Die da oben

Nie wieder Eskimo: Warum Electric Callboy jetzt voll politically correct sind

von
Julia Lorenz
Julia Lorenz

Political Correctness kann Sprache nicht nur umständlicher, sondern auch sehr viel ästhetischer gestalten – da können die Erika Steinbachs dieser Welt noch so oft Begriffe wie „Putenbrustinnenfilet“ in geistiger Umnachtung als neuesten Auswuchs des Genderwahnsinns kritisieren (falls Sie nicht so viel auf Twitter rumhängen: Ja, das ist wirklich passiert). Beweis gefällig? Nun, da wäre zunächst mal TEKKNO, das neue Album der Gruppe Electric Callboy.

Die nämlich haben Anfang des Jahres eingesehen, dass der Bandname Eskimo Callboy, unter dem sie bekannt geworden waren, nicht nur zweifelsfrei vollkommen behämmert ist – sondern auch grob unsensibel gegenüber den indigenen Völkern im nördlichen Polarkreis. Also sind die Sechse aus Castrop-Rauxel nun elektrische Gigolos. Passt eh viel besser zum Sound der Band, die Rave- und Hardcore-Fans zu versöhnen weiß wie einst Atari Teenage Riot. Nur, nun ja, anders.

An der Grenze von Metalcore und Absturz in der Großraumdisco

TEKKNO, das kürzlich auf Platz 1 der deutschen Albencharts einstieg, ist ein – vorsichtig formuliert – sehr eigenständiges Werk an der Grenze von Metalcore und Absturz in der Großraumdisco. Electric Callboy löten in ihren Songs Überschalldrums und müllige Electro-Fanfaren, Mitsingrefrains und brünftiges Gegrunze, Scooter-eske „Hyper Hyper!“-Beats und Boygroupharmonien so schmerzbefreit zusammen, dass selbst die robuste Vorjury für den „Eurovision Song Contest“ ihrem Auftritt bei der jährlichen Völkerschlacht des Pop den Riegel vorschoben: Zu wenig radiotauglich sei ihr Beitrag „Pump It“, hieß es.

Schade eigentlich. Vielleicht hätte sich die Welt ja gefreut, von einem Knüppelact aus dem Land der Dichter, Denker und Till Lindemänner ordentlich durchgeföhnt zu werden. Und das nun sogar mit bestem Gewissen, denn die sehr anständigen Callboys haben nicht nur ihren Namen geändert, sondern auch so manch homophobe und frauenfeindliche Song-Altlast aus ihrem Katalog entfernt. Aber, keine Sorge: Um Saufen und Sex geht’s immer noch. Ob das nun Erika Steinbach zufriedenstellt, das sei dahingestellt.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 12/2022.


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