platte. Sie handelt natürlich nicht spezifisch von ihm, aber zumindest von der Idee, dass etwas so Gravierendes passieren und alles über den Haufen werfen könnte. Musik sollte sich lieber mit Gefühlen beschäftigen als mit Politik. Also gibt es auf der Platte auch keine Politik im eigentlichen Sinne. Es hat mich aber trotzdem sehr beschäftigt: Wenn die Realität immer weiter verdreht wird und frei erfundene Aussagen auf einmal als Fakten durchgehen, wie werden wir darauf reagieren? Werden wir uns betrinken, werden wir tanzen, werden wir jemanden umbringen? Liebe machen? Oder werden wir uns weiter von den Nachrichten hypnotisieren lassen, entsetzt und fasziniert zugleich?

„Der Brexit war das erste Symptom eines neuen Wahnsinns“

Wie hast du denn am Wahlabend reagiert, als das Ergebnis feststand?

Ich war damals in Paris. Aber ich wusste ohnehin von Anfang an, dass er gewinnen würde. Nach dem Brexit war es definitiv klar. Der Brexit war das erste Symptom eines neuen Wahnsinns, der dabei war, jeden zu befallen. Wir leben in wahnsinnigen Zeiten. Nicht dass die Welt vorher allzu gesund war, aber das ist ein neues Niveau. Wenn es eine DEFCON-Skala des Wahnsinns gäbe, wären wir jetzt auf Stufe zwei.

Was könnte denn ein Mittel gegen diesen Wahnsinn sein?

Ich glaube nicht, dass es eine einfache Lösung gibt, aber wir könnten zumindest etwas reflektierter und gelassener miteinander umgehen und nicht ständig versuchen, uns immer noch schneller und noch häufiger zu allem auszulassen. Diese neue Welle des Populismus ist auch unsere Schuld. Wir haben dieses Monster durch Social Media mit erschaffen. Es liegt nicht nur an Trump selbst, auch an der Welt, in der wir leben. Wir erschaffen diese Gollums und geben ihnen Macht. Wie können wir die Macht zurückholen? Wie können wir diese Energie in etwas Neues, Ganzheitliches ummünzen? Ich glaube nicht, dass das Album Antworten darauf bereithält, aber alles, was ich gerade gesagt habe, findet sich auf abstrakte Weise in den Songs wieder.

Wünschst du dir, dass die Popmusik in solchen Zeiten wieder politischer wird?

Es wäre schön, wenn sich Pop als verantwortungsbewusste Kunstform neu erfinden könnte. Aber das sehe ich im Moment nicht kommen. Die meisten Labels nehmen lieber Künstler unter Vertrag, die leere Popmusik machen. Nicht, dass an leerer Popmusik etwas auszusetzen wäre. Aber sie ist nun mal leer. Ich fände es gut, wenn es ein besseres Gleichgewicht gäbe, wenn Pop insgesamt radikaler werden könnte.

Von der Wand blickt Mao Tse-Tung herab

Der einzige Song auf HUMANZ, der explizit von Donald Trump handelt, ist „Hallelujah Money“ mit Benjamin Clementine – der während des Interviews ein paar Etagen unter uns an neuer Musik arbeitet. Der Song, in dem Trumps Pläne zum Mauerbau ins Lächerliche gezogen werden, soll bereits im März vergangenen Jahres fertig gewesen sein – also noch bevor Trump als Kandidat der Republikaner feststand. „Ich werde vorerst keine Songs über Nigel Farage schreiben“, sagt Albarn und lächelt. „Man sollte mit Prognosen immer vorsichtig sein.“

Der einzige Politiker, der uns im obersten Stock des Studios von den Wänden aus anschaut, ist Mao Tse-Tung – ein Verweis auf die viele Zeit, die Albarn in den letzten Jahren in China verbracht hat. Überhaupt: Fast alle Phasen seiner Karriere sind in irgendeiner Form in diesem Raum verewigt, der wie ein kleines Damon-Albarn-Museum wirkt. Ein Kunstwerk seiner Mutter hängt neben Schnitzereien aus Äthiopien und dem Foto eines Tischtennis spielenden Fela Kuti. Die esoterischen Bücher, die im Regal gegenüber stehen, lieferten die Inspiration für Albarns Oper „Dr. Dee“. Das auffälligste Stück ist jedoch seiner Hauptband gewidmet: ein mit Leuchtstoffröhren gepimptes Cover von THE MAGIC WHIP.

Ob die nächste Gorillaz-Phase für weitere positive Erinnerungen sorgen wird, zeigt sich spätestens auf der Tour. Am Nachmittag ist Albarn zum Proben verabredet. Bis zum bandeigenen Festival, den „Demon Dayz“, sind es noch knapp drei Monate. „Ich weiß noch nicht, was uns erwartet. Ich habe so was selbst noch nie gemacht“, sagt er. „Wir lassen uns überraschen.“ Dass diese Band für Überraschungen gut ist, merkt man spätestens auf dem letzten Track von HUMANZ, „We Got The Power“. Neben Savages-Sängerin Jehnny Beth singt da nämlich niemand Geringeres als Noel Gallagher mit. Nachdem Albarn bereits mit Graham Coxon und Jamie Hewlett das Kriegsbeil begraben konnte, scheint er nun sogar seinem Erzfeind zu verzeihen. Es ist die schönste Form von Altersmilde, die man sich vorstellen kann.

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Screenshot, Video Gorillaz

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